23. August 2019

Gottesdienst am 4. August 2019

English

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Reich sein in Gott         Lukas 12, 13-21

Liebe Gemeinde, wir haben heute das Gleichnis vom reichen Kornbauern gehört. Viele von uns hören dieses Gleichnis nicht zum ersten Mal. Es ist ein sehr bekanntes Gleichnis, auch wenn es nur im Lukasevangelium zu finden ist. Für mich ist dieses Gleichnis wie ein Spiegel. Es bietet mir die Gelegenheit, mein Leben anzuschauen. Und wenn ich genau hinschaue, dann ist dieses Gleichnis tatsächlich wie ein ganz realer, echter Spiegel: Mit manchem, das ich sehe, bin ich einverstanden, manches macht mir Kopfzerbrechen. Aber unabhängig, ob es mir gefällt oder nicht gefällt, der Spiegel wertet nicht, sondern sagt nur, wie es ist. Dem Spiegel ist es völlig egal, wer in ihn hineinschaut und wie sie oder er aussieht.

Das Gleichnis ist ein Gleichnis, das Jesus erzählt. Jesus sagt weder zu seinen ZuhörerInnen damals, noch zu uns heute „Du bist der reiche Kornbauer!“ Nein.

Jesus hält seinen Zuhörerinnen und Zuhörern, genauso wie uns heute, den Spiegel in Form dieses Gleichnisses vors Gesicht und fragt: Was siehst du? Schau hin, was siehst du?

Ich finde das deshalb so wichtig, weil Jesus niemanden anklagt. Genauso wenig, wie ich heute irgendwen hier im Gottesdienst anklagen möchte. Das will ich nicht, das steht mir nicht zu und ich hoffe es gelingt mir. Leider geschieht es bei solchen Gleichnissen, dass sich Menschen persönlich angegriffen fühlen und es dann an der Person des Predigenden festmachen. Ich meine, ich halte das schon aus, aber gesagt haben will ich es trotzdem: Das Gleichnis ist ein Gleichnis und keine Anklage. Es ist ein Spiegel, in dem wir uns wiederfinden, oder nicht. Nicht, garnicht oder nur teilweise wiederfinden. Und selbst wenn wir uns im Ganzen oder in Teilen wiederfinden, dann nur, um zu erkennen. Es soll zu dem führen worum der Verfasser des 139ten Psalms Gott bittet: „Erforsche mich Gott und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne wie ichs meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“ (V 23-24) Das ist für mich der Ursprung und der Sinn dieses Gleichnisses: Gott will uns auf gutem, ewigen Wege wissen oder dorthin führen.

Wenn wir jetzt also konkret zum Gleichnis kommen, dann ist doch zunächst der Vorspann interessant aus dem heraus Jesus dieses Gleichnis erzählt. Ein Mensch aus der Menge bittet Jesus: „Meister, sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile.“ Das klingt zunächst einmal nach einer recht simplen Frage, denn warum sollte das Erbe nicht unter zwei Brüdern aufgeteilt werden. Aber Jesu Antwort ist ganz eindeutig: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch gesetzt?“ Das bedeutet, Jesus will damit nichts zu tun haben, er will sich weder in eine solche Sache hineinziehen lassen noch damit beschäftigen. Jesus gibt ganz klar zu erkennen: Dafür bin ich nicht zuständig. Eure Geldangelegenheiten regelt bitte alleine. Mehr noch: Das Thema Erbe oder Geld scheint etwas auszulösen in Jesus, denn irgendwie kommt sie ein wenig unverhofft, diese Aufforderung oder Warnung: Hütet euch vor Habgier!

Habgier, was ist das eigentlich?

Dazu muss man heute ja nur den Begriff Habgier ins Internet eingeben. Als ersten Treffer bekommt man dann folgende Wikipedia-Definition: „Habgier, Raffgier, Habsucht oder Raffsucht ist das übersteigerte Streben nach materiellem Besitz, unabhängig von dessen Nutzen, und eng verwandt mit dem Geiz, der übertriebenen Sparsamkeit und dem Unwillen zu teilen. Habgier ist dem Egoismus, der Eifersucht und dem Neid verwandt.“

Wow, kann ich da nur sagen. Besser hätte ich es selbst nicht formulieren können. Mit einer solch treffenden, guten Definition oder Beschreibung fällt es uns schon leichter, den Kontext zu begreifen, warum das Thema Erbe diese Aussage bei Jesus auslöst. Wer von uns kennt nicht mindestens drei Geschichten von Familiendramen, die sich abspielen oder abgespielt haben, nur weil der Begriff „Gerechtigkeit“ beim Erben so schwierig ist. Ein sehr weit verbreitetes und leider oft wahres Sprichwort sagt: Beim Geld hört die Freundschaft auf.

Damit komme ich jetzt zu der wichtigen Frage, in wie weit wir uns wiederfinden in dieser Warnung von Jesus. Bin ich das? Habe ich ein übersteigertes Streben nach materiellem Besitz? Bin ich übertrieben sparsam? Bin ich unwillig zu teilen? Das sind doch die wichtigen Fragen, die Jesus anspricht. 

Ich habe dazu eine super Geschichte gefunden. Sie geht folgendermaßen:

Zwei Freunde treffen sich bei einem gemütlichen Bier im Gasthaus und fangen an, miteinander zu plaudern. Fragt der eine: Du Gustl, wands fünf Autos hättest, würd`st mir dann eines abgeben? Ja, freilich. Und wands fünf Fernseher hättest, würd´st mir dann einen schenken? Ja, freilich. Und wann du fünf Hemden hättest, dürft ich dann eines haben?
Darauf schüttelt der Gustl den Kopf. Ja, warum denn nicht? Ich hab fünf Hemden.

Soviel also einmal zum Thema Reichtum. Wir sind ja geneigt zu denken, die anderen sind reich.  Wir selbst sind doch nicht wirklich reich. 

Was daran stimmt ist Folgendes: In den meisten Fällen ist es tatsächlich so, dass es noch reichere Menschen gibt als uns, keine Frage. Aber deswegen finde ich die Geschichte so herrlich entlarvend: Sind wir bereit das zu teilen, was wir haben? Oder hört es sich bei den fünf Hemden auf?

Unweigerlich verbunden mit der Frage des Teilens sind die Folgefragen: Mit wem bin ich bereit zu teilen und wieviel?

Neulich habe ich mit einer Person über den Kirchenbeitrag gesprochen. Ja, wie denn das so ist bei uns Methodisten. Und ich habe gesagt, dass ich den biblisch begründbaren Zehnten für angemessen halte oder ihn zumindest empfehle, wenn ich gefragt werde. Daraufhin die Person: „Das ist ja eigentlich eh super, der Zehnte. Dann habe ich ja noch neun Zehntel für mich!“

Wieder so ein Wow-Erlebnis. Dann hab ich ja noch neun Zehntel für mich. 

Stimmt. Genau so kann man das auch sehen. Das Glas ist zu neun Zehnteln voll und nicht zu einem Zehntel leer.

Was auch immer wir im Spiegel des Gleichnisses und der Warnung vor Habgier finden werden, wenn wir unser Leben anschauen, die beiden Schlusssätze oder Schlussfolgerungen von Jesus sollten wir in allem nicht überhören: „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“ sagt Jesus vor dem Gleichnis und er schließt das Gleichnis mit dem Satz: „So geht es dem, der sich Schätze sammelt und nicht reich ist in Gott.“

Was bedeutet das?

Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Wilfried Nausner hat das für mich einmal auf den Punkt gebracht. Bezogen auf die Menschen, die uns nahe und wichtig sind und die unser Leben nicht aus einem Geschichtsbuch kennen, kommt es nicht darauf an, was wir geleistet haben. Wieviel Geld wir verdient haben, wieviele Firmen wir gegründet haben und wieviele Segeljachten wir an unsere Kinder vererben können, nein. Am Ende, beim Begräbnis sind ganz andere Dinge wichtig: War er oder sie ein guter Mensch? Ein guter Vater? Eine gute Mutter? Konnte man sich auf die Person verlassen? War er oder sie ein guter Freund oder eine gute Freundin? Liebevoll und freundlich, großzügig und barmherzig? Das, hat Wilfried gesagt, das sind die Fragen, die dann wichtig sind und mit denen ein Leben zu Ende geht.

Und was bedeutet reich sein in Gott?

Hier muss ich es selbst auf den Punkt bringen, aber ich würde sagen: Reich sein in Gott bedeutet, dass die Beziehung zu Gott lebendig ist und trägt.

Wenn wir ständig damit beschäftigt sind neue Scheunen zu bauen und unsere Zeit und Energie hauptsächlich in die materielle Existenz investieren, dann kann das nach außen hin super erfolgreich und glücklich ausschauen, aber wie schaut es in unserem Inneren aus? Das wahre Leben ist immer ein gleichmäßiges Wachsen, ist die Verbindung von Gestaltung und Spiritualität, von Handeln und Glauben, von Arbeit und Sonntag, von Büro und Kirche. 

Wer keine Zeit für sein religiöses Leben findet, wer vor lauter Arbeit nicht zur Bibel greift, zum Gebet sich Zeit nimmt und zum Gottesdienst kommt, ist ein Narr. So könnte man das Gleichnis hören, ein Narr, weil man das ganze schöne Geld nicht mitnehmen kann in den Himmel. Eine Narrin, weil sie nicht erkannt hat, was wirklich zählt und trägt im Leben.

Reich sein in Gott bedeutet, Gott in mein Leben einzubeziehen. Reich sein in Gott bedeutet, mir von den Geboten und vom Leben Jesu Orientierung zu erhoffen. Reich sein in Gott bedeutet, die Liebe, die ich von Gott erfahren habe, an andere Menschen weiter zu geben.

Reich sein in Gott bedeutet, mit Gott zu leben. 

Reich sein in Gott kann dann am Ende eines Lebens bedeuten:
Bei aller Liebe zum Leben und ohne schon lebenssatt zu sein, am Ende das Sterben zu akzeptieren und dankbar sein zu können für das gelebte Leben.

Amen