22. Mai 2019

Gottesdienst am 3. März 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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Bibelverständnis 2. Korintherbrief 3,12 – 4,2

Liebe Gemeinde, ich habe es in der Begrüßung schon erwähnt, aber es ist wirklich nicht einfach gewesen, angesichts der Geschehnisse an der Generalkonferenz eine Predigt zu schreiben.

Die Betroffenheit ist einfach groß. Aus meiner Perspektive und der Perspektive der österreichischen Pastorenschaft ist es einfach unverständlich und schmerzlich, wie es soweit kommen konnte. Was es für uns, als österreichische, Evangelisch-methodistische Kirche bedeuten wird, kann man wie gesagt noch gar nicht sagen. Dazu ist es noch viel zu früh. 

Was man aber jetzt und hier erkennen kann, ist, dass demokratische Spielregeln nicht eins zu eins auf kirchliche Entscheidungsprozesse übertragbar sind.

Ich bin immer so stolz darauf gewesen, dass in unserer Kirche die Entscheidungen für alle einsehbar und demokratisch ablaufen. Ich weiß nicht, wem von euch es auch so geht oder gegangen ist. Es ist doch anders als in unserer römisch-katholischen Schwesterkirche, die wesentlich hierarchischer organisiert ist. Wobei ich mich dort auch frage, wer denn wirklich die Macht hat. Kann der Papst tatsächlich alles entscheiden? Ich habe meine Zweifel, aber darum geht es heute nicht. 

Unsere demokratischen Entscheidungen sind sicher in vielen Bereichen gut und helfen uns zum Beispiel, Laien und ordinierte Personen gleichberechtigt zusammen zu bringen und gemeinsam über anstehende Fragen zu beratschlagen. Das ist gut. Das ist wirklich gut.

Aber für gemeinsame Entscheidungen ist jetzt nicht die Demokratie an sich, aber das Wahlverfahren, das Mehrheitsfindungsverfahren, ungeeignet.

Warum? Weil es zu Gewinnerinnen und Verlierern führt. 53% haben gewonnen und 47% haben verloren. Das ist ein Riesenproblem. Das macht doch etwas mit den Menschen. Die einen sind zu Tode betrübt und die anderen tanzen und danken Gott, dass die Wahrheit gesiegt hat. Das ist doch fürchterlich.

Deshalb darf man gemeinsame Entscheidungen nicht abstimmen lassen, sondern muss so lange miteinander sprechen, bis man eine gemeinsame Lösung findet.

Habe ich zumindest von Wilfried Nausner gelernt. Ich kann mich noch gut an die Gemeindevorstandssitzung erinnern, in der mir alles zu langsam und zu kompliziert und zu mühsam vorgekommen ist. „Warum stimmen wir nicht ab?“, habe ich gefragt. „Weil wir die Entscheidung nur dann gemeinsam tragen können, wenn wir sie auch gemeinsam gefunden haben.“ hat Wilfried sinngemäß geantwortet. Mittlerweile glaube ich das auch.

Jetzt stehen wir vor den Scherben einer demokratischen Entscheidung, bei der annähernd die Hälfte aller Beteiligten überstimmt worden ist. Annähernd die Hälfte aller Beteiligten war anderer Meinung. Wie soll jetzt der Weg weitergehen, wie sollen die Entscheidungen jetzt gemeinsam mitgetragen werden?

Jedenfalls haben die Geschehnisse über dem großen Teich dazu geführt, dass ich heute einen Text für diese Predigt heranziehe, den ich beim erstem Mal eigentlich als „unpredigbar“ gehalten hatte. „Unpredigbar“, damit meine ich, dass ich den heute gehörten Text aus dem 2. Korintherbrief eigentlich für so überholt gehalten habe, dass ich ihn links liegen lassen wollte.

Aber ich denke wir können an diesem Text sehen, was der inhaltlichen Auseinandersetzung an der jetzt vergangenen Generalkonferenz zu Grunde liegt: Es geht um unser Bibelverständnis.

Natürlich, oder höchstwahrscheinlich, nicht nur um das jeweilige Bibelverständnis, aber das dürfte eine entscheidende Rolle spielen.

Der Text aus dem 2. Korintherbrief nimmt Bezug auf Geschehnisse, die im 2. Buch Mose beschrieben werden. Dort heißt es, „dass die Haut von Moses Angesicht glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.“ und weil sich Aaron und ganz Israel daraufhin fürchteten, Mose nahe zu kommen, „verhüllte er sein Angesicht mit einem Tuch.“

Was macht Paulus daraus? Er überträgt die Geschichte mit dem Tuch, das die Israeliten davor schützen sollte sich vom glänzenden Gesicht des Mose fesseln zu lassen, auf das Verständnis des alten Testaments: „Bis zum heutigen Tag liegt, wenn aus ´den Schriften` des alten Bundes vorgelesen wird, diese Decke ´über ihrem Verständnis`und wird nicht weggenommen. Beseitigt wird sie nur dort, wo jemand sich Christus anschließt.“

Liebe Gemeinde, hier wird etwas sichtbar, das aus meiner Sicht jedenfalls zu den schmerzhaften Zeugnissen unserer christlichen Geschichte gehört. Etwas, das sich in vielen Beispielen frühmittelalterlicher Kunst zeigt. Wo die Kirche das Gute und die Synagoge das Böse, die Kirche das Neue und die Synagoge das Alte symbolisiert. Mit welcher Arroganz sind Christen und Christinnen über die Geschichte des auserwählten Volkes, also der Israeliten, drübergefahren.

Aber selbst wenn man es nicht so dramatisch aussprechen oder sehen möchte: Zumindest wird doch hoffentlich deutlich, wie sehr eine solche Aussage über das jüdische Verständnis ihrer eigenen Schriften, im Zusammenhang mit der Zeit zu sehen ist.

Natürlich macht es einen Unterschied, wie ein ehemaliger Jude, genannt Saulus, durch ein Bekehrungserlebnis mit dem auferstandenen Christus zum Paulus wird.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob hier eine ganz junge Religion, das Christentum, versucht eigenes Profil zu gewinnen. Sich abzugrenzen von dem, das früher war.

Natürlich macht es einen Unterschied, wie wir das aus heutiger Perspektive sehen. Einer Perspektive, in der unser Umgang mit den Juden und Jüdinnen doch eher vom Römerbrief (auch von Paulus) her zu sehen ist. Dort werden die ehemaligen Heiden mit den Zweigen eines wilden Olivenbaums verglichen, die in den edlen Olivenbaum des Volkes Israel eingepfropft werden. Der entscheidene Satz lautet: „Lass dir gesagt sein: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Röm 11, 18)

So sehe ich das zumindest.

Ich zwinge selbstverständlich niemanden, meiner Meinung zu sein. Aber ich glaube nicht, dass es unsere Aufgabe als Christinnen und Christen ist, die Jüdinnen und Juden zu Christus zu bekehren. Ich glaube stattdessen, dass es gute theologische Gründe gibt, dass das Volk Gottes Gottes Volk ist und bleiben wird.

Und als weitreichende Konsequenz aus dem Wortlaut dieser Bibelstelle gehe ich soweit und sage, dass diese Bibelstelle uns exemplarisch aufzeigt, dass wir die Bibel im Zusammenhang und eben tatsächlich im geschichtlichen Kontext lesen müssen und eben nicht wortwörtlich übertragen können.

Aber wo fängt das an und wo hört das auf? Das müssen wir gemeinsam herausfinden.

Aber das ist doch mühsam.Vielleicht. 

Vielleicht ist es mühsam, aber ich wüsste nicht, wie es anders gehen sollte. Es kann ja auch Spass machen. In der Schrift zu forschen und gemeinsam zu überlegen, wie wir das heute verstehen können. Ich glaube, deshalb ist die Bibel auch bis in unsere heutige Zeit ein Werk, eine Sammlung von Schriften, die wir immer wieder in die Hand nehmen und die nie langweilig wird. Das macht die Bibel so interessant und ich denke, man kann darin auch eine Parallele zum Glauben sehen. Denn auch der Glaube ist nicht etwas, das man findet, aufhebt und in die Hosentasche steckt, sondern eine lebendige Erfahrung, die immer wieder neu gemacht wird. Ja, gemacht werden muss, damit sie lebendig bleibt.

Ich kann unser Bibelverständnis auch von der anderen Seite aus beleuchten.

Stellt euch vor, was es für lustige Folgen hätte, wenn wir alle Aussagen der Bibel wortgetreu in unser heutiges Leben übernehmen würden. Wie könnte das dann ausschauen.

Hier eine kleine Auswahl an Beispielen:

Beginnen wir mit dem 3. Buch Mose, Kapitel 1: Hier steht, dass die Eingeweide und die Schenkel eines Stieres, ein lieblicher Geruch für den Herrn sind, wenn ich sie als Feueropfer darbringe. Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie deshalb niederstrecken?

Im gleichen Buch, im 3. Buch Mose, Kapitel 15 wird geregelt, dass man nicht mit einer Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet. Heute würen wir sagen, wenn eine Frau ihre Tage hat. Das Problem ist, wie kann man das wissen? Man sieht es einer Frau ja nicht unbedingt an. Wie kann man darüber sprechen ohne sofort eine schallende Ohrfeige zu bekommen?

Oder im 24. Kapitel wird festgestellt, dass ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Nachbarn meint, das würde auf Tschechen und Rumänen zutreffen. Nicht aber auf Deutsche. Könnte man das bitte klären? Warum darf ich keinen Deutschen besitzen? Die sollen so intelligent und gutaussehend und einfühlsam und …Hab ich mir jedenfalls sagen lassen.

Ebenso weiß ich, dass das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf mein Sohn dennoch Fußball spielen, wenn er dabei Handschuhe anzieht?

Es nutzt also nichts, wir werden Übersetzungsarbeit leisten müssen. Auch wenn es manchmal mühsam ist und es verschiedene Meinungen gibt und geben darf.

Dabei bin ich davon überzeugt, dass wir die wesentlichen Grundzüge unseres Glaubens nicht verfehlen werden. Denn Gott hat verheißen, dass es sich von uns finden lassen möchte, wenn wir ihn ernsthaft suchen. Derjenige, der uns zuerst geliebt hat, hat ein genuines, ein ursprüngliches, ganz tief sitzendes Interesse daran, dass wir in eine lebendige Beziehung zu ihm finden.

Das glaube ich zutiefst. 

Und deshalb habe ich keine Angst vor dieser notwendigen Übersetzungsarbeit, die Gottes Wort unter uns lebendig hält.

Amen.