23. August 2019

Gottesdienst am 28. Juli 2019

Predigt: Gerhard Weissenbrunner

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Lukas 11, 1 – 13 du sollst lieben …

Ein Pastor unserer Kirche in Serbien erzählte. »Gegen Ende des Bürgerkriegs in Jugoslawien kam ein junger Soldat nach Hause. Und er machte seinen Eltern einen großen Vorwurf: „warum habt ihr mich nicht beten gelehrt?“ Er war nicht erleichtert, dass er nicht verwundet wurde. Es war für ihn unerträglich die Brutalität des Krieges zu erleben und keinen Gott zu haben an den er sich wenden konnte.
Wo man den Tod vor Augen hat, die Not und das Elend am eigenen Leib verspürt, der menschlichen Gewaltfähigkeit ausgesetzt ist, da ist die Frage, was trägt letztlich noch?«

Jesus wußte was trägt! Seine Jünger haben das auch erkannt und sie baten ihn: »Herr, lehre uns beten!«
Und Jesus formulierte ihnen ein Gebet, das bis heute seine Wirkung und seine Kraft nicht verloren hat. Wir beten es jeden Sonntag im Gottesdienst, Christinnen und Christen beten es in der ganzen Welt. Helmut Thielicke bezeichnet das »Vater Unser« als „das Gebet das die Welt umspannt“.

Es beginnt damit, dass uns Jesus Gott als „Vater“ vorstellt. Gott, der kein Mensch, sondern Geist ist, ist für uns wie ein Vater oder wie eine Mutter. Eltern meinen meistens zu wissen, was ihren Kindern gut tut. Und sie bemühen sich und setzen sich für ihre Kinder ein. Vor allem eine Mutter lebt in tiefer Verbundenheit mit ihrem Kind. Es ist ja ein Teil vor ihr.
Jesus meint, so ist auch jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und ein Teil von ihm. Und um wieviel mehr ist Gott imstande sich für seine Kinder einzusetzen. Er weiß viel mehr, was ein Mensch braucht, als es jemals ein Mutter oder ein leiblicher Vater wissen und auch tun kann.

Christinnen und Christen sagen: Gottes Wesen ist „Liebe“! Liebe, die so unermesslich groß ist, das sie nicht in menschlichen Worten zu fassen ist. Einen Versuch hat der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief (13, 4-7) gemacht: »Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles trägt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.«
Wohlgemerkt, das ist nur ein Versuch, Liebe zu beschreiben.

Die Liebe vergeht niemals. Sie ist ewig. Gott ist ewig. Die Liebe ist das Höchste. Gott ist das Höchste.
Diesen höchsten, ewigen Gott, stellt uns Jesus als „Vater“ vor. Indem wir „Vater“ sprechen, tragen wir die „Liebe“ auf unserer Zunge. Es ist unsere Absicht mit dem Ewigen, dem Höchsten in Beziehung zu treten. Wir, in unserer Zeit, verbinden uns mit der Ewigkeit, mit dem Ewigen.

Das Reden von Gott als „Vater“ kennen wir schon aus dem ersten Testament. Aber das Faszinierende und Neue ist, dass Jesus uns in diese intensive, intime und zärtliche Beziehung hineinführt, die imstande ist zu Gott „Vater“ zu sagen. Ja, mehr noch! Weil wir von dieser Liebe überwältigt sind, sagen wir „Abba (also Papa), lieber Vater“.

Gegen alle patriarchalen, also männlich dominierten Gottesbilder, vermittelt uns Jesus einen liebenden Gott. Am treffendsten erfahren wir das im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Das ist ein Eckpfeiler seines Gottesbildes. Der Vater eilt seinem Sohn entgegen, obwohl er jeden Grund hätte, ihn zurecht zu weisen. Durch dieses Gleichnis will uns Jesus im Urvertrauen bestärken, dass Gott uns entgegenkommt. Dass Gott uns mit unseren Grenzen und Schwächen annimmt und in uns dauernd das Gute sucht.

Mit der Anrede „Vater“ lässt uns Jesus auch verstehen, dass Gott tief mit unserer Lebensgeschichte verbunden ist. Was ist es wohl, das imstande ist den Menschen mit Gott zu verbinden, wenn nicht das Band der Liebe? Die Liebe verbindet das Zeitliche mit der Ewigkeit. Das Band der Liebe hält Mensch und Gott zusammen. 

Gott, die Liebe, hält dieses Band fest in seiner Hand. Und er reicht uns das andere Ende entgegen. Mit seiner ganzen Sehnsucht nach der Liebe jeder einzelnen Person möchte er uns überzeugen zuzugreifen. Zugreifen bedeutet handeln. Handeln im Sinne der Liebe meint: „du sollst lieben“. Jesus spricht zu seinen Jüngern: „liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!“ Und an anderer Stelle sagt er: „du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit ganzer Kraft und mit deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten, denn er ist wie du“!

Wir sind nicht gezwungen dieses Band der Liebe zu ergreifen. Wir können uns damit abfinden, von Gott geliebt zu sein und die Hände in den Schoß legen. Aber in der Geborgenheit der Liebe sind wir in unserer Entwicklung gehemmt. Liebe nimmt nur zu indem sie getan wird. Wir sollen ja zu Gott, dem Ewigen, hin wachsen.

Ich sage „du sollst lieben!“ Du könntest sagen: „der Anspruch ist mir zu hoch, das schaffe ich nicht.“ Ich sage, „du kannst das! Es ist nicht schwer. Es ist sogar ganz leicht. Es heißt: »was du willst, das dir die Menschen tun sollen das tue du ihnen!« Du weißt was Liebe für dich bedeutet. Du weißt wie andere mit dir reden sollen. Du weißt, was du dir von anderen erwartest und wünscht. Du willst geliebt werden. Wie das geschehen kann, haben wir im 1. Korintherbrief, Kapitel 13 gelesen. Lies diese Verse und spreche zu dir selbst, täglich 150 mal, »du sollst lieben!« Bevor du denkst, bevor du sprichst, bevor du handelst, sprich im Geheimen diese 3 Worte zu dir selbst: »du sollst lieben!« Ich versichere dir, du kannst das! Du wirst sehen, wie sich schon nach kurzer Zeit dein Leben verändert. Deines und das deiner Umwelt.“

Bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika hat Nelson Mandela in seiner Ansprache betont: „sport has the power to heal the world!“ Ich glaube der Sport kann das nicht, aber die Liebe kann die Welt heilen: „Love has the power to heal the world!“

Wir haben Jesu Worte gehört: »bittet und ihr werdet empfangen, sucht und ihr werdet finden, klopft an und euch wird aufgetan.« Wir beten, ich hätte gerne das Ende aller Kriege, Brot für die Hungrigen, Heilung für die Kranken, mehr Liebe in der Welt. Jesus antwortet: „Ja, das kannst du alles bekommen, wenn du liebst! Du sollst lieben! Du bist der Mann, du bist die Frau, du bist der Mensch! Du sollst lieben!“

Wir schauen auf das Kreuz. Und es ist leer. Christus ist auferstanden und in den Himmel zurückgekehrt. Er ist nicht mehr da. Aber er hat uns. Er hat keine Hände, aber unsere. Er hat keine Füße, aber unsere. Er hat keine Lippen, aber unsere. Er hat keine Hilfe, aber unsere Hilfe. Christinnen und Christen sind keine Zuschauer, sie sind selbst aktiv. Im Tun der Liebe. 

Ergreife das Band der Liebe und höre: „Du sollst lieben!“

Gebet:
Lebendiger Gott, Vater unser, meine Liebe, ich danke dir für den Frieden und die Geborgenheit in deiner Nähe. Aber auch für die Zuversicht für eine gesunde Welt, weil du alles liebst, was du geschaffen hast. Ich danke, dass du mich und alle die wir hier versammelt sind zum Handeln aufforderst und wir so auch teilhaben am Heilungsprozess. Ich danke auch für die Liebe mit der wir mit dir verbunden sind. Ich bitte, schenke uns Mut, Ausdauer und Weisheit diese Liebe zu leben. Dir, großer, ewiger, allmächtiger Gott sei Anbetung, Ruhm und Ehre und alle Herrlichkeit für immer. Amen