21. März 2019

Gottesdienst am 24. Februar 2019

Predigt: Ute Frühwirth

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Der Luxus des Gebetes

Wachet und betet! Betet ohne Unterlass! Lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Seid beharrlich im Gebet. Werfet alle eure Sorgen auf ihn.

Auf der Suche nach Versen über das Gebet in der Bibel, hat mir das Internet 59 Stellen angezeigt. Und ich bin mir sicher, In der Bibel stehen noch mehr Stellen, wo Gott uns zum Gebet aufruft. 

Aber was ist eigentlich „beten“?

Wikipedia schreibt über das Gebet: „Das Gebet (von althochdeutsch gibet, abgeleitet nicht von beten sondern zu bitten) bezeichnet eine zentrale Glaubenspraxis vieler Religionen. Es ist eine verbale oder nonverbale rituelle Zuwendung an transzendente Wesen wie Götter oder Gottheiten. Soweit Wikipedia, kurz und sachlich, trocken, nicht inspirierend! 

Also suche ich weiter und komme auf die Homepage einer Diözese. Und hier steht „Beten ist Hinwendung zu Gott, ein „Gespräch“ des Herzens mit Gott. Das kann allein oder in Gemeinschaft geschehen, laut oder leise, frei gesprochen oder mit vorgegebenen Texten, durch Schweigen, durch das Entzünden einer Kerze oder durch das Betrachten eines Bildes usw…

Da kommen wir der Sache doch schon näher. Beten ist Hinwendung zu Gott. Besonders gut gefällt mir die Aussage „ein Gespräch des Herzens mit Gott“. Ich denke, es muss nicht nur ein Gespräch des Herzens sein, ich führe auch direkte, laute Gespräche mit Gott. Mit Gott sprechen: Ist das nicht der ultimative Luxus?

Weiteres stelle ich mir die Frage: Warum bete ich? Was macht es mit mir, wenn ich mit Gott rede?

Ich möchte euch einladen, einen meiner Tage mit mir zu betrachten in Anlehnung an das Lied von vorher „Beten“. In der ersten Strophe heißt es: „In der Stille angekommen, werd ich ruhig zum Gebet. Mein Wecker läutet so zwischen Viertel und halb sechs. Meine erste Amtshandlung: Kaffeemaschine und Radio einschalten. Keine Spur von Stille. Frühstück und Jause richten und je nachdem wie mein Kind aufgelegt ist, bleibt es bei einem entspannten Morgen, nicht stillen und ruhigen Morgen, aber bei einem entspannten. Dann ab aufs Rad und zum ersten Mal kehrt bei mir Ruhe ein. Mein Weg in die Schule führt durch eine Siedlung wo sich tatsächlich ein wenig Stille breit macht, weil die Straße mit dem morgendlichen Verkehr weiter weg ist. Und meine Gedanken werden ruhig und wandern zu Gott. „Guten Morgen, Herr! Danke für diesen neuen Tag, danke für eine ruhige Nacht, für einen erholsamen Schlaf. Bitte sei bei meinen Lieben und beschütze sie in ihrem Alltag. Danke, dass du auf sie aufpasst. Amen. Und mit einem guten und ruhigen Gefühl radle ich weiter, weil ich weiß, dass Gott meine Lieben in seiner Hand trägt. Es wird 7.45 und die Kinder kommen in die Klasse. 23 kleine Monster, sehr liebenswert aber auch wahnsinnig fordernd. Und nach ca. drei Stunden „Frau Frühwirth. ich kenn mich nicht aus! Frau Frühwirth, der Alexander hat mir mein Lineal weggenommen, Frau Frühwirth, ist die Rechnung richtig? Frau Frühwirth, die Emma ärgert mich!“ – kann es passieren, dass meine Nerven kurzzeitig blank liegen. Warum nur kurzzeitige? Strophe Nummer zwei: „In der Stille angekommen, leg ich meine Maske ab. Und ich sage Gott ganz ehrlich, was ich auf dem Herzen hab:“ Umringt von Kindern schließe ich meine Augen, atme tief durch, öffne meine Augen, schaue nach oben und sage: „Gott, schenke mir Geduld und begleite mich durch diesen Tag!“ Und die kleine Florentina schaut mich an und fragt. „Wer?“ Und die Sache ist erledigt. Dieses kurze Stoßgebet bringt mich wieder ins Gleichgewicht, nimmt mir die Fahrt und lässt mich einfach ruhig werden. Der Tag vergeht und am Abend lasse ich ihn Revue passieren. Ich merke, dass meine Gespräche mit Gott überschaubar geblieben sind. Schlechtes Gewissen macht sich breit, dass ich so gefangen war in meiner Welt und Gott so wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Und da kommt die letzte Strophe zum Tragen: „In der Stille angekommen, nehm ich dankbar was er gibt. Ich darf zu ihm Vater sagen, weil er mich unendlich liebt!“ Ich habe den Tag aus seiner Hand genommen und trotz der wenigen Zeit, die ich für ihn hatte, liebt er mich, ohne wenn und aber. 

Und dann kam der Montag. Er war einer dieser Tage, den wir Lehrer in meiner Schule einen Vollmondtag nennen. Wir treffen uns dann am Gang, schütteln den Kopf und fragen nur: „Ist heute Vollmond?“ Zur Erklärung: die Kinder spielten verrückt und waren nicht zu bändigen. Müde und abgekämpft verließ ich am Nachmittag meinen Arbeitsplatz und da fiel mir mein Predigtthema ein. Es wurde kein Stoßgebet, sondern es wurde ein recht intensives Gebet. Was mir danach aber auch bewusst wurde, war, dass ich Gott und sein Tun zulassen musste. Meine Stimmung war im Keller und es bedurfte mehrerer Gebete um mich von dort heraus zu holen. Aber ich ließ mich auf Gottes Antwort ein, schob meine negativen Gedanken beiseite und Lösungen drängten sich in meinen Kopf. Und anstatt Trübsal zu blasen und in Selbstmitleid zu versinken, weil ich ach so eine arme Lehrerin bin,  begann ich gewissen Dinge meiner Arbeit zu überdenken. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht aus diesem negativen Strudel so schnell herausgekommen wäre ohne Gottes Hilfe.

Zu Beginn meiner Geschichte habe ich die Fragen gestellt. Warum bete ich? und Was macht beten mit mir? Werner Tiki Küstenmacher schreibt in seinem Buch „Jesus Luxus“ über das Gebet folgendes: „Lass den Dreck und den Staub der Straßen draußen. Lege deine unnützen und breitgetretenen Gedanken ab. Komm etwas nackter als sonst, etwas verletzlicher und gefühlvoller. Du brauchst hier nicht mehr zu rennen und zu treten. Lass dich nieder, hier wirst du beschenkt.“ Gibt es einen besseren Grund zu beten? Beten bringt mich wieder ins Gleichgewicht. Ich kann meine Gedanken ordnen, sehe klarer und finde eventuell Lösungen. Ich darf alle meine Sorgen vor Gott bringen, ich darf ihm erzählen, wenn ich mich über etwas freue, ich darf ihm danken, wenn  mir etwas lang Geplantes gelungen ist. Mit Gott sprechen ist purer Luxus. Und wir kennen und wir haben diesen Luxus. Also halten wir während des Betens immer wieder inne und staunen wir, dass es so etwas wie das Gebet überhaupt gibt. Dass es möglich ist, mit jener Kraft Kontakt aufzunehmen, die uns hervorgebracht hat. Und sobald wir dieses Staunen nur einmal empfunden haben, wird es uns immer leichter fallen, über das Gebet Kontakt mit dem Göttlichen aufzunehmen. 

So wie in unserer Lesung heute, wie Abraham den Kontakt mit Gott aufgenommen hat und mit ihm um die Menschen in Sodom „gefeilscht“ hat. Er, der sich bewusst war, dass er nur Staub und Asche war, scheute sich nicht, Gott um jedes einzelne Leben zu bitten. Ein vertrauensvolles Gespräch zwischen Abraham und Gott. Und solche vertrauensvollen Gespräche dürfen wir auch mit unserem Gott führen, mit einem Gott der durch Jesus Christus Mensch geworden ist, und der uns nahe ist. Jederzeit.

Amen