19. April 2019

Gottesdienst am 7. April 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

English

Philipper 3, 4b-14 Heiligung und Christliche Vollkommenheit

Liebe Gemeinde, ich beziehe mich heute auf den gehörten Text aus dem Philliperbrief. Ein ganz und gar klassischer Paulustext, finde ich. 

Hier wird die Entschlossenheit des Paulus sehr schön sichtbar: So wie er früher bereit war, für das Gesetz zu kämpfen und die christlichen Gemeinden zu verfolgen, so eindeutig ist sein Sinneswandel, dass diese Sichtweise in seinen Augen nichts anderes als Müll ist. „Dreck“ übersetzen die anderen Bibeln, in meiner alten Lutherbibel von 1966 ist sogar von „Kot“ die Rede. Diese deftigen Formulierungen oder Bilder zeigen, wie sehr Paulus sich nun für einen Glauben einsetzt, der seinen Bezugspunkt ausschließlich in Jesus und damit in Gott hat.

Wir, als nichtjüdische, nicht zum auserwählten Volk gehörenden Menschen, stehen in Wirklichkeit garnicht vor dieser „entweder-oder“ Frage. Entweder die Gerechtigkeit die aus dem Gesetz kommt oder die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben an Jesus kommt, wie es Paulus so schön formuliert.

Interessanterweise stellt hier Paulus ein Gegensatzpaar vor, dass doch durch den 3-4 Jahre vorher erschienen Römerbrief eigentlich hätte abgelöst werden müssen: 

Dass es überhaupt möglich ist, durch das Gesetz und damit durch die eigenen Leistungen gerecht zu werden. 

Ich weiß nicht, warum Paulus das hier so tut, aber meine eigene Überzeugung ist die des Römerbriefes: Es ist völlig unmöglich durch das Halten des Gesetzes gerecht zu werden. 

Man kann vielleicht die Gebote aus dem 2. Buch Mose einhalten, aber spätestens beim 5. Buch Mose, sind die menschlichen Grenzen erreicht: 

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“. Wer kann das schon sagen?

Damit sind wir beim heutigen Hauptthema angekommen: Den Fragen rund um die christliche Vollkommenheit. „Christian Perfection“ wie es John Wesley genannt hat. Lehrpredigt 40.

Der Bezug zum heutigen Text ist klar. Paulus schreibt: Nicht dass ich schon vollkommen sei aber ich tue alles, um es zu werden. Verkürzt gesagt.

Ist das heute noch unser Ziel? Ist das euer Lebensziel? Tut ihr wirklich alles, um dieses Lebensziel zu erreichen?

Im Zuge meines Fernstudiums an der eAcademy war ich aufgefordert, mich mit der Lehrpredigt 39 von John Wesley auseinanderzusetzen. Vordergründig geht es in ihr um die ökumenische Gesinnung John Wesleys, in der er versucht, die Wesenszüge des Christentums herauszuarbeiten, um dann den Menschen anderer Konfessionen die Hand reichen zu können. Soweit so gut. 

Aber im Detail hört sich das dann so an: „Ist Gott der Mittelpunkt deiner Seele, der Inbegrif all deiner Sehnsucht?“ oder „Ist dein Auge lauter in allen Dingen, richtet es sich immer auf Ihn, und sieht es immer auf zu Jesus?“ oder „Ist dir nichts so schrecklich wie der Gedanke, dich gegen die Augen seiner Majestät zu vergehen?“ Die Liste ließe sich mindestens um fünfzig weitere Sätze in diesem Duktus erweitern. Fakt ist: Ich wäre wohl nie in der Lage gewesen, Bruder John die Hand reichen zu können oder dies auch nur zu wollen.

Das klingt jetzt hart, aber ist euch aufgefallen, wie sehr sich meine Auswahl an Zitaten mit dem Gebot aus 5. Mose ähnelt? Im 5. Buch Mose heißt es: „Mit all deiner Kraft.“ Bei Wesley: „Ist Gott der Inbegriff all deiner Sehnsucht.“ Oder „mit ganzer Seele“ und wieder bei Wesley: „immer auf ihn, immer auf Jesus.“

Das mag ja alles ein von Paulus oder Wesley für erstrebenswert gehaltenes Ideal sein, aber wie realistisch ist es umsetzbar? Will ich es überhaupt umsetzen?

Nein. Also ich, so sicher nicht.

Ich habe in meiner Jugend Tennis gespielt. Eine Zeit lang habe ich auch ganz viel Basketball gespielt. Der Grund, warum ich nie wirklich in einem Verein gespielt habe, ist der typische Vereinscharakter, das Wesen eines Vereins: Wenn du Mitglied im Verein bist, dann wird erwartet, dass du zu jedem der drei oder vier wöchentlichen Trainings kommst. Dann sollst du an den Wochenenden Meisterschaftsspiele bestreiten und wenn es irgenwelche Hauptversammlungen oder Charity Events mit Kuchenverkauf gibt, dann wird selbstverständlich erwartet, dass du dich da einbringst. Solltest du dann noch etwas älter geworden sein, dann kannst du ja auch noch das Training der Jugendmannschaft übernehmen. Meine Erfahrung ist: Vereine tun immer so, als gäbe es nur sie auf der Welt. Entweder du bist 150% dabei oder du kannst es auch sein lassen.

Deshalb habe ich es immer sein lassen. 

Denn ich wollte in die Kirche gehen, mich mit Freunden treffen und vielleicht auch einmal einen Ausflug am Wochenende machen können. 

Mit dem „ganz“ habe ich also so meine Probleme.

Und wenn zu dem „ganz“ dann noch ein „immer“ dazukommt, dann sind wir im Leben einer ganzen Pfarrerinnen und Pfarrergeneration angekommen. Immer erreichbar, immer bei der Arbeit, immer im Dienst für den Herrn unterwegs.

Meine Schwierigkeit ist der Leistungsgedanke, der durch all diese Bilder durchschimmert. Deshalb kann ich dem Bild, das Paulus gebraucht, nämlich dem Lauf, den es zu laufen gilt um den Siegespreis zu empfangen, wenig abgewinnen.

Das Bild aus dem Sport hat in Wahrheit nämlich nicht nur eine, sondern zwei problematische Seiten. 

Das erste Problem ist die Leistung, die ich erbringen muss, um zu gewinnen. Das geht soweit, dass ich manchen Sportarten betrügen, also dopen muss, um überhaupt nur den Hauch einer Chance zu haben. Nicht nur muss ich also all meine Zeit, meine Willenskraft und meine Energie da hineininvestieren, sondern darf gleichzeitig die Ängste aushalten, was passiert wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Aber lassen wir es einmal beim Bezug auf die christliche Vollkommenheit bei der Feststellung, dass es auf meine Leistung ankommt.

Das zweite problematische Bild ist dass des Siegespreises. Wesenstypisch für den Sport ist: Es kann nur einen Sieger geben. Mehrfachsieger gibt es nur bei den Paralympics, den Olympischen Spielen für Menschen mit Beeinträchtigungen. 

Wie passt dieses Bild zu einer Religion, die sozial und gemeinschaftlich sein will?

Und ein letzter Gedanke dazu: Mir sind perfekte Menschen fast nie ein Vorbild gewesen, sondern perfekte Menschen sind mir unheimlich. Ja, in gewisser Weise sind sie mir deshalb unsympathisch, weil ich nicht an den menschlichen Perfektionismus glaube. Wenn also jemand mit dem Anspruch der Perfektion auftritt, dann frage ich mich innerlich: Ok, das ist jetzt einmal die perfekte Fassade und dies und das kannst du offensichtlich wirklich sehr gut, aber was sind dann deine Ängste? Du hast keine Ängste? Dann freunde dich am besten mit einer Maschine oder einem Roboter an, aber doch bitte nicht mit mir.

Um also alles heute gesagte zum Thema christliche Vollkommenheit zusammenzufassen würde ich also sagen: I

ch halte den Begriff christliche Vollkommenheit für einen Begriff, der zuviele Mißverständnisse auslöst, als dass er geeignet wäre, das Wesen einer christlichen Lebensführung angemessen zu beschreiben. Das dürfte doch diplomatisch genug sein. 

Besser ist da der Begriff der Heiligung, der ja auch urmethodistisches Gedankengut ist. Das Ziel der methodistischen Bewegung laut John Wesley war „Heiligung über die Lande zu verbreiten.“ 

Und auch wenn hier ebenfalls die Gefahr des „Machertums“ vorhanden ist, dann kann ich dennoch besser mit dem Gedanken von Theodor Runyon umgehen, der meinte, Heiligung sei „ein Wachsen in der Liebe“.

Hier kommen wir langsam in die Richtung, an die ich glaube. 

Ich glaube, dass die Liebe keinen Perfektionismus, keine Vollkommenheit, will. 

Ich glaube, dass die Hingabe an Gott, der Prozess des Öffnens für das Wirken von Gottes Liebe ist. 

Daher würde ich vor das Laufen, das Stehenbleiben setzen. 

Mit den geöffneten Armen gen Himmel. 

Das ist die Lebenshaltung zu der ich tendiere und die mir erstrebenswert erscheint: 

Die Liebe von Gott zu erhoffen. Die Kraft von Gott zu erbitten. Und das Gelingen seinem Heiligen Geist zuzuschreiben, von dem wir uns beschenken lassen können.

Das mag jetzt auch fürchterlich fromm klingen, aber in Wirklichkeit geht es um den Ursprung unserer Hoffnung. 

Als Schlusspunkt lasse ich es also nochmals Paulus selbst sagen: 

Vielmehr – als die selbsterworbene Gerechtigkeit – geht es mir um die Gerechtigkeit, die uns durch den Glauben an Christus geschenkt wird – die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist. 

Amen.