20. Juni 2019

Gottesdienst am 26. Mai 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit   Prediger 3, 11

Liebe Gemeinde, „Er – Gott – hat alles schön gemacht zu seiner Zeit.“ Dieser Teil des elften Verses  aus dem Weisheitsbuch Prediger den wir heute gehört haben, war das Motto der Ostdeutschen Jährlichen Konferenz. Letzte Woche war ich in der Nähe von Zwickau und habe als Gastdelegierter an dieser Konferenz teilgenommen. Dieses Wort, aus dem doch eher nicht so bekannten alttestamentarischen Buch, hat mich sehr berührt. Berührt, weil diese Bibelstelle etwas ganz Existenzielles, etwas ganz Grundlegendes über Gott aussagt. Und deshalb denke ich, dass diese Stelle besonders für unseren heutigen Teenagersegnungsgottesdienst geeignet ist. Von diesen wenigen Worten lässt sich die ganze Fülle christlicher Theologie ausbreiten.

Gut, dass ist vielleicht ein wenig vermessen, aber ich möchte heute einfach einmal nur durch diese Bibelstelle gehen und wie gesagt, ihre Fülle ausbreiten und in Worte fassen.

„Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit.“

Mit diesem „er“, also Gott, wird das Fundament christlichen Glaubens angesprochen: Gott ist da. Es gibt ihn nicht nur, sondern er ist der Ursprung aller Dinge. Christen und Christinnen, gemeinsam mit Juden und Jüdinnen muss man hier natürlich sagen, glauben daran, dass dieser Gott existiert. 

Damit wird nicht weniger gesagt, als dass dies alles nicht Zufall ist. Das Leben ist kein Zufall. Alles was wir sehen und erleben oder gesehen und erlebt haben, ist kein unpersönliches Zeitgeschehen irgendwo in einem undefinierbaren Kosmos. Nein, sondern Gott ist da. Er ist der Ursprung aller Dinge, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.

Die nächsten Worte sagen etwas aus über das Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung. Er – Gott – macht alles. Gott macht alles das bedeutet Gott handelt. Er ist der Schöpfer. Wie dieses Handeln aussieht und wie wir uns dieses Schöpfungshandeln heute vorstellen, darüber kann man reden. Ich erinnere mich an eine Stunde mit den Teenagern, in der Esther Handschin uns einen der beiden Schöpfungsberichte aus dem 1. Buch Mose näher gebracht hat. Deutlich wurde, wie dieser biblische Schöpfungsbericht das Wissen, die Beobachtungen und die Vorstellungen der Menschheit zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung aufgreift. Dass wir heute mit der Evolutionstheorie an einer ganz anderen Stelle der Menschheitsgeschichte stehen, ist völlig verständlich. Aber mit dem Bild des Schöpfers wird auch heute noch etwas ganz Fundamentales über unser Weltverständnis ausgesagt: Nicht der Mensch steht im Zentrum der Welt, sondern der Mensch ist ein Teil dieser Welt. 

Wir Menschen verhalten uns oft so, als wären wir das Zentrum der Welt aber wir sind es nicht. Mit dieser zunächst sehr einfachen Aussage wird eine Grundhaltung christlichen Glaubens deutlich: Der Mensch ist nicht allein, sondern er wurde geschaffen, das heißt er steht in einer Beziehung zu seinem Schöpfer und dieser Schöpfer ist außerhalb seiner selbst, also außerhalb des Menschen.

Wie diese Beziehung aussieht oder aussehen kann, dazu liefert uns das vielleicht zentralste Wort in dieser Bibelstelle einen Hinweis: Gott hat alles schön gemacht.

Dieser Hinweis auf die Schönheit ist für mich deshalb von zentraler Bedeutung, weil er die Haltung Gottes seiner Schöpfung gegenüber zum Ausdruck bringt.

Alles ist schön, ist eine Wertung. Eine Wertschätzung. Das, was Gott geschaffen hat, ist grundsätzlich schön, es ist grundsätzlich gut.

Meiner Ansicht nach zeigt sich die Schönheit der Schöpfung immer wieder in der Natur. Besonders wenn wir uns Zeit nehmen und die Dinge einmal genauer anschauen. Dann entdecken wir meistens wie filigran und schön die einzelnen Teile der Schöpfung aufgebaut sind. Wieviele Muster ein Blatt durchziehen, wieviele Farben ein Schmetterlingsflügel zu bieten hat, wie interessant doch der Rüssel eines Elefanten aussieht und wie selbst eine Schlange oder ein Skorpion schillern und grundsätzlich schön sind. Diese grundsätzliche Schönheit kopiert der Mensch immer wieder und schafft auch eigene, schöne Werke, aber in der Fülle ist die Schönheit Gottes unerreicht.

Tatsächlich ist es doch so, dass nur ein Bild oder ein Foto von einem Sonnenuntergang kitschig sein kann, aber das reale Ereignis wird immer schön bleiben.

Alles wurde von Gott schön gemacht, das bedeutet nichts weniger, als dass jeder Mensch schön gemacht ist. Dabei sollten wir jetzt nicht unsere menschlichen Alltagseinschätzungen von Schönheit hervorholen: Natürlich kann in unseren Augen eine Person ausgesprochen hässlich sein. In unseren Augen und mit unserem, auch kulturell bedingten, Schönheitsempfinden bezeichnen wir manche Menschen als hässlich. Aber in den Augen Gottes sind sie alle schön.

In den Augen Gottes bin ich schön. Du bist schön.

Mit dieser Aussage kommen wir dem Wesen Gottes auf die Spur. In den Augen Gottes bin ich schön. Gott schaut mich mit wohlwollenden, mit liebevollen Augen an.

Hier sind wir im Zentrum christlicher Verkündigung angekommen: Das Wesen Gottes ist Liebe und in dieser Liebe hat er mich, sein Geschöpf, schön gemacht.

Man kann nicht etwas wirklich Schönes erschaffen, wenn man nicht seine ganze Liebe hineingibt.

Das können wir ja sogar für menschliche Werke von wahrer, erhabener Schönheit sagen. Innerlich unbeteiligt oder unter Zwang oder im Groll kann man nichts Schönes schaffen. Man muss sich hineingeben in das eigene Werk.

Wenn ich jetzt weiter sage, dass Gott sich selbst hineingibt in die Welt, die er liebt, dann verlasse ich den Rahmen des alttestamentarischen Textes, aber komme zu Jesus.

Christlicher Glaube sagt, dass Gott sich in der Gestalt seines Sohnes als Mensch in diese unsere Welt hineingibt, um sie zu erlösen. Um sie zu retten.

Was alles sonst noch mit der Person Jesus verbunden ist, darauf möchte ich heute nicht eingehen. Sondern nochmal zu diesem Hineingeben zurückkehren, denn das scheint mir auch für den christlichen Glauben eine entscheidende Erkenntnis zu sein: Aus der Distanz kann ich nicht glauben.

So wie Gott seine Liebe in sein Geschöpf hineingibt und sich in Jesus in die Welt hineinbegibt, so wird auch christlicher Glaube erst erfahrbar, wenn ich als Mensch bereit bin, mich hineinzubegeben. Es tut mir leid, vielleicht bin ich schon zu lange Christ, aber mir erscheint das fürchterlich logisch. Ich kann doch auch in menschlichen Beziehungen nicht unbeteiligt oder aus der Distanz heraus lieben.

Mir ist noch ein anderes Beispiel zu diesem Zusammenhang eingefallen: Ist es nicht so wie das schwimmen und das schwimmen lernen?

Ich werde weder schwimmen noch schwimmen lernen, wenn ich nie ins Wasser gehe. Wenn ich immer am Ufer oder am Schwimmbadrand stehen bleibe und mir aus der Distanz vorzustellen versuche, wie denn das sein könnte: Das Schwimmen.

Wenn ich also schwimmen möchte, dann werde ich einmal ins Wasser hineingehen müssen. Und mich einmal mit dem Element des Wassers vertraut machen. Und vielleicht auf jemanden hören, der schon schwimmen kann und mich einüben in dieses merkwürdige Schwimmen.

Wer das tut, wird im Regelfall und mit hoher Wahrscheinlichkeit drauf kommen, dass das Wasser ihn oder sie trägt. Am Anfang schaut es vielleicht noch nicht wahnsinnig elegant aus, aber mit der Zeit lassen sich nicht nur verschiedene Schwimmstile erlernen, sondern man kommt drauf, dass man sogar tauchen kann. Tauchen, schwerelos sein. Zumindest für eine Zeit.

Für mich sind im Beispiel vom schwimmen und schwimmen lernen ganz viele unmittelbare Paralellen zum Glauben.

Wenn ich nicht in den Glauben hineingehe, also mich einmal prinzipiell darauf einlasse, dann kann ich die Erfahrung des Glaubens auch nicht machen. Ich muss mich mit dem Element Glauben vertraut machen, das geschieht im Regelfall darüber, dass ich biblische Texte entweder selbst lese oder höre. Mit anderen Christen und Christinnen im Gespräch zu sein heißt, sich auszutauschen über das Thema Schwimmen, sprich den Glauben. Und wenn man dann losschwimmt und das erste Mal die Erfahrung macht, dass der Glaube trägt, dann kann das vielleicht nur eine vage Erkenntnis der Liebe Gottes sein. Ein erstes warmes Gefühl. Dann liegen die eleganten Schwimmstile vielleicht noch vor mir. Und das Bild vom Tauchen bringt vielleicht Psalm 18 am Besten zum klingen: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Ps 18, 30)

Über allen kleinen, zaghaften Schritten in den Glauben an Gott hinein, hat Gott eine große Verheißung gestellt, die wir sowohl im Neuen wie im Alten Testament finden. Ich sage es heute mit den Worten aus Nehemia, Kapitel 29: „Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, dann will ich mich von euch finden lassen.“

Welchen Grund sollte ein liebender Gott haben, sich nicht finden zu lassen?

In allem Menschsein, in unserem ganzen Leben, zu jedem, wirklich jedem einzelnen Moment unseres Daseins werden wir mit der Frage konfrontiert: Worauf setzt du deine Hoffnung?

Man kann der Frage eine Zeit lang ausweichen, man kann versuchen sie zu ignorieren, man kann sie auch innerlich mit dem großen Nichts beantworten: Ich bin ohne Grund, ohne Absicht geboren und ich werde wieder zu Staub zerfallen und die Würmer werden meinen toten Körper fressen und das wars, es wir aus und vorbei sein. Das klingt unheimlich nüchtern und abgeklärt, aber macht es glücklich?

Meine Hoffnung schaut anders aus. Meine Hoffnung sagt: Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. Gott hat mich schön gemacht in seinen Augen und er liebt mich. So wie ich ihn. 

Amen.