20. Juli 2019

Gottesdienst am 10. Februar 2019

Predigt: Pastorin Esther Handschin

English

Lukas 5, 1-11 Aber auf dein Wort hin …

Liebe Schwestern und Brüder!

Manche Worte gehen einem nach. Man liest oder hört sie einmal, aber sie setzen sich so in einem fest, dass sie immer wieder auftauchen und neu gehört werden. Mit jeder neuen Erfahrung, die sich auf ein solches Wort bezieht, vertieft es sich und setzt ein Art Jahresring an wie bei einem Baum. Immer wieder neu kann ein solches Wort zur Hilfe werden, um das eigene Leben zu betrachten und zu verstehen. Ein solches Wort ist für mich der Satz: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.“ Es ist ein äthiopisches Sprichwort und war im früheren Liederbuch „leben und loben“ als Fülltext zu finden. Immer wieder erweist sich dieses Wort für mich als wahr. Das Wort, das mir weiterhilft, kommt von außen. Es wird mir gesagt. Ich kann es mir nicht selber sagen. Wir hören heute von einem Menschen, der ebenfalls ein Wort von außen hören und diesem Wort begegnen musste, um zu seiner Berufung zu finden.

Der Fischer Simon, später wird man ihn Petrus nennen, begegnet Jesus, dem lebendigen Wort Gottes. Es fängt zunächst ganz unscheinbar an. Eigentlich richtet Jesus sein Wort an das sich um ihn drängende Volk. Er spricht zur großen Masse, nicht zum einzelnen Menschen. Die Szene, die uns der Evangelist Lukas beschreibt, spielt am Ufer des Sees Genezareth. Es ist mühsam, wenn alle drängeln und man ständig aufpassen muss, von den vielen Menschen nicht ins Wasser gestoßen zu werden. Darum bittet Jesus einen der anwesenden Fischer um einen kleinen Dienst. Wenn Simon ihn nur ein bisschen mit seinem Boot aufs Wasser hinausfahren würde, dann wäre das eine große Erleichterung. Die Füße bleiben trocken und Jesus wird von einem unfreiwilligen Bad im See bewahrt. Es ist ein unscheinbarer Dienst, um den Simon gebeten wird. Aber manchmal sind es gerade diese kleinen Dienste und unscheinbaren Bitten, durch die Menschen die Nähe von Jesus gerufen werden. Ein Beispiel habe ich euch schon von meinem Großvater erzählt. Er hat einen kirchenfernen, aber sprachgewandten Schüler aus seiner Schule gebeten, ob er nicht in einem Theaterstück die Rolle des Mesnerbuben spielen könne. Sonst könne das Laientheater der Methodistenkirche nicht aufgeführt werden. Der einzige Satz, den er zu sagen hatte, lautete: „Muss ich diesen Boden vom Kelch auch putzen?“ Wer hätte damals gedacht, dass dieser Bub 33 Jahre später zum Bischof unserer Kirche gewählt werden würde.

So unscheinbar eine erste Bitte sein mag, Jesus gibt Simon kurz darauf einen konkreten Auftrag: Simon scheint zu den Menschen zu gehören, die mehr brauchen als eine allgemeine Predigt oder eine Bitte um einen kleinen Dienst. Er braucht eine Aufgabe, einen klaren Auftrag. „Fahr hinaus auf den See! Wirf dort deine Netze aus!“ Übertragen könnte das heißen: Wage dich hinaus, hinein in die Weite des Sees! Bleibe nicht nur in Ufernähe! Nütze den ganzen Raum, der dir zur Verfügung steht! Verlass die Schutzgebiete am Ufer, wenn du wirklich etwas dazu gewinnen willst! Dort in der Mitte des Sees wird es mehr Fische geben. Es sind nicht nur deine kleinen Dienste und Gefälligkeiten gefragt. Du hast auch ein Fachwissen, das wertvoll ist. Du hast Fähigkeiten, die du einbringen kannst. Nütze sie zum Wohl von vielen!

Doch gerade dieses Fachwissen steht Simon im Weg. Er als erfahrener Fischer weiß, dass man bei Tag nicht mit einem guten Fang rechnen kann. Dann schwimmen die Fische unten in der Tiefe des Sees. Die Chance auch nur einen Fisch zu fangen ist gering. Gerade so wie in der letzten Nacht wird es nur leere Netze geben. Und noch einmal eine solche Blamage, nein Danke. Die ganze Nacht haben er und seine Kollegen gearbeitet und nichts gefangen. Eine ganze Nacht lang haben sie umsonst gearbeitet. Nichts hat dabei herausgeschaut als höchstens ein paar zerrissene Netze, die man in mühevoller Kleinarbeit wieder flicken muss. Die Entmutigung ist spürbar, aber auch die Skepsis und der Zweifel, ob dieses Unternehmen gelingen wird. Es macht doch keinen Sinn, den Auftrag, den Jesus ausspricht, auszuführen.

Für nichts und wieder nichts durchgearbeitete Tage oder Nächte, das kennen wir. Da arbeitet man am Computer, irgendetwas will diese Kiste nicht schlucken und nach vielen Stunden kann man wieder von Neuem anfangen. Entmutigende Situationen, das kennen wir. Tag für Tag üben wir mit Kindern bestimmte Regeln ein und am nächsten Tag sind sie schon wieder vergessen. Vernunft oder Fachwissen, das uns sagt, dass die ganze Aktion sowieso nichts bringen wird, das kennen wir. Pure Verzweiflung, die uns packt, das kennen wir, wenn die Schmerzen trotz Einsatz verschiedenster Medikamente nicht verschwinden wollen. Und dann finden wir zu unseren eigenen Wörtern und Sätzen, die uns keiner mehr nehmen kann, weil sie zutiefst durch unsere Erfahrung geprägt sind: „Wer das durchgemacht hat, was ich erlebt habe, dem kann keiner mehr was erzählen.“ Oder: „Ich habe schon alles ausprobiert, mir kann eh niemand mehr helfen.“ Oder: „Da ist Hopfen und Malz verloren, das ist nicht mehr der Mühe wert.“ Oder: „Ich habe keine Kraft mehr, jetzt ist mir alles wurscht, sollen die andern schaun, was sie draus machen.“

Wörter, die sich zu einem Satz verdichten, Erfahrungen, die zu Lebensweisheiten gerinnen, Meinungen, die zu Weltbildern erstarren. Wo ist da mitten in unseren Wörtern noch das lebendige Wort Gottes zu finden? Wie können wir dann noch das Wort hören, das uns herausreißt und weiterhilft? Und wie sollen wir da das Wort verkünden, das zum Leben erweckt? Trotz aller Entmutigung und Hoffnungslosigkeit hat Simon für sich das entscheidende Wort gefunden: Er sagt „Aber“ und hinter diesem „Aber“ steckt die Beziehung. „Aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“, so übersetzte es Martin Luther. Mag mir meine ganze Erfahrung, mag mir mein ganzes Fachwissen sagen, dass es schief laufen wird, aber weil du es sagst, will ich es noch einmal versuchen. Mir kommt es vor als würde Simon hier einen Deal, einen Handel mit Gott machen. Die Beziehung soll wettmachen, wo sein Verstand zweifelt. Er ist sich nicht sicher, ob das auch wirklich hinhauen wird mit dem Netze auswerfen. So legt er den Erfolg in die Verantwortung von Jesus: Er wird tun, was Jesus sagt, aber wenn keine Fische ins Netz gehen, so ist das nicht seine Sache, dann hat Jesus und damit das göttliche Wort versagt.

Einen Handel mit Gott abschließen: Das hat für mich einen unangenehmen Beigeschmack. Ich habe gelernt, dass man mit Gott nicht handeln soll. Das hat vielleicht Abraham noch getan, als er mit Gott um die Bewohner der Stadt Sodom gestritten hat. Ein Religionswissenschaftler würde sagen, dass es sich hierbei um eine niedrige Entwicklungsstufe von Religiosität handelt. Es ist als ob der Mensch Gott unter Druck setzen wollte mit seinen Forderungen: „Wenn du mich aus dieser Situation rettest, dann werde ich dies und das für dich tun.“ „Wenn du mein Kind am Leben lässt, dann werde ich mich in deinen Dienst stellen.“ „Wenn du mich in diesem Gewitter am Leben lässt und mich kein Blitz totschlägt, so werde ich Mönch“, so betete Martin Luther und wurde Mönch. „Wenn dieses Mädchen den schrecklichen Unfall mit dem Rodelschlitten überlebt, dann werde ich Pastor“, so betete einst ein Jugendleiter unserer Kirche und wurde Pastor. „Aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen“, so sagte es Simon, der Fischer. Wenn wir mit Gott handeln, so befinden wir uns nicht nur in guter Gesellschaft. Wir müssen auch damit rechnen, dass Gott uns ernst nimmt.

Was ist aus diesem Handel geworden? Trotz seiner Skepsis und seines Zweifels begegnet Simon mitten auf dem See der Güte Gottes. Die Netze sind übervoll mit Fischen, sie drohen zu zerreißen. Simon muss seine Fischerkollegen um Hilfe bitten, damit er die vielen Fische ins Boot bringen kann. Und die Boote drohen bei dieser großen Fracht beinahe unterzugehen. Mitten auf dem See der Güte Gottes begegnen: Diese Erfahrung ist möglich geworden, weil Simon sich auf das Wort eingelassen hat. An einem Tiefpunkt hat er sich gesagt: Ich habe zwei Möglichkeiten, entweder ich schmeiße alles hin und gebe auf oder ich vertraue darauf, dass dieser Jesus mit dem, was er zu mir sagt, Recht haben wird. Mein Fachwissen sagt mir zwar das pure Gegenteil, mein Verstand lässt mich am Sinn dieser Aktion zweifeln, meine Skepsis sagt mir, dass ich besser am Ufer bleibe und nicht noch eine weitere Blamage riskiere. Aber jetzt will ich es wagen. Aber jetzt will ich es wissen, ob nicht doch etwas an der Sache dran ist. Aber jetzt will ich versuchen, ob das nicht eine Möglichkeit wäre, die meinem Leben mehr Sinn und Tiefe gibt.

Simon sagt „Aber“, „Aber auf dein Wort hin“ und entdeckt, dass dieses Wort mitten in seinen Wörtern des Zweifels ein Gottes Wort ist, das zum Lebenswort wird. Das bisschen Vertrauen, das er in dieses Wort hatte, der kleine Funke Hoffnung, der noch in ihm steckte, sie treffen mitten auf dem See zusammen mit Gottes Güte. Und Simon wird bewusst, dass dieses Wort eine Macht und verändernde Kraft in sich birgt, die ihm zunächst einen großen Schrecken einjagen. Er hat sich mit seinem „Aber auf dein Wort hin“ auf Gott eingelassen, so schwer ihm das gefallen sein mag. Gott ist ihm mit seiner großen Güte und seinem Reichtum begegnet, auch wenn Simon in keiner Weise damit gerechnet hat. Er wurde beschenkt, mehr als er erwartet hat. Wen wundert’s, dass Simon vor sich selbst zurückschreckt. Er erkennt im Spiegel von Gottes Güte, dass er ein armseliger Mensch ist. „Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“ Er sieht sich selbst als einen sündigen Menschen, der Gottes Gnadenangebot gar nicht entsprechen kann. Zutiefst spürt er, dass er der Macht des Wortes und der Kraft der Liebe Gottes gar nicht gewachsen ist. Wozu ihn Jesus gebracht hat, was aus diesem kleinen bisschen Vertrauen geworden ist, das übersteigt das bisher Bekannte in höchstem Maß.

Wir kennen die Fortsetzung der Geschichte. Die Begegnung des Simon mit dem Wort Gottes verändert sein ganzes Leben. Das zögernd ausgesprochene „Aber auf dein Wort hin“ führt dazu, dass Simon seinen Beruf aufgibt und Menschenfischer wird. Das Wort „Aber“ verändert ein Leben, weil dadurch eine erstarrte Lebenserfahrung aufgebrochen wird. Wie könnten sich unsere festgefügten Sätze und erstarrten Weltbilder verändern, wenn wir ihnen dieses Gotteswort „aber“ einfügen würden? „Ich habe viel Schmerzvolles durchgemacht und viel Leid erfahren, aber auf dein Wort hin vertraue ich, dass deine Güte und Liebe größer sind und dass diese meine Erfahrungen nicht die letzten und endgültigen sind.“ Oder: „Nach meinem Ermessen sind Hopfen und Malz verloren, aber auf dein Wort hin will ich diesem mir anvertrauten Menschen mit langmütiger Liebe begegnen, weil ich in ihm ein Geschöpf deiner Güte erkennen kann.“ Oder: „Ich bin mit meiner Kraft und meinen Perspektiven am Ende, aber auf dein Wort hin wage ich es, den sicheren Hafen zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen.“

„Aber auf dein Wort hin“: Das Wort Gottes, das uns in Jesus Christus begegnet und uns zum Leben führen will, mag uns auf verschiedene Weise begegnen. Vielleicht ist es eine unscheinbare Bitte. Es ist uns ein Leichtes sie zu erfüllen, doch die Erfüllung dieser Bitte führt uns in die Nähe Jesu. Vielleicht ist es ein konkreter Auftrag, eine Aufgabe, bei der unsere Fähigkeiten und unser Fachwissen gefragt sind. Wir sind gefordert und erleben, dass es gut ist zu handeln und dass es uns gut tut, Jesus nachzufolgen und Gott zu dienen. Vielleicht fordert dieses Wort zuerst einmal unsere Skepsis und unseren Zweifel heraus. Wir lassen uns nur zögernd auf einen Handel mit Gott ein, aber begegnen mitten auf einem See seiner überwältigenden Güte und Liebe. Und wenn wir dann nach einer gewissen Zeit zurückschauen, um festzustellen wie das Ganze eigentlich angefangen hat, so wird uns bewusst, dass Gott es war, der in unserem Leben den Anfang gemacht hat. Er ist es, der das Wort an unser Ohr dringen lässt. Er begegnet uns mit seiner Güte und Liebe. Er ist es, der über unser Leben sein Ja setzt und uns mit der Kraft seines Geistes durch das Leben geleitet. Und er ist es, der es hoffentlich zu einem Ende bringt, von dem wir sagen können, dass es gut ist. Amen.