20. Juni 2019

Gottesdienst am 14. April 2019 – Palmsonntag

Predigt: Esther Handschin

English

Lukas 19,28-44

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus zieht in Jerusalem ein. Es ist ein festlicher Anlass. Die Menschen sind auf der Straße. Sie nehmen den in Empfang, der hier in die Stadt einzieht. Allerdings fehlen im Lukasevangelium die Palmzweige, mit denen sie Jesus wie einen König empfangen. Aber sie breiten auf dem Weg ihre Kleider vor ihm aus. Das ist das Zeichen für den Empfang einer wichtigen Person. Jesus zieht in Jerusalem ein. Jerusalem ist die Stadt des Friedens. Denn Jerusalem trägt den Frieden, den Shalom, salem, im Namen. Obwohl diese Stadt dem Namen nach eine Friedensstadt ist, hat sie schon anderes erfahren: Mehrfach wurde Jerusalem im Lauf der Geschichte zerstört. Die biblischen Schriften, allen voran Jesaja, erzählen uns bis heute davon. Und die Steine in den Mauern der Häuser dieser Stadt könnten auch viel erzählen. Wie oft hat mancher dieser Steine seinen Platz gewechselt? Erst wurde er in die Stadtmauer eingebaut, dann nach der Zerstörung derselben wurde er vielleicht für den Bau eines Hauses verwendet, dann wiederum wurde mit ihm eine Straße befestigt. Die Steine könnten viel erzählen über das Ergehen der Stadt und wie oft es Krieg und Zerstörung gab statt Frieden.

Die Menge, die Jesus in Empfang nimmt, jubelt. Sie singen in den Straßen und vielleicht auch aus den Fenstern der Häuser: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn.“ Es gibt viel zu loben und zu preisen, denn sie haben viele Wunder gesehen. Und das einzig angemessene, was man tun kann, wenn man ein Wunder erlebt hat, das ist Staunen und Jubeln. Die Menschen singen weiter: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ „Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!“ Die Menschen singen anders als die Engel in der Heiligen Nacht gesungen haben. Damals haben die Engel gesungen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Auch die Engel geben Gott in der Höhe die Ehre und singen von seiner Herrlichkeit. Aber der Friede? Die Engel singen davon, dass mit Jesu Geburt der Friede auf der Erde einen Platz findet. Mit Jesus kommt der Friede vom Himmel auf die Erde. Mit seinem Handeln und mit dem, was er gesagt hat, kommt etwas von Gottes Schalom, von Gottes wohl wollendem Heil zu den Menschen. Hier bricht Gottes Reich an. Die Jüngerschar und die Menschen von Jerusalem scheinen nichts davon mitbekommen zu haben. Sie singen nach wie vor: „Friede sei im Himmel!“ Friede auf Erden? Das kann nicht sein, ist ihre Meinung. Der Friede, das Heil, das gibt es nur im Himmel. Darauf müssen wir noch warten. Das Wirken Jesu scheint die Menschen nicht berührt zu haben. Friede und der Zuspruch von Heil, das gibt es für sie erst im Himmel, aber nicht auf der Erde.

Jesus zieht in Jerusalem ein. Er reitet nicht auf einem Pferd, wie es für einen König angemessen wäre. Es ist ein junger Esel, auf dem er in die Stadt einzieht. Unbequem darauf zu sitzen, holprig der Gang dieses Tieres, besser geeignet zum Transport von Lasten als von Menschen. Aber Jesus setzt damit ein wichtiges und deutliches Zeichen. Wenn ein König auf dem Pferd reitet, dann zieht er in den Krieg. Dann stehen Gewalt und Zerstörung bevor. Aber das passt nicht zu einem, mit dem der Friede in diese Welt einziehen soll. Er ist ein Herrscher ohne Heer und ein Kämpfer ohne Speer. Sein Reich ist nicht von dieser Welt und doch ist sein Reich all den Reichen dieser Erde übergeordnet. Wer sich so bewusst als Friedenskönig inszeniert, der bringt die gängigen Bilder der Menschen ins Wanken. Das kann gefährlich werden, lebensgefährlich sogar. Allerdings kümmert das die Menschen am Straßenrand nicht. Sie hoffen auf einen, der sie aus der Unterdrückung der römischen Fremdherrschaft befreit, wenn nötig auch mit Gewalt. Ob dieser Jesus das auch so sieht, wenn er auf einem Esel in Jerusalem einzieht?

Jesus weint. Die Spannung zwischen dem, was er den Menschen,  über Gott und sein Friedensreich zu vermitteln versucht, und dem Jubel, mit dem er willkommen geheißen wird, ist für ihn zu groß. Es ist zum Heulen. Nicht einmal seine Jünger haben verstanden, worum es geht. Sie sind blind. Sie erkennen nicht, was zum Frieden führt. Niemand scheint zu kapieren, dass er den Menschen den Frieden auf Erden bringt. Sie singen noch immer vom Frieden im Himmel. Niemand scheint davon berührt worden zu sein, dass Gott sich mit Wohlgefallen den Menschen zuwendet. Ist seine Mission gescheitert? Ist es Zeit, seine Aktivitäten und Bemühungen einzustellen? Jesus sieht schwierige Zeiten auf Jerusalem zukommen. Einmal mehr wird die Stadt des Friedens von Gewalt und Zerstörung betroffen sein. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Das lässt ihn trauern um diese Stadt und um die Menschen, die in ihr wohnen. Das lässt ihn trauern um die verpasste Chance, Menschen mit dem Frieden Gottes in Berührung zu bringen. Gottes Schalom, der Friede, der höher ist als alle Vernunft und der mehr ist als ein Waffenstillstandsabkommen.

Wie steht es um uns? Gehören wir mit zu der jubelnden Menge, die über die Wunder staunt, aber so wenig von dem verstanden hat, um was es Jesus geht? Singen wir: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe“ und delegieren wir damit den Frieden ins Jenseits und in die vorläufige Unerreichbarkeit? Oder versuchen wir das nachzubuchstabieren von dem, was die Engel den Hirten verkündet haben: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“? Ja, sind wir das denn überhaupt: Menschen, die Gott gefallen?

Ja, Gott hat Gefallen an uns, ob wir das wollen oder nicht. Wir Menschen sind Gott ein Anliegen. Mit uns in Beziehung zu sein, ist ihm wichtig. Ist es nicht eine Freude für ihn, wenn es uns gut geht? Und geht es uns nicht besser, wenn wir uns an ihm orientieren und uns von ihm zum Frieden führen lassen? Frieden, Schalom in diesem umfassenden biblischen Sinn, der Körper, Seele und Geist umfasst und sich auswirkt in tragfähigen und verlässlichen Beziehungen. Ein Friede, der Gerechtigkeit mit einschließt und gute Lebensmöglichkeiten für jeden und jede. Ist Gottes Friede bei uns angekommen und prägt er unsere Lebensgestaltung? Suchen wir diesen Frieden und jagen wir ihm nach? Spüren wir diesen Frieden in unserem Herzen? Öffnen wir die Türen unseres Herzens, damit Gottes Friede darin wohnen kann?

Was geschieht denn überhaupt, wenn Gottes Friede unser Leben prägt?

Vielen Menschen fällt es schwer, sich diesen Frieden schenken zu lassen. Denn sie haben eine Feindschaft gegen sich selbst aufgebaut. Mit ihrer dauernden Unzufriedenheit machen sie sich selbst das Leben schwer. Aber weil man sich selbst nicht gerne die Schuld für das Lebensunglück gibt, schieben sie die Schuld den anderen zu. Es sind die eigenen Eltern, die ihnen das Leben vermiest haben. Es sind die Nachbarn oder Konkurrenten in der Arbeit, die ihnen vor der Sonne stehen. Es ist der Partner, die Partnerin, die einen ins Unglück stürzt. Solche Menschen tun sich schwer damit, dankbar für zu sein, was sie haben und was ist. Sie forschen in der Vergangenheit und stochern im Leben anderer Menschen herum, nur um nicht der eigenen Unzufriedenheit auf den Grund gehen zu müssen. Sich selbst als einen Menschen zu sehen, den Gott liebt und dem Gott diesen Frieden schenkt, der das Leben verändert, das ist für diese Menschen oft ein langer Weg und ein harter Kampf mit sich selbst.

Im Zusammenleben mit anderen Menschen in unserem Umfeld spüren wir wohl am deutlichsten, dass wir diesen Frieden Gottes nötig haben. „Was zum Frieden führt“, das ist das, was eine gute Gemeinschaft von Menschen ausmacht. Ein ehrlicher Umgang miteinander, eine Haltung der Wertschätzung, die Bereitschaft zur Versöhnung: das alles sind Güter, die man nicht kaufen kann und die dennoch wichtig sind, um menschliche Gemeinschaften zu gestalten. Wenn wir all dies aus uns selbst heraus produzieren müssten, wären wir überfordert. Auch dann noch wertschätzend mit anderen Menschen umzugehen, wenn sie einen mit verbalem Schmutz bewerfen oder nur die Fehler sehen, da braucht es das Wissen, dass dieser Friede Gottes ein Geschenk ist, um das ich bitten und das ich mir schenken lassen darf.

Auch im Miteinander der Völker wird deutlich, dass dieser Friede Gottes mehr ist als ein Waffenstillstandsabkommen. Die Vorstellung von Gottes Schalom schließt auch eine gerechte Verteilung der Güter mit ein, sodass alle Menschen das haben, was sie zum Leben brauchen. Das sind Lebensmittel, die nähren und nicht krank machen. Das ist Raum zum Leben, sodass Würde erfahrbar wird. Das ist Schutz vor Ausbeutung und Korruption. Das ist die Möglichkeit, sein Leben zu entfalten, angefangen von der Möglichkeit in die Schule zu gehen, über Arbeit bis hin zu einer sinnvollen Tätigkeit, wenn die Kräfte abnehmen. Und seit neuestem wird uns bewusst, dass dieser Friede auch mit der Bewahrung der Schöpfung einhergehen muss, weil nur so auch die nachkommenden Generationen eine Erde haben, auf der sie auch leben können. Wir haben diesen Frieden nötiger denn je, hier in dieser Stadt, hier in unserem Land, in Europa und auf unserem Erdenball.

Frieden im Himmel oder Frieden auf der Erde? Ich glaube nicht, dass wir in dieser Hinsicht vor die eine oder andere Alternative gestellt sind, so in der Art: Entweder gibt es Frieden auf der Erde, aber weil Frieden auf Erden nicht möglich ist, gibt es den Frieden erst im Himmel. Seit die Engel den Menschen auf der Erde den Frieden verkündigt haben, sind wir Menschen von Gottes Wohlgefallen, ob uns das bewusst ist oder nicht. Leider haben wir aber die Tendenz beibehalten, den Frieden lieber im Himmel als auf der Erde zu suchen. Denn es ist einfacher, den Frieden in andere Zeiten und Räume zu versetzen, wo er nicht erreichbar ist. So entziehen wir uns der Verantwortung, Gottes Frieden in unserem Leben wirken zu lassen. Denn das hieße oft genug, sich selbst nach den Gründen für die eigene Unzufriedenheit zu fragen oder sich bewusst um Frieden und Versöhnung oder einen zukunftstauglichen Lebensstil zu bemühen. Weil Gott gerade um diese Schwierigkeiten weiß, die wir damit haben, uns selbst zu überwinden, darum ging er den Weg des Friedens bis zum Schluss, das heißt bis ans Kreuz. Sein Weg der Gewaltlosigkeit ist der Weg, damit es Frieden auf der Erde wird. Amen.

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