20. Juli 2019

Gottesdienst am 23. Juni 2019

Predigt von Pastorin Esther Handschin

English

zu Lukas 8,26-39

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn ich dieser Geschichte einen Namen geben müsste, so würde ich sie „Begegnungen am Rande“ nennen. Auf der einen Seite geht es um die Begegnung Jesu mit einem Menschen, der nicht im Mittelpunkt einer Gemeinschaft steht. Auf der anderen Seite befinden sich alle Örtlichkeiten dieser Geschichte am Rand, in der Peripherie. Die Gegend von Gerasa liegt von Galiläa aus gesehen auf der drüberen Seite des Jordans, also am Rand. Dorthin verirrt man sich in der Regel nicht. Um nach Jerusalem zu gelangen, gibt es kürzere Wege, z.B. durch das Gebiet von Samarien. Weiters spielt die Geschichte am Rand der jüdischen Kultur. Es kommt eine Schweineherde vor. Das ist ungewöhnlich für jüdische Lebensumstände. Unter den Juden lässt sich Schweinefleisch nicht verkaufen. Wer Schweinefleisch  isst, der kann kein rechter Jude sein. Die Schweineherde war wohl für den Export gedacht. Die Begegnung zwischen Jesus und dem besessenen Mann findet bei den Grabhöhlen statt. Auch das ist ein Ort am Rand des Lebens und ein Ort, wo man sich in der Regel als frommer Jude nicht aufhält. Man geht nicht dahin, wo der Tod zu finden ist und man kommt am besten damit gar nicht in Berührung. Denn das macht nur unrein.

Auch dieser Mensch, um den es geht, ist eine Art Randfigur. Durch seine Krankheit ist er an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Er lebt an einem Ort, der dem Tod näher ist als dem Leben. Mit ihm will niemand mehr etwas zu tun haben. Die Mitbewohner haben schon alles probiert, um wenigstens halbwegs mit ihm auszukommen. Sie haben ihn angekettet. Sie haben ihn gefesselt. Aber die Krankheit war stärker. Sie hat die Macht über diesen Menschen behalten. Er war nicht zu bändigen. Die Krankheit hat ihn zu einer Randfigur gemacht. Sogar die Kommunikation mit ihm ist gestört. Wenn wir heute diese Geschichte hören, so ist uns nicht klar, wer da spricht. Ist es der Mensch selbst, der in Jesus den Sohn Gottes erkennt? Oder sind es die Dämonen, die aus ihm sprechen? Ist es eigentlich ein Dämon oder sind es mehrere, die da reden? Alles ist verwirrend an diesem Menschen: Sein Aussehen, sein Verhalten, seine Redeweise. Man wird einfach nicht schlau aus ihm.

Wir wissen heute mehr über psychische Krankheiten als heute. Was früher als Besessenheit durch einen Dämon benannt und damit auch erklärt wurde, das würden wir heute nicht mehr so bezeichnen. Wir wissen viel differenzierter Bescheid über psychische Krankheiten. Sie haben nicht mit Besessenheit zu tun. Oft sind bestimmte Körpersubstanzen durcheinander geratenen. In vielen Fällen kann man mit Medikamenten helfen und die Situation erträglicher machen, sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen. Aber was bis heute geblieben ist, das ist die Schwierigkeit der so genannt „normalen“ Menschen mit denen, die psychischenSchwierigkeiten haben. Die Menschen reagieren damals wie heute ähnlich: Sie finden es komisch, verwirrend und unheimlich, mit solchen Menschen in Kontakt zu sein. Das Stigma bleibt dasselbe: Man hat höchstens einen Platz am Rand der Gesellschaft, aber bestimmt nicht mittendrin.

Jesus lässt sich davon nicht beeindrucken. Er sucht die Begegnung, ob mit dem Menschen oder ob mit dem Dämon, das wird zunächst nicht klar. So versucht Jesus zunächst Klärung zu schaffen. Wer ist dieser Dämon? D.h. was plagt diesen Menschen? Also fragt er ihn nach dem Namen und bekommt die Antwort „Legion“. Eine Legion, das war zur römischen Zeit eine Heereseinheit, die zwischen 3.000 und 6.000 Soldaten umfasste. Die Antwort „Legion“ bedeutet also so viel wie „wir sind viele“. Doch in der Begegnung mit den Dämonen ist ganz klar, wer die Oberhand behält: Jesus. Sie müssten ihn bitten, ob es noch eine andere Möglichkeit gibt, als in den Abgrund zu fahren. Jesus gibt ihnen die Erlaubnis, in die Schweineherde zu fahren, die sich dann in den See stürzt und ersäuft. Damit wird ausgedrückt, dass Jesus und das Reich Gottes, das er verkündet, schon den Sieg über den Tod und dessen Mächte gewonnen hat.

Jesus begegnet aber nicht nur den Dämonen im Menschen. Es ist nicht nur der Kampf gegen die anderen Mächte und Gewalten. Wichtig ist auch die Begegnung mit diesem Menschen selbst, der sich schon längst aus der Gemeinschaft der Lebenden zurückgezogen hat. Es gilt, ihn wieder in die Lebenswelt der Menschen zurückzuholen und zu reintegrieren. Wir erfahren es im weiteren Verlauf der Geschichte: Jesus sorgt dafür, dass er Kleider zum Anziehen hat. Und wie die Schaulustigen sich zum Friedhof hinausbegeben, da stellen sie fest, dass man mit diesem Menschen auf einmal ganz vernünftig reden kann. Die Randfigur steht nun im Mittelpunkt und findet das Interesse der anderen. Der Mann ist nicht nur gesund geworden, wie es von den Schaulustigen beschrieben wird. Das griechische Wort an dieser Stelle heißt nicht nur „gesund“, sondern auch „gerettet“. Es weist uns daraufhin, dass diese Heilung noch eine andere Dimension als die der Gesundung hat. Durch die Befreiung von den Dämonen konnte sich der Mann öffnen für das Heil und für das Heilige, für Gottes Welt und seine Gegenwart.

Eine weitere Begegnung findet mit den Schweinehirten und den Schaulustigen statt. Sie begegnen ebenfalls dieser Welt Gottes und seiner Gegenwart. Aber bei ihnen löst das Furcht aus. Die Hirten fliehen und die Schaulustigen sind so von der Furcht ergriffen, dass ihnen lieber ist, dass Jesus die Gegend verlässt. Die Begegnung mit dem Göttlichen ist heilsam in verschiedener Weise. Und sie hat unterschiedliche Folgen. Für den Mann so, dass er Heil und Heilung findet. Er kann ein neues Leben beginnen. Für die Schaulustigen in der Weise, dass sie aus ihrer Ahnungslosigkeit herausgerissen werden. Sie sind herausgefordert Stellung zu beziehen. Wollen wir diesen Jesus unter uns haben? Dann könnten sich noch ganz andere Dinge ereignen in unserem Leben. Oder schicken wir ihn und seine Jünger besser dahin zurück, wo er hergekommen ist? Dann haben wir Ruhe in unserer Gegend.

Jesus begegnet einem Mann, der am Rand des Lebens steht und nimmt ihn in die Mitte des Lebens. Aber wo ist diese Mitte des Lebens? Diese Geschichte hat einen auf den ersten Blick recht eigenartigen Schluss. Nach all diesen Erfahrungen ist der Wunsch des Mannes doch verständlich, dass er bei Jesus bleiben möchte. Wo anders könnte für ihn die Mitte des Lebens sein als bei Jesus, dem er sein neues Leben zu verdanken hat. Doch Jesus schickt ihn weg. Er sieht die Mitte des Lebens an einem anderen Ort. Zu Hause, bei den Menschen, bei denen er lange Zeit keinen Platz haben durfte, weil er für sie untragbar geworden ist. Ausgerechnet zu diesen Menschen schickt ihn Jesus zurück und gibt ihm den Auftrag, ihnen die großen Taten Gottes zu verkünden.

Dieser eher ungewöhnliche Schluss stellt auch uns vor die Frage: Wo ist für mich die Mitte des Lebens? Oder anders gesagt, wo ist mein Platz, an dem ich Jesus nachfolgen und ihn bekannt machen soll? Welchen Menschen soll ich von Jesus erzählen und von dem, was er in meinem Leben bewirkt? Wenn wir uns in Erinnerung rufen, aus welchen Lebenssituationen Jesus Menschen in die Nachfolge ruft, so sind diese ganz unterschiedlich. Die Fischer reißt er mitten aus ihrer Arbeit heraus. Den Levi ruft er hinterm Zollhäusl hervor. Den reichen Jüngling schickt er von seinem Reichtum und Besitz weg. Immer geht es darum, dass Menschen lernen, ihren Blick von dem weg zu lenken, was ihnen vertraut und wichtig ist, um dafür umso mehr auf Jesus zu schauen. Sie müssen das eine verlassen, um das andere zu gewinnen. Daneben gibt es aber auch einige Jüngerinnen und Jünger, die nicht mit Jesus herumziehen, sondern dort bleiben, wo sie wohnen. Am Anfang des Kapitels, in dem unsere heutige Geschichte spielt, erwähnt Lukas in seinem Evangelium einige Frauen, von denen es heißt, dass sie ihm mit ihrer Habe dienten. Sie zogen nicht mit Jesus umher, sondern sie stellten Platz und Raum und Besitz zur Verfügung, um Jesus zu unterstützen. Und nun gibt es in dieser Geschichte von der Heilung des Besessenen eine nochmals andere Reaktion Jesu. Er nimmt ihn nicht als seinen Jünger mit, sondern schickt ihn nach Hause, um dort das Reich Gottes zu verkünden.

Jesus nachfolgen kann also ganz Verschiedenes bedeuten: Einmal heißt es, alles stehen und liegen lassen und mitziehen oder fortziehen in ein anderes Land. Einmal heißt es, zu Hause bleiben, Raum und Besitz zur Verfügung stellen, damit andere die Arbeit der Verkündigung tun können. Einmal heißt es, alles verkaufen und den Armen schenken, damit mich kein Ballast mehr zurückhält. Und dann wieder heißt es, zurück in das Umfeld kehren, das mir vertraut ist und dort das Reich Gottes bekannt machen. Mich mit den Menschen konfrontieren, die mich von früher kennen und ein ganz anderes Bild von mir haben. Was ich daraus erahne ist Folgendes: Der Weg in die Nachfolge Jesu konfrontiert mich oft genau mit der Lebensaufgabe, die für mich zur Herausforderung des Lebens wird. Es geht um die Frage: Stehe ich dabei im Vordergrund und im Mittelpunkt oder ist meine Aufgabe nicht vielmehr die, auf den Herrn meines Lebens hinzuweisen, in dessen Dienst ich mein Leben gestellt habe? Diese Lebensaufgabe heißt für jeden und jede von uns wieder etwas anderes, weil bei unsere Lebenswege unterschiedlich verlaufen sind und unsere Schmerzpunkte woanders liegen. Beim einen ist es das Geldbörsel, wo es zu zwicken beginnt, bei der anderen die Frage, bin ich genug abgesichert. Andere brauchen einen festen Wohnsitz, ein trautes Heim, für wieder andere ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie die große Herausforderung. Für die einen wird das Verlassen der Knackpunkt und für die anderen die Sesshaftigkeit schwierig.

Ich meine nicht, dass es in dieser Frage um Selbstquälerei geht, so nach dem Motto: Je mehr ich leiden muss, desto bedeutsamer muss es für Gott sein. Es geht vielmehr wie bei dem Besessenen um die Frage der Heilung. Wo klammere ich mich an etwas fest, was mir nicht zum Leben dient? Wo bin ich gebunden, gefesselt durch etwas, was mich nicht frei sein lässt? Wo enge ich mich selbst noch ein aus Angst etwas zu verlieren, was ich sowieso nicht werde behalten können? Denn darum geht es Jesus mit seiner Verkündigung vom Reich Gottes und mit seinem Ruf in die Nachfolge: Dass wir frei werden von allem, was uns daran hindert ganz zu ihm zu gehören. Amen.