20. Juli 2019

Gottesdienst am 12. Mai 2019

Predigt: Pastorin Esther Handschin

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zu Offenbarung 7,9-17

Liebe Schwestern und Brüder!

Im Buch der Offenbarung kommt unter anderem auch ein Buch mit sieben Siegeln vor, also ein Buch, das auf mehrfache Weise verschlossen ist. Man kann es nur schwer öffnen und damit auch nur schwer lesen und verstehen. So ähnlich kommt mir auch das Buch der Offenbarung vor. Es ist nicht leicht zu verstehen, was hier gemeint ist. Es kommen viele Bilder, Figuren und Gestalten vor, die es zu entschlüsseln, aufzudecken oder zu verstehen gilt. Die Bildwelt des Alten Testaments ist dafür eine Hilfe. Das Buch der Offenbarung ist in einer Zeit entstanden, wo die Christen ihren Glauben nur im Verborgenen leben konnten. Mit Hilfe dieser verschlüsselten Bilder konnte daher manches gesagt und angedeutet werden, was man nicht laut oder frei heraus sagen durfte. Wer dies dennoch tat, riskierte sein Leben. Ich hoffe, dass es mir gelingt, einige dieser Bilder und Vorstellungen soweit aufzuschlüsseln, dass auch wir sehen, was diese Visionen, die der Seher Johannes macht, mit unserem konkreten Leben zu tun haben.

Was sehen wir also vor uns? Zusammen mit dem Seher Johannes werfen wir einen Blick in den himmlischen Thronsaal. Wir schauen zu Gottes Wohnort, seinem Thron im Himmel und wir sehen, wer da noch alles versammelt ist. Im Abschnitt zuvor war von den 144.000 Versiegelten die Rede. Sie repräsentieren das Volk Gottes. Aus jedem der zwölf Stämme Israels kommen 12.000. Alles in allem eine unvorstellbare hohe Zahl. Sie alle tragen ein Zeichen auf der Stirn, ein Siegel. Wer dieses Siegel trägt, dem darf kein Leid geschehen. Das Siegel ist ein Zeichen des Schutzes und der Bewahrung so wie am Anfang der Bibel Kain von Gott selbst mit einem Zeichen versehen wurde. Niemand sollte Kain totschlagen, obwohl er seinen Bruder Abel umgebracht hatte. Keinem Menschen darf die Würde des Menschseins genommen werden, egal was er angestellt hat.

Zurück zum Buch der Offenbarung: die 144.000 aus den Stämmen Israels sind nicht die einzigen, die Platz finden in der Gegenwart Gottes vor seinem Thron. Es kommen noch viel mehr dazu. So viele, dass man sie gar nicht zählen kann. Aus allen Völkern und Nationen, mit unterschiedlichsten Sprachen und Hautfarben. Es ist die alte und große Sehnsucht des Volkes Israel, dass nicht nur sie selbst ihren Gott anerkennen und ihm dienen, sondern auch die vielen Menschen aus anderen Völkern den Gott Israels als ihren Gott anerkennen. Es ist der lang gehegte Traum dieses Volkes und seiner Propheten, dass auch andere Menschen Gottes Güte spüren und etwas von dem Heil erfahren, dass von ihm ausgeht. So heißt es beim Propheten Micha (4,1f): „In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“

Und so stehen sie nun da, gekleidet in weißen Gewändern und mit Palmzweigen in den Händen. Die Palmzweige sind ein Zeichen des Sieges. Wer sie in den Händen hat, der hat den schwersten Kampf schon hinter sich. Wiederum spüren wir etwas vom Entstehungshintergrund dieses biblischen Buches. Das Leben der damaligen Christen war ein harter Kampf. Not, Bedrängnis, Einschüchterungen, bis hin zu Folter und dem Tod hatten sie zu erwarten. Manches Leben ging dabei unerfüllt und vorzeitig zu Ende. Umso mehr werden die Christen durch dieses Buch ermutigt: Nur noch eine kurze Zeit und dann ist alles vorbei. Die Machthaber dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Dieses hat alleine Gott und er sorgt für die, die sich zu ihm halten. Daher ist dass Buch der Offenbarung ein Trostbuch für Verfolgte.

Alle diese Menschen, die in Bedrängnis und Ängsten leben, sie tragen weiße Kleider. Weiße Kleider, sie sind bis heute ein Zeichen der Reinheit und Unversehrtheit. Ärzte und Krankenschwestern tragen weiß, aus hygienischen Gründen. Die Braut erscheint zur Hochzeit in weiß als ein Zeichen der sexuellen Unberührtheit und Reinheit. In der katholischen Kirche kommen die Kinder, vor allem die Mädchen zur Erstkommunion im weißen Kleidchen. Es ist eine Erinnerung an die neu Getauften. Als Sinnbild für den neuen Menschen, der sie durch die Taufe in Christus geworden sind, tragen sie ein weißes Kleid. Es bedeutet: Durch die Taufe sind die Sünden abgewaschen. In Christus sind wir ein neuer Mensch.

Aber wie das so ist mit weißen Kleidern — wer Kinder hat, kann ein Lied davon singen — sie bleiben nicht lange weiß. Man kann — auch als Getaufte — nicht ein Leben lang mit weißen Kleidern durchs Leben gehen, ohne auch nur die geringste Verunreinigung. Das Leben mit der weißen Weste, das Leben ohne Flecken und Schmutz, das gibt es nicht. Wer auf dieser Erde lebt, wer in das Leben eintaucht, dessen Gewand bleibt nicht weiß. Wem die Not dieser Welt ans Herz geht, der macht sich Hände und wohl auch die weiße Weste schmutzig. Wer sich hineinkniet, wo Schuld und Not sind, dessen Gewand bleibt nicht sauber. Das Leben hinterlässt Spuren, hinterlässt Flecken auf seinen Kleidern. Diese Flecken sind ein Zeichen der Schuld, aber auch ein Zeichen der Liebe. Denn gelebtes und geliebtes Leben hinterlässt Spuren. Wir leben und lieben nicht anders als dass wir immer auch schuldig aneinander werden. Und so bleibt auf manchem Kleid Blut kleben. Blut, weil wir uns für ein Leben, für ein verletztes Leben eingesetzt haben. Blut, weil wir andere Menschen verletzen im Ungestüm des Lebens. Und Blut, weil auch wir immer wieder verletzt werden in den Auseinandersetzungen des Lebens. Ein gelebtes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen — es ist keine Garantie auf eine weiße Weste. Selbst Persil oder sonst ein Waschmittel können da nicht weiter helfen.

Das Leben leben, verletzen und verletzt werden, sich einsetzen für verletztes Leben: Wenn wir einst vor dem Richter stehen werden, so wird unser Gewand bestimmt nicht weiß sein. Doch der Seher Johannes sieht ein anderes Bild: Die Menschen vor Gottes Thron sind weiß gekleidet. Und er hört dazu eine Erklärung: „Sie haben ihre Kleider gewaschen und hell gemacht im Blut des Lammes.“ Was für eine eigenartige Erklärung! Die Erfahrung sagt uns: Wenn man die Kleider in Blut wäscht, dann werden sie nicht weiß, sondern rot. Und so leicht lässt sich Blut nicht herauswaschen. Blut hinterlässt auch nach mehrmaligem Waschen immer noch braune Flecken. Das weiß jede Frau. Was also ist damit gemeint, dass die Menschen vor Gottes Thron ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen und hell gemacht haben? Auch hier hilft uns die Bildwelt des Alten Testamentes weiter. Bevor das Volk Israel aus Ägypten ausziehen konnte, kamen zehn Plagen über jenes Land. Die schlimmste war die zehnte Plage. Jeder Mensch, aber auch jedes Tier, das als erstes geboren wurde, musste sterben. So kehrte der Tod in jedes Haus ein, mit einer Ausnahme: Alle Häuser, deren Türpfosten mit dem Blut eines geschlachteten Passalammes bestrichen waren, sie wurden verschont. Gott selbst hat seinem Volk Israel geboten, ein solches Lamm zum Passafest zu schlachten, damit sie verschont bleiben.

Dieses Bild vom Blut, das Leben rettet, Blut, durch das Leben geschont wird, haben die ersten Christen auf ihre Weise interpretiert. Sie haben gesagt: Das Passalamm, das ist Jesus. Er ist für die Menschen gestorben. Er hat sein Leben hingegeben. Sein Tod und seine Auferstehung setzen der Endgültigkeit des Todes ein Ende. Sein Blut und sein Leben stehen für das Leben, das wir durch ihn neu gewinnen. Weil er uns neues Leben schenkt, hat die Macht des Todes und der Sünde keinen Einfluss mehr auf unser Leben. Wir sind reingewaschen von all unserer Sünde. Und so sieht der Seher Johannes dieses Bild: Das Blut des Lammes wäscht von Sünden rein. So werden die Kleider der Menschen aus allen Völkern hell. Das Dunkle der Sünde, die Flecken auf den Kleidern, die Spuren, die das Leben hinterlässt, sie sind rein gewaschen, weil diese Menschen ihr Vertrauen ganz auf das Lamm, auf Jesus Christus setzen.

Lassen wir dieses Bild auch für uns gelten, lassen wir für uns gelten, was Jesus Christus getan hat. Wo auch immer wir das Gewand unseres Lebens in den Schmerz, in die Not, in das Blut dieser Welt eintauchen, da dürfen wir darauf vertrauen, dass Christus dieses Gewand weiß wäscht. Wo auch immer wir uns die Hände, die weiße Weste, das gute Gewand schmutzig machen, weil es Not zu lindern gibt, weil wir vom Leben gefordert sind, weil wir schuldig aneinander werden, weil wir zu sehr geliebt haben, da gibt es einen, der mit Liebe auf unser Gewand schaut und der die Spuren der Liebe und des Lebens auf unserem Gewand entdeckt. Er selbst macht unser Gewand rein und bringt es zum Leuchten, heller als wir es je hätten machen können. Aber nicht hier auf Erden, sondern dort einmal vor Gottes Thron. Hier aber tragen wir noch das Alltagsgewand, das befleckte Gewand des Lebens. Es soll ruhig die Spuren des Lebens tragen. Damit wir nicht einst eine Stimme hören, die sagt, wir hätten nie gelebt und wir hätten nie geliebt. Amen.