20. Juli 2019

Gottesdienst am 30. Juni 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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Nachfolge

Liebe Gemeinde, an Hand der heute gehörten Lesungen lässt sich meiner Meinung nach sehr schön ein sehr entscheidendes Thema unseres Glaubens nachzeichnen und das ist: Die Nachfolge. Im Buch der Könige wird so ein Weg der Nachfolge beschrieben, wenn wir hören, wie Elia und Elischa miteinander unterwegs sind. Und im Evangeliumstext, der auf den ersten Blick etwas herausfordernder erscheint, werden ebenfalls Situationen der Nachfolge beschrieben.

Ich möchte heute diese verschiedenen Schritte nachgehen und hoffe, dass jede und jeder von euch Wiedererkennungsmerkmale entdeckt. Entweder für sich selbst oder für Menschen die uns nahe stehen.

Beginnen wir mit den beiden Propheten. Und bevor wir uns das Geschehen anschauen, vielleicht noch eine kleine Vorbemerkung zu den beiden Propheten: Elia und sein Nachfolger Elischa sind sicher zwei der wirkmächtigsten Propheten gewesen, die wir im Alten Testament kennenlernen können. Daher sollten wir uns vom Feuerwagen oder von der Teilung des Jordans nicht abschrecken lassen. Beide haben wirkliche, echte, große Wunder erlebt und waren daran beteiligt. Beiden war es gegeben, im Namen Gottes sogar Menschen von den Toten aufzuerwecken. Elia den Sohn der Witwe in Zarpath (1.Kön 17, 22) und Elischa den Sohn der Sunamiterin (2. Kön 4, 36). Und eben vielleicht gerade deswegen ist es besonders lehrreich, wie der Weg, heute der Weg von Elischa, beginnt.

Elischa´s Weg beginnt mit großer Treue: „So wahr der HERR lebt und du lebst; ich verlasse dich nicht.“ Elischa entscheidet sich, den Weg von Elia einmal mitzugehen. Er erkennt, dass hier jemand ist, der für ihn selbst Bedeutung hat. Jemand, von dem er sich etwas erwartet, obwohl er wahrscheinlich noch nicht genau weiß, wie das konkret ausschauen wird. Ich denke, hier wird etwas sehr Entscheidendes für den Glauben deutlich: Niemand kann aus der Distanz, aus dem gesicherten Stand, mit gedanklicher Kraft, glauben. Nein. Sondern Glauben beginnt mit dem Mitgehen eines Weges. Mitgehen, sich einmal einlassen und in Begleitung zu sein und zu bleiben. Mitgehen tue ich im Kontakt mit Menschen die glauben, mit dem Besuch des Gottesdienstes, mit dem Besuch der Jugendstunde. Es gibt viele verschiedene Formen des Mitgehens.

Auf diesen ersten Schritt des Mitgehens folgt dann ein zweiter Schritt, der Schritt des Lernens oder Verstehen wollens. „Ich möchte, dass mir zwei Anteile deines Geistes zufallen.“, bittet Elischa.

Das ist aus der Sicht des Elischa eine sehr weise Bitte. An ihr erkennen wir, dass Elischa erkennt oder erkannt hat, was das Zentrum von Elias Glauben ist. Anderseits erkennen wir daran auch ein Merkmal des Lernens: Lernen beginnt mit dem Nachahmen. Ich schaue, wie du etwas machst und versuche es nachzumachen. Ich höre ein Wort und spreche es nach. Ich nehme ein Werkzeug und halte es so, wie du es hälst. Ich bitte um Anteile an deinem Geist und dann wird sich mein Geist weiterentwickeln. Lernen, im Sinne von Verstehen des biblischen Wortes, kann dann auch heißen, einmal umzusetzen was ich verstanden habe. Das was ich nicht verstanden habe, lasse ich vielleicht noch ruhen. Ganz praktisch wird uns das Elischa zeigen. Ganz praktisch können wir aber auch schon hier und an dieser Stelle sagen: Liebe deine Freunde! Liebe einmal diejenigen, die du magst und die dir nahe sind. Versöhne dich mit ihnen. Schau, dass deine Beziehung mit ihnen in Ordnung ist und immer wieder in Ordnung kommt. Liebe die, die dir nahe sind und nähere dich dann der Feindesliebe. Dass du, nach Jesu Worten, diejenigen lieben sollst, die dich hassen ist nicht der erste Schritt. Von diesem Wort soll sich niemand entmutigen lassen zu lieben. Liebe deine Freunde.

Beim dritten Schritt, wird deutlich, dass Glauben immer ein Handeln Gottes bedarf. Glauben kann ich nicht aus mir selbst heraus. Diese Unverfügbarkeit des Glaubens ist etwas, das wir akzeptieren müssen. Wir können Glauben weder erarbeiten noch machen. Und so antwortet Elia auf die Bitte von Elischa: „Du hast Schweres erbeten. Doch wenn du mich sehen wirst, wie ich von dir genommen werde, so wirds geschehen; wenn nicht, so wird´s nicht sein.“ Elia weist ganz klar auf Gott. Gott wird diese Bitte erfüllen oder er wird´s nicht tun. Das Handeln liegt ganz bei Gott.

Ich denke, diese Unverfügbarkeit Gottes ist ein Wesensmerkmal von Gott. Genauso wie es ein Wesensmerkmal Gottes ist, dass er uns sucht. Mir fallen keine Gründe ein, warum Gott es ablehnen sollte, sich von uns finden zu lassen. Eher fällt mir dazu ein Wort von Jesus ein: „Welcher Vater unter euch wird seinem Sohn einen Stein geben, wenn er ihn um Brot bittet? (Luk 11,11)

Der vierte Schritt des Glaubens könnte ein Hinweis darauf sein, dass Gott die Bitte des Elischa sehr wörtlich erfüllt hat. Könnte, damit meine ich, dass hier durchaus die Grenzen meines Wissens oder meiner Vorstellungskraft erreicht sein könnten, wenn ich versuche zu erklären wie Elischa handelt. Elischa nimmt ja den Mantel des Elia und fragt: „Wo ist nun der HERR, der Gott Elias?“ Hat er wirklich den Geist Elias so empfangen, dass er das Gleiche tut, wie vorher Elia? Aber diese Fremdheit dem Gott Israels gegenüber ist durchaus etwas, dem wir im Alten Testament öfter begegnen können. Gott, ist nicht sofort der eigene Gott, sondern diese Fremdheit wird erst allmählich überwunden. Der Gott Elias wird jedenfalls zum Gott Elischas werden, das zeigt der Fortgang der Geschichte ganz eindeutig. Wichtig an diesem vierten Schritt ist für mich der Gedanke der Fremdheit. Genauso wie ich einen Menschen erst allmählich kennenlerne und nicht auf den ersten Blick alles über ihn weiß, so stelle ich mir das auch mit Gott vor. Und dieses Kennenlernen lässt sich auch ausweiten auf Handlungen im Gottesdienst, um wieder ein konkretes, praktisches Beispiel zu nennen. Das öffentliche, laut ausgesprochene Fürbittegebet, mag für manche Menschen fremd und ungewohnt sein. Etwas, dass ich mir nicht zutraue oder das ich nicht machen möchte. Damit kann es aber auch eine Herausforderung sein. Ein neuer Schritt, ein Prozess, in dem ich lerne und mich entwickle.

Mit dem Stichwort Herausforderungen sind wir jetzt auch im Neuen Testament und seinen Schritten der Nachfolge angekommen. Zugegeben, die Klarheit oder Knappheit – manche würden es vielleicht auch brutal oder herzlos nennen – der Antworten Jesu sind herausfordernd. Aber wie so oft, braucht es vielleicht etwas Wohlwollen und die Frage: Was möchte uns Jesus damit sagen?

Der erste Vergleich mit den Füchsen und den Vögeln könnte ein Hinweis darauf sein, dass Nachfolge ein Weg ist. Und zwar ein Weg, von dem man noch nicht weiß wo man am Abend sein wird. Der Fuchs hat sein sicheres Zuhause, zu dem er zurückkehrt. Jeden Morgen startet er von dort, jeden Abend kehrt er wieder dahin zurück. Das bedeutet aber auch, dass er sein ganz bestimmtes, abgestecktes Revier hat. Seine Reichweite ist beschränkt. Sie kann immer noch groß sein, aber sie ist beschränkt. Wenn wir dieses Bild für unsere persönliche Nachfolge heranziehen, dann erlaubt es uns, über folgende Fragen nachzudenken: Wo ist unser Revier, in welchen Kreisen bewegen wir uns? Wen erreichen wir und wen nicht? Braucht es neue Erfahrungen, die außerhalb unserer Gewohnheiten liegen, damit wir wachsen können?

Das zweite Bild schaut auf den ersten Blick recht herzlos, recht harsch oder recht lieblos aus. Wo ist hier das Mitgefühl und die liebevolle Zuneigung, die wir von Jesus gewohnt sind? Aber wenn wir wieder positiv fragen, was uns dieses Bild sagen will, dann vielleicht Folgendes: Gibt es gesellschaftliche Konventionen, die uns davon abhalten ins Handeln zu kommen? Für mich steckt diese Frage in diesem Bild drin, denn unabhängig von der Trauer, die man empfindet, wenn der eigene Vater gestorben ist, gehört es sich einfach, den Vater zu begraben. Niemand lässt den gestorbenen Vater im Sterbebett vermodern und geht einfach zur Tagesordnung über. Eben. Also wo sind die gesellschaftlichen Konventionen, die Jesus meinen könnte? Wenn wir hier eine Anfrage an Dinge hören, die man einfach nicht tut, dann vielleicht die Frage nach gesellschaftlichen Tabus. Ein Tabu ist ein Bereich über den man normalerweise nicht spricht. Das sind in unserer Gesellschaft hier in Österreich sicher Fragen rund ums Geld, das jemand verdient oder Fragen zum persönlichen Glauben. In unserer Gemeinde sind es Fragen zum persönlichen Kirchenbeitrag. Wichtiges Thema, aber sehr schwer darüber zu sprechen. Gesellschaftliche Tabus, Dinge die man unhinterfragt einfach nicht tut, dass ist ein Gedanke, den ich in diesem Bild sehe und ein anderer Gedanke ist die Frage der Priorität: Was ist jetzt, genau jetzt, wichtig? Jesus jetzt nachfolgen oder erst den Vater begraben? Kann der Vater nicht auch von anderen oder erst später begraben werden? Spielt es für den Toten selbst noch eine Rolle, wer ihn, wann begräbt? Lass die Toten ihre Toten begraben. Das eine ist vorbei und vergangen. Jetzt ist etwas anderes wichtig. Was ist jetzt, genau jetzt in deinem Leben wichtig?

Und das letzte Bild vom Pflug und dem Blick zurück, ist natürlich auch sehr ausdrucksstark. Sagen wir es einmal so. Es knüpft für mich an das zweite Bild an: Kann es darum gehen, einen echten ernsthaften Neuanfang zu wagen? Ich will mich einlassen auf den Weg des Glaubens und zwar lieber jetzt als nachher. Mit voller Kraft und Entschlossenheit? Mit Mut und Blick auf das Ziel?

Wer pflügt, der hat eine Aufgabe vor sich. Eine anstrengende, mühsame und je nach Ackergröße auch eine, die viel Geduld erfordert. Geduld, bis der ganze Acker umgepflügt ist. Aber das ist eben auch das Ziel: Der Boden soll bereitet werden, damit neue Frucht gedeihen kann. Und wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, dann sind hier die menschlichen Beziehungen gemeint. Menschen müssen vorbereitet werden, auf dass in ihnen das Wort Gottes auf guten Boden fällt und viel Frucht bringen kann. Und der Blick zurück sagt dann vielleicht Folgendes aus: Lohnt es sich überhaupt anzufangen? Der Acker ist doch so groß, das schaffe ich nie. So schlecht war das Alte doch garnicht, wer weiß, was das Neue bringen wird. Das Problem ist: Wer nicht aufbricht, wird es nie erfahren, denn sie oder er bleibt stehen. Das Bild vom pflügen, nachdem die wenigsten von uns Bauern sind, ist vielleicht auch so, wie das Bild vom Fahrradfahren. Und zwar wenn es bergauf geht. Es ist mühsam, es ist anstrengend, aber irgendwann ist man oben. Nur nicht entmutigen lassen, es braucht einfach Geduld.

Nachfolge – und ich hoffe, dass ich das heute entlang der Texte zeigen konnte – besteht aus vielen, verschiedenen Schritten. Manche Schritte kommen zuerst und manche dann erst. Aber zur Nachfolge ruft uns Gott und beim Gehen lernen wir Gott kennen. Und mehr und mehr lieben. Amen.