13. Dezember 2019

Gottesdienst am 29. September 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Auf wen wollen wir hören?         Lukas 16, 19-31

Liebe Gemeinde, wir haben heute zwei Lesungen gehört die sich mit den Tücken des Reichtums beschäftigen. Und nachdem wir hier in Österreich in einem eher reichen Land leben, werde ich zunächst sagen, was ich nicht machen werde. Angesichts der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus werde ich kein moralisierendes Reichen-Bashing machen. Also keine herabsetzende Kritik an den Reichen und ihrer Verpflichtung gegenüber dem millionenfachen Elend auf der Welt. Nein. 

Erstens sind wir alle unterschiedlich reich und zweitens wäre dies schlichtweg eine Überforderung, die außer schlechtem Gewissen kaum etwas bewirken würde. 

Ich möchte vielmehr einladen, die verschiedenen Bilder zu erkunden, die bei dieser doch recht außergewöhnlichen Geschichte wach werden.

Wenn ich mir diesen reichen Mann vorstelle, dann werden bei mir Bilder von Menschen wach, die soviel Geld haben, dass sie garnicht mehr wissen wohin damit. Ich habe einmal ein Foto von Floyd Mayweather gesehen, einem ehemaligen Profiboxer, wie er vor seinen 30 Autos, allesamt Ferrari oder Rolls Roxce oder was auch immer posiert. Ich glaube drei Privatjets waren auch darunter. Dieser Mann hatte 2014 ein Jahreseinkommen von 78 Millionen Dollar und war damit der bestbezahlte Sportler auf der ganzen Welt. Und ich denke an irgendwelche Wüstenscheichs, die wahrscheinlich noch mehr Luxusautos in der Garage haben und halt nicht so öffentlich damit angeben. Und immer wieder frage ich mich, was passiert mit einem Menschen auf dem Weg dorthin? Wie kann man soviel Besitz anhäufen ohne jemals die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zu stellen? Oder wenn man schon soviel Geld verdient, weil eben diese Gelder in dieser Sportart so vorhanden sind, warum kommt nicht der Gedanke, etwas abzugeben von diesem Überfluss? Wie hieß es in der Lesung: „Er lebte Tag für Tag, herrlich und in Freuden.“

Wenn ich an Lazarus denke, dann werden auf alle Fälle Bilder von entsetzlichen Arbeitsbedingungen wach. Von Menschen, die in einer völlig abgestorbenen Landschaft mitten im Rohöl stehen, dass sie aus einer angebohrten Pipeline abzapfen, um selbst Benzin zu destillieren. Oder von Arbeitern, die mit Flip-Flops an den Füßen, schwere Schwefelbrocken aus einem aktiven Vulkan fördern. Oder Bilder aus der demokratischen Republik Kongo, an die sich manche hier erinnern können, weil Georg Gnigler sie uns gezeigt hat. Burschen, die in ungesicherte Höhlen steigen, um mit blßen Händen nach Bodenschätzen zu graben. Ich habe so ein Bild vor mir.

Mit diesen beiden Bildern wird mir bewusst, wie gewaltig die Unterschiede sind hier auf der Erde. Was für ein tiefer Abgrund doch da ist, zwischen dem einen Leben und dem anderen Leben. Ist dieser Abgrund wirklich so unüberwindbar, wie ihn unsere Geschichte als Situation nach dem Tod schildert?

Und als nächstes Bild fällt mir dann ein, dass diese Kluft, dieser Abgrund zwischen den Armen und den Reichen immer größer wird. Dass sich Vermögen und Macht in der Hand einer verschwindend kleinen Gruppe an Menschen befindet und dass dem ein millionenfaches Meer an Menschen gegenüber steht, die in ihrer nackten Existenz bedroht sind. Das ist doch eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Diese Ungerechtigkeit höre ich aus den Worten des Abrahams heraus: „Denk daran, dass du zu deinen Lebzeiten deinen Anteil an Gutem bekommen hast und dass anderseits Lazarus nur Schlechtes empfing.Jetzt wird er hier getröstet und du hast zu leiden.“ Wird hier nicht dieses Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Ausgleich ausgesprochen?

Wenn ich noch bei den Bildern bleiben will und noch nicht bewerten möchte, dann fällt mir zum Thema Kluft zwischen dem Reichen und Lazarus auch das Elend ein, dass Armut vererbt wird. Wie schwer es doch auch bei uns, hier in Österreich ist, sich gesellschaftlich zu verändern. Theoretisch gibt es die Chancengleichheit aber in der Praxis stimmt das überhaupt nicht. Die Chance für Akademikerkinder auf eine bessere Ausbildung ist nach wie vor ungleich höher als für Arbeiterkinder. Zum ersten Mal so richtig deutlich habe ich das beim Ende der Volksschule in St. Josef erlebt. Fast durchgängig sind alle Kinder auf diejenige Schule weitergegangen, die ihre Eltern durchlaufen haben. Irgendwie auch archaisch, wie sich das abgespielt hat. St. Josef teilt sich ja auf drei langezogene Hügel auf. Und je nach Hügel fallen die Menschen in die Schule des angrenzenden Tals. Wer also in Tobisegg wohnt geht nach Preding, wer in Fuggaberg wohnt geht nach Stainz und manche Akademikerkinder, so sie auf dem richtigen Hügel wohnen, fallen in das Oisnitztal und dort gibt es einen Zug, der nach Graz fährt. Ich habe das nicht für möglich gehalten in Zeiten des motorisierten Verkehrs, aber genau so war das. Bildungschancen werden vererbt.

Das letzte Bild, das ich noch vorstellen möchte ist eine Ungerechtigkeit, die garnichts mit Geld zu tun hat: Lazarus war mit Geschwüren bedeckt. Lazarus ist nicht nur arm und hat Hunger und bekommt nicht die Reste vom Tisch des Reichen, nein, er ist auch noch mit einer schweren Krankheit geschlagen. 

Wieviele Menschen haben wirklich heimtückische Krankheiten, wie Parkinson oder Multiple Sklerose? Krankheiten die unheilbar sind und sich kontinuierlich verschlechtern? Was ist mit all den Menschen, die schon mit einer Beeinträchtigung auf die Welt kommen? Ist das gerecht?

Das alles sind die Bilder, die mir beim Hören und Durchdenken der Geschichte nahe gekommen sind. Und in dieser ganzen Bilderwelt frage ich mich, was will die Geschichte mir sagen?

Soll ich wirklich glauben, dass die Hölle hier auf Erden, sich im Himmel fortsetzt, dort halt mit umgedrehten Vorzeichen? Kann das sein? Ist das so?

„Jetzt wird er hier getröstet und du hast zu leiden.“

Natürlich war das Verhalten des Reichen gegenüber Lazarus katastrophal. Natürlich wird das am Ende eines Lebens offenbar. Natürlich war das eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit.

Aber dass sich das im Himmelreich fortsetzt? Dass der eine jetzt keine Fingerspitze Wasser bekommt, weil er dem anderen kein Bröckelchen Brot gegeben hat?

Werden wir also selbst im Himmel nicht aufhören, einander die Hölle zuzubereiten?

Ich denke, hier ist der Wendepunkt der Geschichte erreicht. Spätestens hier muss ich neu fragen: Was will die Geschichte mir sagen?

An diesem Punkt sehe ich den Versuch des reichen Mannes, etwas für seine fünf Brüder zu unternehmen. Etwas, dass sie bewahren soll vor dem Leid, das er jetzt erlebt. Ob man jetzt glaubt, dass dieses Leid in dieser Form so sein wird oder eher nicht, spielt für diese Frage keine Rolle.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass der Himmel einmal so aussehen wird, auch wenn es sich um eine Geschichte handelt, die Jesus erzählt oder erzählt haben soll, aber das tut nichts zur Sache.

Die Frage ist, auf wen wollen wir hören?

Abraham spricht soetwas wie ein Angebot an die Brüder des reichen Mannes, an die Lebenden also, an die Zuhörer, an uns, aus. Nämlich: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Ob das funktioniert? 

Mose und die Propheten. Drei kurze Zitate. Zum Beispiel aus dem 2. Buch Mose (22, 20a): „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken.“ Oder aus dem 3. Buch Mose (19, 18b): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Oder beim Propheten Amos (5,24) hören wir: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Das bedeutet, die Brüder des reichen Mannes oder die Pharisäer, denen Jesus diese Geschichte erzählt hat, oder wir, als heute hier lebende Menschen, wissen ganz genau, wie wir mit unserer Nächsten und unserem Nächsten umgehen sollen. Es ist keine Frage des Wissens, sondern eine Frage des Tuns. Und natürlich in allem eine Frage der Achtsamkeit. Wie können wir verhindern, dass wir unsere Lazaruse übersehen?

Auch hier würde ich auf die Kernbotschaft dieses Gleichnisses setzen: Auf wen wollen wir hören? Ich glaube, das darin eine Hoffnung liegt, dass wir achtsamer sind und werden, wenn wir in Gottes Wort verwurzelt sind. Wirklich tief verwurzelt sind, sodass uns Gottes Worte ständig vor Augen sind. Wenn all die guten Botschaften und Ermahnungen, Hinweise und Verheißungen in Fleisch und Blut übergehen. Wenn wir also auf Mose und die Propheten hören.

Und mehr noch, wenn wir auf denjenigen hören, der tatsächlich von den Toten auferstanden ist.

Amen