14. Oktober 2019

Gottesdienst am 15. September 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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Mitfreuen Lukas 15, 1-10

Liebe Gemeinde, liebe Schülerinnen und Schüler: Wir haben letzten Sonntag beim Familiengottesdienst das Gleichnis vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn gehört und nachgespielt. Heute ergänze ich diesen Dreiklang an Gleichnissen, die Jesus am Stück erzählt, um die beiden heute gehörten Geschichten vom verlorenen Schaf und von der verloren gegangenen Silbermünze. Ein Gleichnis ist eher der Erfahrungswelt von Männern, das andere Gleichnis eher der vertrauten Welt von Frauen entnommen. Beide Gleichnisse benutzt Jesus, um auf die Freude im Himmel hinzuweisen, wenn eine Sünderin oder ein Sünder umkehrt, also zu Gott zurück findet.

Wobei diese beiden Gleichnisse, anders als der verlorene Sohn, das Handeln Gottes noch deutlicher hervorheben. Ein verlorenes Schaf könnte theoretisch zur Herde zurück kehren, aber in der Praxis bleibt es einfach entmutigt stehen oder liegen. Deshalb muss es auch nach Hause getragen werden, weil es schlichtweg verweigert und liegen bleibt. Und die Silbermünze hat nicht einmal die theoretische Chance etwas zu ihrem Finden beizutragen. Sie ist vollständig darauf angewiesen, gefunden zu werden.

Besonders den Auslegerinnen und Auslegern der Reformationszeit war das sehr wichtig, dass Gott der Handelnde ist, wenn es um Rechtfertigung und Erlösung geht. Verständlich in einer Zeit, in der manche glaubten, das Handeln Gottes durch Ablassbriefe vorwegnehmen zu können.

Dieses aktive Handeln Gottes, dieses Nachgehen, dieses Suchen, ist sicher ein ganz wesentlicher Punkt in diesen Gleichnissen. Dieses Handeln Gottes soll damit auch einer der Schwerpunkte der heutigen Predigt sein. Weiters möchte ich auf die Freude und das Mitfreuen eingehen. 

Kehren wir nocheinmal zum ersten Gleichnis, zum Gleichnis vom verlorenen Schaf zurück. Und versuchen wir bitte noch einmal, genau zuzuhören was Jesus seinen Zuhörerinnen und Zuhörern in den Mund legt: „ Angenommen, einer von euch hat 100 Schafe und eins davon geht ihm verloren. Lässt er da nicht die 99 in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

Statt bestätigendem Kopfnicken, müsste hier doch jeder denkende Mensch damals wie heute laut „ Nein“ rufen. „Nein“ natürlich nicht, Jesus!

Nein Jesus, ich bin doch ein verantwortlicher Hirte, ich gehe doch nicht wegen 1% Prozent meiner Herde weg und lasse 99% meiner Herde schutzlos zurück. Wer sollte denn so „belämmert sein“, wegen einem Schaf, wegen einem Prozent, das Risiko einzugehen, dass während ich auf Schafsuchexpedition bin, ein Rudel Löwen vorbeikommt und zehn meiner anderen Schafe jausnet? Sicher nicht. Ein Prozent, das ist nichts, das ist als Verlust schon längst einkalkuliert. 

Wenn ich heute zu einer Holzhandlung gehe und 4,0 Meter Bretter kaufe, dann kann ich mir sicher sein, dass ich bei der Abholung lauter Bretter mit 4,10 Meter Länge vorfinden werde: Das tun die als Sicherheitsreserve einfach dazu, damit alle Bretter mindestens 4,0 Meter lang sind. Und das wären dann 2,5% gewesen nicht 1%.

Das ist das besondere an diesem ersten Gleichnis, dass es eigentlich gegen die Vernunft ist. Gegen das Verantwortungsgefühl. Gegen die wirtschaftlichen Abwägungsgedanken, gegen das Kalkül. 

Wenn wir in diesem Hirten Gott sehen wollen, dann sehen wir Gott in seiner ganzen, liebevoll verschwenderischen Großzügigkeit. Gott rechnet nicht, er wägt nicht ab, es geht ihm nicht um die Bilanzen, sondern um jeden einzelnen Menschen. Gott kann auf kein einziges seiner Schafe, auch auf kein einziges schwarzes Schaf, verzichten. 

Ich finde, das ist ganz wichtig und ganz entscheidend, dass wir das wissen. Ich, als einzelner Mensch, bin Gott wichtig. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum Gott sich nicht um mich kümmern sollte. Warum ich Gott egal sein könnte. Warum Gott auf mich vergessen könnte.

So wie Gott sich um mich bemüht und sich um mich kümmert kann sich niemand sonst auf dieser Welt um mich kümmern. Keine Politikerin dieses Landes, kein noch so tüchtiger Rechtsanwalt, keine Ärztin, kein Therapeut, keine Freundin, kein Pastor, ja nicht einmal meine eigene Mutter kann sich so um mich kümmern und mir soviel Liebe entgegenbringen, wie Gott.

Es ist diese bedingungslose, nicht berechnende Liebe, die diese Freude auslöst. Bei der Person, die gefunden wurde und bei Gott, der sich über jeden Menschen freut, der verloren war und dann wiedergefunden wurde. Von Gott selbst wiedergefunden wurde.

Damit komme ich zum zweiten Schwerpunktthema: Der Freude und der Einladung sich mit Gott oder mit einem Mitmenschen mitfreuen zu können.

Ich bin der Überzeugung, dass es wirklich eine Gabe ist, sich mitfreuen zu können. Ein besonderer Skill wie wir heute sagen würden. Etwas, das allen Menschen möglich ist, das aber sehr unterschiedlich entwickelt ist. Dabei ist Freude etwas sehr Wesentliches, etwas Lebenserhellendes, Glücklichmachendes. „Die Seele nährt sich von dem, worüber sie sich freut.“ soll Augustinus gesagt haben. 

Aber ganz so einfach ist es nicht mit der Freude, wie folgendes, launisches Geschichtchen zeigt: „Mit dem Leben ist das so eine Sache meint Hans. Morgends freust du dich auf die Mittagspause. Nach der Mittagspause freust du dich auf den Feierabend. Am Feierabend freust du dich auf den Jahresurlaub und im Jahresurlaub freust du dich auf die Rente. Und wenn du dann in Rente bist, stellst du fest, dass sich das alles überhaupt nicht gelohnt hat. Aber du hast dich wenigstens oft gefreut.“

Das Problem mit der Freude ist, dass wir ihr nicht wirklich trauen. Dass wir ihr stets oder zumindest oft ein „aber“ anhängen wollen. Es hat sich überhaupt nicht gelohnt, aber wenigstens hat man sich oft gefreut. Na super. 

Dieses Mißtrauen jedenfalls vergiftet die Freude. Es hält sie im Keim klein und lässt sie deswegen oft garnicht zu. Ich kann mich nicht freuen, weil ich noch ein „aber“ befürchte. Irgendeinen Haken, irgendetwas das nicht passt.

Ein anderes Problem, besonders mit dem Mitfreuen ist, dass es uns oft nicht gelingt, von uns selbst abzusehen. Ein Beispiel dazu:

„Was du hast € 10.000 im Lotto gewonnen, das ist ja voll super, ich freu mich wirklich für dich. Echt. Wirklich. Warum hab ich eigentlich nicht € 10.000 im Lotto gewonnen? Ist doch eigentlich voll unfair. Weil ich garnicht Lotto spiele. Ja, stimmt eigentlich. Ist aber trotzdem unfair, ich hätte auch gern € 10.000.“ Ich glaube wirklich, dass wir oft Opfer unserer kindischen Gedankengänge werden. Oft ist es uns wahrscheinlich nicht einmal voll bewusst, sondern läuft so im Hintergrund oder unbemerkt neben dem Mitfreuen einher.

Dieses Beispiel, das ich übrigens mühelos auf einen sportlichen Erfolg, eine hervorragende Schularbeit oder auf ein vielversprechendes date mit einem hübschen jungen Mann aus der Parallelklasse übertragen könnte zeigt noch ein anderes menschliches Übel: Dass wir gefährdet sind, uns ständig mit Anderen zu vergleichen.

Als ich diesen Mai nach Konstanz gefahren bin, um mich nach 25 Jahren mit einigen meiner ehemaligen Kommilitonen und zwei Kommilitoninnen zu treffen, habe ich das Gegenteil als so wohltuend empfunden. Völlig befreit und locker bin ich zu diesem Treffen gefahren mit dem glücklichen Gefühl im Herzen, dass ich jetzt Pastor bin. Ich musste mich mit niemandem vergleichen. Nicht wieviele Bauwerke ich realisieren konnte in den letzten 25 Jahren, wieviel Mitarbeiterinnen bei mir im Büro arbeiten, ob ich es überhaupt in die Selbstständigkeit geschafft habe – nichts! Es war einfach nur schön.

Es macht jedenfalls einen gewaltigen Unterschied, ob es uns gelingt uns nicht zu vergleichen. Grundsätzlich vergleichen wir uns ja tendentiell nach oben, statt nach unten. Sprich wir sehen lieber was wir nicht haben, woran es uns mangelt, als dass wir die Augen aufmachen für das, was wir von Gott geschenkt bekommen haben.

Ich bleibe dabei, es ist wirklich eine Gabe, sich mitfreuen zu können. Genauso wie es auch eine Gabe ist, mittrauern zu können. Aus beiden Gaben könnte man neue Sätze ähnlich den  Seligpreisungen machen: 

Selig sind, die mittrauern können, denn in ihrem Mitgefühl blüht eine Knospe der Liebe Gottes auf. Selig sind, die sich mitfreuen können, denn diese ihre Uneigennützigkeit wird sie selbst glücklich machen.

Ich bin natürlich keineswegs befugt, solche Sätze den Seligpreisungen von Jesus hinzuzufügen oder ihnen gleiche Bedeutung zuzumessen. Aber ich glaube, man kann und darf beiden Begabungen mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Lassen wir uns von der Freude Gottes anstecken und vertrauen wir darauf, dass Gott auch in uns die Gabe des Mitfreuens nähren und stärken kann. 

Amen