22. Mai 2019

Gottesdienst am 28. April 2019

Predigt: Gerhard Weissenbrunner

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Johannes 20, 19-31 ich sende euch, wie mich mein Vater gesandt hat …

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Situation nachvollziehen kann, in der sich die Jüngerinnen und Jünger befanden. Die Kreuzigung und der Tod Jesu musste sie getroffen haben, wie ein Keulenschlag. Mehr noch, es war eine Katastrophe.

Welch eine Niederlage! Drei Jahre waren sie mit Jesus durch die Lande gezogen. Sie haben die Zeichen und Wunder miterlebt. Sie haben die lehrsamen Worte der Heiligen Schriften gehört, ausgelegt bekommen und begriffen. Und nicht nur das. Sie haben auch im alltäglichen Umgang erfahren, dass man danach leben kann. Ja, so wie Jesus es ihnen vorgelebt hat, so musste das Reich Gottes sein, das sie so inständig gesucht haben. Mit Jesus, ihrem Messias haben sie es gefunden.

Nun, auf einmal sind sie allein. Ihr Lehrer und Hoffnungsträger ist nicht mehr. Haben sie sich geirrt? Sind sie getäuscht worden? Hat man sie betrogen? War es umsonst, dass sie ihrem Meister nachgefolgt sind? Drei Jahre lang!

Verängstigt und aus Furcht vor den Juden haben sie sich eingesperrt. Einige haben schon die Flucht ergriffen. Thomas war nicht mehr unter ihnen. Judas hat sich umgebracht. Wie soll es nun weitergehen?

Auf einmal geschieht das beinah Unfassbare. Jesus, tritt mitten unter sie. Und er grüßt: „Friede sei mit euch!“ Jesus zeigt ihnen seine Wundmale, seine Hände und seine Seite. »Der Auferstandene wird an seinen Wundmalen erkannt« Ohne Zweifel, ihr Herr ist wieder unter ihnen. Er ist wieder da. Der tot geglaubte ist auferstanden. Und als sie den Herrn sahen wurden sie wieder froh.

Noch einmal sagt Jesus zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ Diese Friedenszusage möchte die Jüngerinnen und Jünger herausholen aus ihrer Verängstigung. Diese Worte sind keine leere Grußformel. Sie erinnern an die Voraussagen Jesu, wie in der Szene bei Johannes 14,27 wo Jesus sagt: »meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.«
Und die Friedensworte sind begründet in den letzten Worten Jesu am Kreuz: „es ist vollbracht!“
Und das Versprechen Gottes zu Weihnachten: »Frieden auf der Erde, für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht!«, wurde spätestens zu Ostern durch Jesus eingelöst.

Pastorin Esther Handschin hat in ihrer Predigt am Palmsonntag auf diese Besonderheit hingewiesen. Beim Einzug in Jerusalem riefen die Begleiter Jesu (Lk.19,31): »gesegnet sei er, der König, der im Namen des Herrn kommt. Und Frieden bei dem, der im Himmel ist!«
Im Gegensatz dazu singen die Engel zu Weihnachten davon, dass mit Jesu Geburt der Friede auf der Erde einen Platz findet. Mit Jesus kommt der Friede vom Himmel auf die Erde.

In letzter Zeit sind wir (Hilde und ich) öfter auf dem Friedhof als sonst. Und wenn ich so bei den Gräbern vorbei gehe, lese ich oft diesen tröstlichen Satz: »Ruhe in Frieden!« Die Hoffnung der Menschen auf ein friedliches Leben ist groß. Und wenn Friede schon nicht auf Erden gelingt, dann soll wenigstens im Himmel Friede sein. 

Mit Jesus lernen wir, es gibt diesen wirklichen, inneren Frieden schon zu Lebzeiten. Nicht einen faulen Frieden in Gleichgültigkeit oder im Ertragen von Unterdrückung. Nein, sondern einen von Schuld und Unrecht befreiten und mit Gott versöhnten Zustand. Den man auch himmlischen Frieden nennen darf.

Vor kurzer Zeit fragten mich zwei Teenager: „glaubst du an ein Leben nach dem Tod?“ Ich antwortete: „ja, und auch an ein Leben vor dem Tod. Weil ich mit Jesus Christus lebe!“ 

Zurück zum Text! Mit dem Friedensgruß verbindet Jesus gleich seinen Sendeauftrag: „so wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich jetzt euch!
Eigenartig! Es klingt fast wie eine Gleichstellung. Hat Gott Jesus gesandt, damit er Frieden in die Welt bringe, so sendet nun Jesus die Jüngerinnen und Jünger, damit sie das Gleiche tun. 

Und in der Folge, aus der Apostelgeschichte, erfahren wir, sie haben sich nicht davor gescheut, wie Jesus aufzutreten. Wie Jesus zuvor haben sie gelehrt und geheilt. Allerdings nie in eigenem Namen, sondern im Namen Jesu.
Aber in ihrer eigenen Verantwortung haben sie mutig die Pharisäer und Schriftgelehrten zurechtgewiesen. Die berühmte Aussage Petrus »man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg. 5,29)« zieht sich durch die ganze Geschichte des Christentums. Das haben sie von Jesus gelernt und das setzen sie um. 

Doch was hat sie so überzeugt und stark gemacht, dass sie die Botschaft Jesu so vehement verbreitet haben?
Nachdem ihnen Jesus seinen Frieden zugesprochen hatte, hauchte er sie an und sagte: „empfangt den Heiligen Geist!“ Da ist nicht von Brausen und Erdbeben die Rede, wie zu Pfingsten. Sondern von einem Hauch, jenen Atem Gottes, von dem wir beim Schöpfungsbericht lesen (1.M.2,7): »da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde und blies ihm den Odem des Lebens ein.« Es ist der Odem des Lebens, es ist die Ruach, es ist der Heilige Geist, der einen Menschen erst wieder zu jenem Menschen macht, wie er oder sie seit Beginn der Schöpfung gedacht ist. 

Der Atem Jesu und der Odem Gottes ist ein und dasselbe. »Der Heilige Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird (aus Nizänischem Glaubensbekenntnis).« »Der Heilige Geist, der uns zu Söhnen und Töchtern gemacht hat und durch ihn rufen wir, wenn wir beten: „Abba, Vater!“ Ja, der Geist selbst bezeugt es uns in unserem Innersten, dass wir Gottes Kinder sind (Röm.8.15-16).« 

Die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben sich den Heiligen Geist nicht selbst zugesprochen. Niemand kann sich selbst den Heiligen Geist zuweisen. Es ist an ihnen passiert, durch Jesus Christus. Aber es ist auch nicht ohne ihren Willen geschehen. Die Voraussetzung war ihr Wille sich Gott hinzugeben. 

Das ist heute nicht anders. Es bedarf der Hingabe. Das kürzeste Glaubensbekenntnis gibt es vom Apostel Thomas, nachdem ihm der Auferstandene gegenüber stand. Thomas sprach zu Jesus: „Mein Herr und mein Gott!

Wo Menschen im Geist Gottes hinausgehen und die frohe Botschaft von Jesus Christus mitteilen, geschieht etwas Neues. Frieden, Freude und Gerechtigkeit werden zum Fokus der Gemeinschaft. Menschen hören auf gewalttätig zu sein. Menschen hören auf gegenseitig Steine zu werfen. 

Wer Schuld auf sich lädt, soll erkennen, das sein Opfer zwar zu leiden hat, dass aber ihn selbst die Schuld für sein Verhalten trifft. Wieviele Menschen tragen doch andauernd schwer an ihrer Schuld. Doch wo jemand schuldig geworden ist, soll nicht seine Verurteilung sondern Versöhnung zum Ziel werden. Ohne Schuldvergebung kein Frieden!

Mich wundert es nicht, wenn die Kirchen leer sind. Sie legen dem Schuldbewusstsein der Menschen noch eins drauf. Sie nähren Schuld und betonen: „ja, du bist schuldig!“
Den Gebeugten beladen sie noch, auf dass er ganz zu Boden geht. Anstatt ihn aufzurichten und zu sagen: Du bist nicht schuldig! Es gibt einen Gott, der alle Schuld auf sich genommen hat!“

Im Geist Gottes sprechen die Menschen: „lasst euch versöhnen mit Gott!
Unbegreiflich und gegen alles gerechte Denken bietet Gott selbst Versöhnung an. 

Die vergangenen Karfreitagsdiskussionen decken auf, dass die meisten Menschen gar nicht mehr wissen, was Karfreitag bedeutet.

»Am Karfreitag erklärt sich Gott selbst für schuldig an der Welt und löscht damit die Schuld der Welt aus. Am Karfreitag tritt Gott selbst den Versöhnungsgang an und spricht die Welt von sich aus frei. Er steht selbst ein für die Gottlosigkeit, für den Hass, für den Sünder. Alles hat Gott nun auf sich selbst genommen, erlitten und abgebüßt. Es gibt nun keine Welt mehr, die nicht mit Gott versöhnt und nicht in Frieden wäre. Das tat Gott in seinem lieben Sohn Jesus Christus. (nach Dietrich Bonhoeffer)«

Der Beweis dafür ist die Gegenwart des Auferstandenen, der im Heiligen Geist seine Jüngerinnen und Jünger heute noch anspricht: „Friede sei mit euch!. Wie mich mein Vater gesandt hat so sende ich auch euch. Lebt den Frieden, den ich euch zuspreche und teilt ihn mit euren Nächsten!“       Amen