14. Oktober 2019

Gottesdienst am 22. September 2019

Predigt: Ute Frühwirth

English

Beten – ein Auftrag an uns         1.Timotheus 2, 1-7

Unser heutiger Predigttext ist ein Ausschnitt aus einem persönlichen Brief von Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus. Paulus lernte Timotheus in Lystra, als einen von Gott besonders begabten und zuverlässigen Mann, kennen. Timotheus gesellte sich zu Paulus und begleitete und unterstütze ihn bei seinen Reisen Und so kam es auch, dass Paulus ihn manchmal mit besonderen Aufträgen beauftragte. In unserem Fall lässt er Timotheus in Ephesus zurück und hinterlässt ihm ein amtliches Schreiben zur Ordnung der Gemeindeverhältnisse. Paulus gibt in seinem Brief Anweisungen für das Gemeindeleben, die Timotheus bei seinen Tätigkeiten befolgen soll. In Kapitel eins ermahnt er ihn, sich von gesetzlichen Lehren fernzuhalten. Paulus fordert ihn zur Bewahrung seines Glaubens auf. Und in Kapitel zwei kommt es zur grundsätzlichen Ermahnung zur Fürbitte. Paulus schreibt: „Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten.“

Eine klare Anweisung an Timotheus, und eine klare Anweisung an uns. Ich denke, diese Textstelle können wir ein zu eins für unsere und eigentlich für jede christliche Gemeinde übernehmen. Paulus fordert uns auf zu flehen, zu beten, Fürbitten zu sprechen und danke zu sagen für alle Menschen. Für alle Menschen! Nicht nur für mich, meine Familie, für Menschen die mir nahestehen. Er fordert uns auf auch für Menschen zu beten die wir nicht ausstehen können. Die uns das Leben schwer machen. Er fordert uns auf für Politiker zu beten, denn wir sollen ein ruhiges und stilles Leben führen können, durch das Gott in jeder Hinsicht geehrt wird und das in allen Belangen glaubwürdig ist. John Wesley bringt das eben Gesagte in einen seiner Gebete auf den Punkt. Er betet: „Die Güte deiner Liebe, die du mir beständig erweist, mache meine Liebe zum Nächsten gütig und beständig, dass ich eifrig für ihn bete, dass ich seine Gesundheit und Sicherheit, sein Wohlergehen und sein Glück beachte und fördere, das ich bereit bin, alle Menschen zu trösten, die mir deine Liebe anbefiehlt, und ihnen nach ihren Bedürfnissen beizustehen und ihre Lasten mitzutragen.“ 

Paulus fordert uns auf zu beten! Da stellt sich mir die Frage: Lassen wir uns auffordern? 

Oder ist es nicht jedermanns eigene Sache wann, mit wem und wo er oder sie betet? 

Lassen wir uns die Freiheit nehmen, selbst zu entscheiden wann wir ein Gebet sprechen- oder braucht es zum regelmäßigen Gebet auch ein wenig Disziplin? 

Braucht es fixe Zeiten – zum Beispiel am Morgen oder am Abend oder braucht es auch zusätzliche Zeiten außerhalb unseres Alltags? Brauchen wir einen Anlass oder ist das Gebet unser täglicher Begleiter? Und was macht ein Gebet mit mir? 

Sind es nur Worte, die schon selbstverständlich sind oder bewirkt ein Gebet etwas in mir. In meinem Fall denke ich da an unsere Gebetstreffen sonntags vor dem Gottesdienst. Es wurde für mich selbstverständlich so früh in der Kirche zu sein, dass ich mit anderen Menschen noch vor dem Gottesdienst beten kann. Und diese kurze Gebetsgemeinschaft brauche ich persönlich um fokussiert und entspannt den anschließenden Gottesdienst zu erleben. Natürlich muss jeder für sich wissen, was es braucht, damit er oder sie das Maximum aus einem Sonntaggottesdienst mitnehmen kann. Ein gemeinsamer Start mit Ruhe und Gebet ist aber auf jeden Fall nie falsch. 

 Aber leider gibt s auch Tage, da ist mir gar nicht nach beten zumute. Ich verschiebe das Gespräch mit Gott auf später, lasse mich von anderen Dingen ablenken. Außerdem ist es mühsam für mich, die richtigen Worte zu finden, meine Gedanken zu ordnen. Und es gibt sogar Momente, da schleichen sich kleine Zweifel in meinen Kopf. Glaube ich das, was ich bete? Glaube ich selbst an die Veränderungen, um die ich Gott bitte? Oder werden die Gebete von Frieden in der Welt und Ende der Kriege nur zu leeren Floskeln? Lässt uns unser Glaube in Bezug auf unsere Gebete manchmal im Stich? Ein junger Mann sagte mit vor kurzem: „Ich bete ja, aber das mit dem Glauben fällt mir schwer.“ Auf dem Kalenderblatt vom 13.September vergleicht der Verfasser das Beten mit einem Aufstieg auf einen Berg. Er meint: „Beten ist nicht eine Frage der Worte, sondern der Zeit, die ich „auf dem Berg“ bei Gott verbringe. Der Anfang der Gebetszeit ist wie ein Aufstieg – mühevoll und anstrengend. Aber wenn ich dann „oben“ bin, weitet sich meine Seele. Der Nebel weicht. Ich bin bei Gott. Trällernd steige ich vom Berg herab und widme mich dem zu, was jetzt dran ist. Auch wenn so mancher Zweifel unsere Gebete begleitet, zahlt es sich trotzdem aus, auf diesen Berg zu steigen. Denn wir brauchen das Alleinsein mit Gott auf dem Berg des Gebetes.

Ich kehre zurück zu dem Auftrag, den Paulus Timotheus gegeben hat. „Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten.“ Das Gebet war uns in unserer Klausur 2017 ein großes Anliegen. Wir wollten eine betende Gemeinde sein. Was heißt das, eine betende Gemeinde zu sein. Wir sind Christen, wir sind eine Gemeinde, da gehört das Beten ja eh dazu. 

Aber in unseren Überlegungen wollten wir das gemeinsame Gebet nicht nur im Rahmen des Gottesdienstes sprechen, sondern es kristallisierten sich Möglichkeiten heraus, auch im Alltag gemeinsam zu beten. 

Eine Gebetsgemeinschaft unter der Woche gibt es schon lange. Wisst ihr davon? Freitagvormittag. Für arbeitende Menschen ein eher schwieriger Termin. Also musste ein gemeinsamer Termin am Wochenende her. 

Und seit fast zwei Jahren gibt es jetzt schon unseren Gebetsabend. Vielleicht habt ihr euch schon gefragt, warum manche Sessel heute anders gestellt sind? So sieht es aus, wenn am letzten Samstag im Monat sich eine Gruppe von Menschen zum gemeinsamen Singen und Beten trifft. Es gibt einzelne Stationen im Gottesdienstsaal, die verschiedene Arten des Gebetes zulassen. „Silent corner“ oder der Platz für „das stille Gebet“:  hier bringe ich meine ganz persönlichen Anliegen im stillen Gebet vor Gott. Unterstützung finde ich in verschieden Versen aus der Bibel, die in Streifen geschnitten in diesem Korb liegen. „Gebetspfad oder praying parth“: Der Gebetspfad oder Weg rund um den Altar gibt Anregungen, für wen man beten kann. (Hochheben und herzeigen). Auf diesen Streifen steht auf Deutsch und Englisch z.B.: (einen Zettel vorlesen).  Ich gehe Schritt für Schritt um den Altar und denke und bete für Menschen, die ich in meinem Alltag nicht auf dem Radar hatte. „Komm zum Kreuz“ – Come to the cross.“ Auf kleine Post-its schreibe ich meinen Dank und meine Bitten und klebe sie direkt an das Kreuz. Eine schöne Symbolik, finde ich. „Gemeinsames Gebet“ diese Station ist mir persönlich sehr wichtig. Das gemeinsame Beten. Ich kann laut beten und weiß, dass meine Bitten und Danksagungen gehört und auch von den Menschen, die mit mir beten, mitgetragen werden. Oder es betet jemand in der Runde und spricht genau die Worte, die mir auf der Zunge gelegen sind, ich aber nicht wusste, wie ich sie aussprechen soll. Des Weiteren gibt es einen Platz zum Segnen und zum Heilen (den finden wir im Andachtsraum). Am Anfang und am Ende singen wir gemeinsam Lieder aus dem „Himmelweit“. Manche Lieder entlocken mir ein Lächeln, weil wir sie so falsch singen, aber was solls! 

Als wir uns für diese Format eines Gebetsabend entschieden haben, kam natürlich auch die Frage auf: Nehmen sich Menschen einmal im Monat einen Samstagabend Zeit in die Kirche zu kommen, um zu singen und zu beten? Und meine Antwort ist „ja“! Denn bei dieser Art des gemeinsamen Gebetes ist für jeden etwas dabei. Ich möchte mich nicht segnen lassen – dann gehe ich nicht zu diesem Platz.  Ich möchte nicht laut beten, sondern nur zuhören – dann tu ich es. Herzliche Einladung zu diesem kostenlosen Wellnessprogramm für die Seele.

Vor einigen Minuten habe ich davon gesprochen, dass beten mühsam und auch von Zweifel begleitet sein kann. Aber – und jetzt kommt das große fette ABER:  gemeinsame Gebete vor dem Gottesdienst und gemeinsame Gebetszeit an den Samstagabenden helfen mir den Auftrag von Paulus auszuführen. „Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten.“ Diegemeinsame Gebetszeit bestärkt mich darin, auch im Alltag nicht mit dem Beten aufzuhören, auch wenn`s mal schwierig wird und uns die Worte fehlen. Zum Abschluss habe ich wieder eine kleine Geschichte, die zeigt, wie schön das Gebet sein kann:

Ein Missionar einer Buschkirche in Neuguinea erzählte von einem Mann, der ihm nach dem Gottesdienst auffiel, weil er noch lange Zeit in der Kapelle sitzenblieb. Dieser Mann schaute dann immer mit vor der Brust verschränkten Armen zum Altar, der zu diesem Zeitpunkt schon abgeräumt und leer war. Einmal nahm sich der Missionar ein Herz und fragte den Mann, was er denn da die ganze Zeit bete? Und der Mann lächelte und antwortete: „Ich halte meine Seele in die Sonne:“

Wer betet, spürt etwas von der Wärme Gottes. Wer betet, bekommt neue Energie. Wer betet, taucht ein in ein Licht, das er nicht selbst gemacht hat. Wer betet weiß: Ich bin nicht allein. Gott ist da für mich. Er hält mich. Er trägt mich. Denn ja, es ist so: „Der Herr ist mein Hirte – mir wird nichts mangeln!“ Jedes Gebet, egal ob für mich oder für einen anderen Menschen, ist ein Sonnenbad für die Seele.

Amen