20. Juli 2019

Gottesdienst am 16. Juni 2019

Predigt: Ute Frühwirth

Römer 5, 1-5

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Liebe Gemeinde!

Als ich die Textstelle zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich mir: „Na bum! Römerbrief! Laut Luther – das Buch der Bücher!“ Es gibt viele Predigten über diese Textstelle; ich weiß das, denn ich hab einige im Internet gelesen.  Und obwohl auch ich diesen Text kenne, und darüber wurde sicher bei uns auch schon gepredigt, gibt es Wörter, die mir nicht ganz klar waren. Was bedeutet: die Gnade Gottes? Wenn mich jemand aus meinem Freundeskreis gefragt hätte: „Was ist die Gnade Gottes?“ könnte ich keine spontane Antwort geben. Um diesen Text besser zu verstehen, machte ich mich zuerst auf die Suche nach einer Erklärung und wurde bei Walter Klaiber wurde ich zum Teil fündig. Er schreibt über die Gnade: „Sie wird als Lebensraum vorgestellt, als Heilsbereich, in den ein Mensch durch die Beziehung mit Jesus Christus eintreten und so sicheren Stand für sein Leben gewinnen kann.“ Und zu diesem Lebensraum haben wir freien Zugang durch Jesus Christus, wie es im Vers 2 steht. 

Noch ein weiterer Gedanke zur Gnade Gottes: Die Gnade ist ein Geschenk von Gott, ein Zuspruch an uns Menschen. Somit drückt die Gnade auch die Haltung Gottes gegenüber uns Menschen aus. Gott ist gütig zu uns, er ist gnädig, er ist barmherzig und er ist nicht nachtragend. Herz was willst du mehr?

Nachdem ich das für mich geklärt hatte, haben sich beim mehrmaligen Lesen dieses Textes noch einige Wörter herauskristallisiert. Ich nenne sie die Eckpfeiler, denn auf diese Eckpfeiler habe ich meine weitere Predigt aufgebaut.

Eckpfeiler Nummer 1: gerecht 

In Römer 5 Vers 1 steht: „Nachdem wir nun aufgrund des Glaubens für gerecht erklärt worden sind …“ 

Der Apostel Paulus macht uns klar, dass kein Mensch aufgrund seiner Taten gerechtfertigt (d.h. für gerecht erklärt) werden kann, wie er es in Römer 3 Vers 22 schon schreibt „Es ist eine Gerechtigkeit, deren Grundlage der Glaube an Jesus Christus ist und die allen zugute kommt, die glauben“. Theoretisch würde die Möglichkeit bestehen, dass die Menschen aufgrund ihrer Taten gerechtfertigt werden, rein theoretisch wäre das möglich. Aber niemand wird dies jemals zu Stande bringen, weil wir von Natur aus Sünder sind. Aber Gott hat einen Weg gefunden. Im Wort gerecht steckt das Wort Rechtfertigung. Im juristischen Sinn entspricht die Rechtfertigung einem Freispruch. Als Richter hat Gott mir meine Sünden vergeben, er rechnet sie mir nicht mehr an und es folgt kein Gericht mehr. Ich bin gerecht vor Gott – Ich habe Frieden mit Gott.

Eckpfeiler Nummer 2: Hoffnung

Vers 2 „Darüber hinaus haben wir eine Hoffnung, die uns mit Stolz erfüllt.“

Hoffnung zu haben ist etwas Wunderbares. Sie macht das Leben leicht. Sie lässt einen positiv denken. Die Hoffnung nimmt den Druck, der entsteht, wenn sich ein Problem annähert. Mein Glaube gibt mir die Hoffnung, dass Gott alles richten wird – er wird alles zum Guten wenden.  Die Hoffnung, einmal an Gottes Herrlichkeit teilzuhaben, erfüllt uns mit Stolz!

Eng verbunden mit der Hoffnung ist mein dritter Eckpfeiler: die Not

Weiter im Text heißt es: „Denn wir wissen, dass Not uns lehrt durchzuhalten.“

Wir erinnern uns: Paulus schreibt diese Zeilen an die römischen Christen aus dem Gefängnis. Das heißt, auch er war in einer Notsituation. Er war in großer Bedrängnis.

Bedrängnis ist ein altes Wort für Not. Wir kenne das. Jeder von uns war schon einmal in Bedrängnis. Bedrängnis ist eine Situation, die sich schlecht anfühlt. Sie macht uns unsicher. Eine Notlage kann lebensbedrohend sein. Und dann schreibt Paulus: „Not lehrt uns durchzuhalten“. Das klingt für mich sogar ein wenig makaber.

Ronny und ich haben für unsere Hochzeitseinladungen vor langer Zeit folgenden Spruch ausgewählt: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Dieses Lied begleitet mich schon mein ganzes Leben und gerade diese Zeile hat so viel Hoffnung in sich. Ich bin nicht allein, egal was kommen mag, welcher Not ich ausgesetzt bin, der Herr ist da, und ich fühle mich geborgen.

Als Sonntagschulleiterin habe ich dieses Lied einmal in einer Sitzung als Monatslied vorgeschlagen. Und ich weiß noch, wie Anna Streitfeld entschieden „Nein“ gesagt hat. Im ersten Moment war ich verwirrt, aber sie lieferte mir gleich die Erklärung. Und nach dieser Erklärung begann ich das Lied mit anderen Augen zu sehen. Anna erklärte mir, dass der Autor bzw. Texter dieses Liedes Dietrich Bonhoeffer war. Vielen von uns ist er ein Begriff. Und die Umstände, unter denen er dieses Lied schrieb, waren von Not und Bedrängnis nur so durchschwemmt. Er war ein lutherischer Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Als er am 9. April 1945 von den Schergen des nazi-Terrors zum Galgen geführt wurde, waren seine letzten Worte: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ Bonhoeffer starb getragen von einem tiefen Glauben. Ein Ausnahmemensch? Fern von uns?

In solch einer Situation, damit meine ich die Gefangenschaft im KZ, diese Zeilen des Liedes zu schreiben, hat mich unglaublich beeindruckt und oft habe ich mir gedacht: „Was für einen Glauben hatte dieser Mensch – beneidenswert!“ Wenn ich jetzt wieder an das Lied denke „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ denke ich, dürfen wir diese Zeilen aber auch für uns verbuchen, auch wenn wir nicht in so einer Ausnahmesituation sind wie Dietrich Bonhoeffer es war. Jeder Mensch hat seine eigenen Ausnahmesituationen und jeder darf sich von den guten Mächten geborgen fühlen.

Und trotzdem: Ich weiß nicht wie es euch damit geht, aber ich versuche schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen. Gelingen tut mir das natürlich nicht immer. Aber wie gehen wir dann damit um? Jammern wir, oder sagen wir: „Das schaffe ich!“ In dieser Phase können und sollen wir Christen und Christinnen uns gegenseitig immer positiv unterstützen.

Ich komme zum Eckpfeiler Nummer 4: die Bewährung

Wer kennt die Zeiten der Bewährung nicht, egal ob passiert oder freiwillig ausgesucht. Sogar unsere Kinder sind schon Bewährungen ausgesetzt mit den Prüfungen in der Schule oder im Umgang mit ihren Freunden und Freundinnen. Auch sie müssen schon lernen zu „bestehen“. Und das zieht sich durch unser ganzes Leben. „Das Leben ist eine einzige Bewährungsprobe““, sagte einmal jemand zu mir. Das klingt nicht gerade positiv. Aber wie geht es einem, wenn er die Bewährung bestanden hat? Wenn er oder sie es geschafft hat durchzuhalten? Dann gibt das ein unglaublich gutes Gefühl!

Paulus scheibt das: „und wer gelernt hat durch zu halten, der ist bewährt und bewährt zu sein, festigt die Hoffnung. Bewährung bringt Hoffnung. Und Hoffnung, die aus der Bewährung kommt, die vertraut auf Gott. Wir wissen: es werden Krisen kommen. Aber Gott wird mit uns gehen.

Ich komme noch einmal auf meine rhetorische Frage vom Anfang zurück. Sollte mich in Zukunft jemand aus meinem Freundeskreis fragen: „Was ist die Gnade Gottes“, würde ich wahrscheinlich so antworten: „Die Gnade ist ein Geschenk! Durch sie hat mich Gott von meinen Sünden freigesprochen. Ich habe Gottes Zuspruch und somit auch die Hoffnung, dass ich in allen künftigen Nöten und in jeder Bedrängnis von ihm getragen werde und mit seiner Hilfe mich bewähren bzw. sie durchstehen kann.“ Halleluja!

Amen