21. März 2019

Gottesdienst am 10. März 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

English

Bibelverständnis 2 Römerbrief 10, 8b-13

Liebe Gemeinde, ich möchte heute das Thema Bibelverständnis fortführen, das ich letzten Sonntag angesprochen habe. Letzten Sonntag ging es um die notwendige Übersetzungsarbeit, die wir leisten müssen, um Bibeltexte in ihrem geschichtlichen Zusammenhang zu belassen, gleichzeitig aber nach Möglichkeiten zu suchen, wie wir das Gesagte oder Beschriebene heute verstehen können. Nur zwei Stichworte dazu, damit diejenigen die letzten Sonntag da waren sich besser erinnern können: Es ging um den Respekt gegenüber dem Judentum einerseits und anderseits hatte ich ein paar Beispiele genannt, was wörtliches Bibelverständnis heute auslösen könnte. Der Stier als liebliches Brandopfer oder der pflegeleichte, deutsche Sklave, das waren die dazugehörenden Bilder.

Für alle die nicht da waren, ist es heute einfach eine Predigt zu einem anderen Aspekt meines Bibelverständnisses und zwar das Zusammenwirken der Schrift. Meines Bibelverständnisses im Zusammenwirken der Texte in der Bibel. Ich hoffe natürlich, dass ich mit meinem Bibelverständnis nicht allein dastehe hier in der Gemeinde und in unserer Evangelisch-methodistischen Kirche hier in Österreich, aber diese begriffliche Klarheit halte ich für ganz wesentlich: Ich kann immer nur etwas über mein Verständnis sagen und ob wir dann Gemeinsamkeiten entdecken, hängt vom jeweiligen Gegenüber ab.

Wir haben heute neben dem Evangelium auch den Text aus dem Römerbrief gehört, auf dessen Inhalt ich mich konzentrieren möchte. Wir haben gehört: „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“ Dem folgt der Vers 10: „Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig.“ Ich denke, mit diesen beiden Sätzen sind wir im Zentrum des Protestantismus angekommen, einem echten Lutheraner oder einer gestandenen Evangelischen wird hier warm ums Herz.

Und der englische Mensch, dem in Aldersgate das Herz warm wurde, was sagt der? Ich zitiere John Wesley: „Glaube ohne Werke ist kein Glaube, ist toter Glaube, ist Teufelsglaube.“ Anstelle von Wesley hätte ich auch den Jakobusbrief zitieren können: „So auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot in sich selber.“ (Jak 2,17)

„Ja watt denn nu“ würde der norddeutsche Mensch fragen, was ist jetzt? Braucht es jetzt die Werke oder genügt der Glaube? Hat es nicht geheißen, das Bekenntnis zu Jesus reicht zur Seligkeit?

Liebe Gemeinde, diese Fragen führen uns mitten hinein ins Bibelverständnis. Oder wie mit der Bibel umgegangen wird. Oder wie Menschen die Bibel lesen und sie ihnen unverständlich vorkommt. Oder was wir bedenken müssen, wenn wir so vorgehen. Genau das möchte ich heute zeigen, dass wir die Bibel in größeren Zusammenhängen sehen müssen und eben nicht Einzelzitate nebeneinander stellen können. Luther gegen Wesley. Als ob die beiden nur diese beiden Zitate geschrieben hätten in ihrem Leben. Und ich sage es einmal ganz plakativ mit einem abgewandelten Spruch des Kabarettisten Hape Kerkeling. Kerkeling meint in einer Rolle, in der er eine holländische Lebensberaterin spielt: „Liebe ist: Arbeit, Arbeit, Arbeit.“ Das bringt es für mich auf den Punkt: „Christlicher Glaube ist: Lesen, Lesen, Lesen.“

Und zwar im Zusammenhang und im Ganzen lesen. Immer in dem Bemühen, etwas von der Wirklichkeit Gottes erfahren zu wollen. Oder verstehen zu wollen, was uns der Verfasser hier weitergeben möchte. Welchen Aspekt des großen Ganzen er gerade beleuchtet und warum er das tut. Wenn wir die Bibel lesen, um in ihr Widerspüche zu entdecken, um sie dann abzulehnen, dann bleibt die Bibel für uns ein Buch. Ein Buch unter Millionen von Büchern, das man gut oder schlecht, unterhaltsam oder skuril oder was auch immer, finden kann.

Aber Menschen, die sich danach sehnen Gott zu erfahren oder zu finden, denen empfehle ich, die Bibel zu lesen. Natürlich gibt es spirituelle Erfahrungen und natürlich braucht es sie auch. Aber die Anfänge, die Grundlagen, die Selbstoffenbarungen Gottes, die Hinweise darauf, wie Gott ist und wie er mit Menschen umgeht und umgehen möchte, finden wir in der Bibel.

An dieser Stelle bitte ich darum, nicht vereinfachend und damit mißverstanden zu werden: Ich sage nicht, dass man nur die Bibel lesen muss und dann wird man automatisch an Gott glauben. 

Nein, ich habe wirklich auch meine Zweifel am Konzept der Gideonbrüder, die sich auf das Austeilen und Verfügbarmachen der Bibel konzentrieren. Im Gegenteil: Ich glaube die Bibel ist nicht einfach zu lesen und zu verstehen. Manche Aussagen sind einfacher und manche schwieriger.

Aber andersherum gefragt: Muss nicht ein Werk wie die Bibel, die verschiedene Texte und Aussagen mit und über Gott in sich enthält, muss dieses Buch nicht vielschichtig sein, um es einmal so auszudrücken?

Muss uns nicht die menschliche Sprache angesichts der Größe und unvorstellbaren Weite Gottes als ein armseliges Werkzeug erscheinen? Ein Versuch, bestenfalls ein Versuch, immer wieder einzelne Sichtweisen darzustellen?

Die Bibel ist doch nicht die Bedienungsanleitung eines technischen Geräts und selbst diese sind oft unverständlich.

Am Beispiel des heutigen Textes aus dem Römerbrief und dem zitierten Jakobusbrief möchte ich zeigen, wie diese angeblich widersprüchlichen Texte auch zusammen gesehen werden können. Wenn wir uns nämlich vergegenwärtigen, dass in beiden Texten zwar das eine Wort Glaube vorkommt, aber vielleicht unterschiedliche Phasen des Glaubens gemeint sein könnten.

Der Glaube als Anfangsgeschehen und der Glaube als Lebenspraxis könnte man auch sagen. 

Dann könnte man die beiden Texte als unterschiedliche Zeugnisse neben einander stehen lassen. 

Der Römerbrieftext sagt etwas aus über das Anfangsgeschehen: Wenn du an den auferstandenen Jesus glaubst, dann wirst du gerettet. Dann wirst du gerettet, das meint: Dann bist du nicht mehr verloren. Nicht so verloren, als wenn du versuchen würdest, das Gesetz, die 10 Gebote, zu erfüllen.

Das ist doch der Hintergrund der ganzen Rechtfertigungslehre, dass es nicht auf das Handeln des Menschen, also von dir oder von mir, ankommt, sondern auf das Handeln Gottes, der in Jesus alles tut, damit wir gerettet werden. Glaube in dieser Phase ist also dieses erlöste Aufatmen: „Danke Gott, dass du dir einen Weg ausgedacht hast, wie ich gerettet werden kann. Ich konnte es nicht selbst. Dafür war meine Liebe zu unbeständig und mein Wille zu schwach. Ich danke dir für meine Erlösung, die du, Jesus, für mich erwirkt hast.“ Das ist die klassische Rechtfertigung die am Anfang eines christlichen Glaubens steht. Wahrscheinlich mit einem zaghaften, schwachen und zögernden Glauben. Einem ersten, vorsichtigen „Hallo“.

Ich finde es hilfreich, diesen Glauben als den Beginn einer Liebesbeziehung zu sehen. Und wenn wir ihn als Liebesbeziehung sehen, dann können wir uns auch an unseren eigenen Erfahrungen in unseren Liebesbeziehungen orientieren. Unsere Liebesbeziehungen beginnen auch zaghaft. Vom ersten Sehen, bis zur ersten Begegnung. Dem ersten Treffen in der Absicht etwas zu sagen, das man nächtelang vorbereitet hat. Oder die vorsichtigen Versuche überhaupt in Kontakt zu kommen, die vielen Anläufe die man dazu braucht. Niemand stellt sich vor den anderen Menschen mit einem Grinsen im Gesicht: „Hallo Baby, ich hätte gern ein Kind von dir. Wann wollen wir heiraten?“

Der Glaube von dem im Jakobusbrief die Rede ist und auf den Wesley Bezug nimmt, zielt auf die Lebenspraxis. Im Jakobusbrief heißt es vor der von mir zitierten Stelle: „Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter euch spricht zu ihnen: „Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch“ ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das?“ Wenn der Glaube ein Lippenbekenntnis bleibt und nicht in der Liebe tätig wird, wie Wesley sagen würde, dann wird er unglaubwürdig. Ein Glaube der die Liebe zu Gott und die Nächste oder den Nächsten zum Inhalt hat und dann den Nackten oder Hungernden mit frommen Worten abspeisen will, ist ein leerer, ein toter Glaube. Und Wesley ist von der Unumkehrbarkeit von Glaube und guten Werken überzeugt, wenn er sagt: „Erst glaube! Dann wirst du alles gut machen.“ Wesley geht davon aus, dass der Glaube den Menschen wirklich erneuern kann. So dass es dazu kommt, dass der Mensch nach der Rechtfertigung, im Grunde genommen Gottes Taten ausführt, die der Heilige Geist in ihm wirkt.

Mit dem Hinweis auf die guten Werke wollte Wesley den Glauben in der Praxis der Liebe verwurzeln und ihn vor geistlichen Strömungen seiner Zeit wie der Mystik oder des Quietismus schützen. 

Und wie sehr die Auffassungen zusammen gehen können, wenn man diese beiden unterschiedlichen Phasen des Glaubens bedenkt, zeigt folgendes Zitat von Luther, der schreibt: „Es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, dass es unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte Gutes wirken. Der Glaube fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun.“

Im Wechselspiel der beiden Briefe, ebenso wie im Wechselspiel der Aussagen von Wesley und Luther können wir also erkennen, wie wichtig dieses Zusammenwirken der Texte in der Bibel ist. Das mag für viele eine Selbstverständlichkeit sein, aber das macht es nicht weniger wichtig, darüber Klarheit zu haben um das auch weitergeben zu können. Es geht um das Ganze und dieses Ganze lässt es mich nocheinmal sagen: Christlicher Glaube ist: Lesen, Lesen, Lesen.

Allein, miteinander und immer mit Gottes Heiligem Geist.

Amen