13. November 2019

Gottesdienst am 13. Oktober 2019

Predigt: Gerhard Weissenbrunner

English

Psalm 66 Jauchzet zu Gott …

Der Psalm 66 ist ein Loblied an Gott und ein Dank für Errettung. Das Volk Israel erfährt auf seiner Wegstrecke mit Gott Rettung und Befreiung. Und sie erleben was wirkliches Leben bedeutet und wahres Lebensziel ist. 

Der Psalmist denkt an die Vergangenheit und will der ganzen Welt verkünden, welch ein wunderbarer Gott der Gott Israels ist. Er beginnt mit einem Paukenschlag: „Jauchzet zu Gott alle Völker!“ Was Israel erlebt hat posaunt er hinaus in die Welt und fordert alle Menschen auf mit Jauchzen in den Lobpreis einzustimmen.

Textkomposition:
Der Psalmist komponiert sein Lied über diesen ausgelassenen , fast übermütigem Freudensausbruch bis zur ehrfürchtigen Erkenntnis und demütigem Segensspruch, um dann mit dem Gefühl friedlicher Geborgenheit zu schließen. Vom jauchzen (1) über singen (2), über sprechen (3) zum segnen (8) bis zum Wellness (12b).

In der vorliegenden Übersetzung von Alisa Stadler lesen wir die letzte Zeile aus Vers 12: „doch du hast uns herausgeführt zur Labung!“ In der Lutherübersetzung heißt es: „doch du hast uns herausgeführt und uns erquickt!“ In der alten Einheitsübersetzung steht: „doch du hast uns herausgeführt in die Freiheit!“ Und in der neuen Einheitsübersetzung lesen wir: „doch du hast uns herausgeführt, hin zur Fülle!“

Vier verschiedene Ausdrücke. Ich kenne den Urtext nicht. (es würde auch nichts helfen, da ich nicht hebräisch kann) Aber wenn schon so vielfältig übersetzt ist können wir doch alle Übersetzungen gelten lassen: Labung – Erquickung – Freiheit – Fülle. Das klingt wie ein Wellnessangebot eines oststeirischen Thermenhotels, meint aber nicht ein erholsames Wochenende. Sondern vielmehr! 

Das Volk Israel ist angekommen! Sie haben ihr Ziel erreicht. Sie durften den wahren, wirklichen Gott dieser Welt kennenlernen. Sie haben seine Allmacht, seine Fürsorge und seine Liebe erfahren und sie fühlen sich wohl in seiner Gegenwart.

Aber diese wohlige Befindlichkeit wurde ihnen nicht in die Wiege gelegt. Sowie man sagt: »den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf!« Es war ein langer, lehrreicher und oft auch mühsamer Weg. 

Wie begründet nun der Psalmist seine Aufforderung zum Lobpreis? Ebenso erhebt sich für uns die Frage, welchen Grund sollen wir haben zu jauchzen, zu singen, zu sprechen und zu segnen?

Es beginnt in den Versen 3 und 5: „Furchtgebietend ist sein Tun an den Menschen. Sogar die Feinde schmeicheln Gottes Macht!“  – Maria, die Mutter Jesu, hat es in ihrem Lobgesang treffend wiedergegeben (Lk.1,50-54): „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen.
Ich empfinde es als Wohltat, dass ich meine Bitten gegen die Dummheit und die Gier gegenwärtiger Mächtiger und unersättlicher Reicher vor Gott legen darf. Ich selbst bin ja ohnmächtig ihnen gegenüber. Sie fürchten anscheinend weder Menschen noch Gott. Aber ich darf die Bitte vor Gott ablegen und hoffen, dass ihr Treiben einmal ein Ende hat.

Wenn hier von „fürchten“ die Rede ist, ist wohl „Ehrfurcht“ vor Gott gemeint. Ich persönlich kann mich aber schon erinnern, dass früher in mir Furcht oder besser gesagt „Angst“ aufgekommen ist, bei dem Gedanken, was wird mit mir sein, wenn ich einmal vor Gott stehe und Rechenschaft ablegen sollte über mein Leben. 

Wird er mich annehmen? Und warum sollte er? Mir war doch seine Gegenwart nicht wichtig! Ich selbst war mir wichtig. Und manche Menschen waren mir wichtig, wenn ich meinen Vorteil aus ihnen ziehen konnte. Gottes Weisungen waren mir schon wichtig. Aber ich wollte mein eigener Herr sein. Das ist übrigens auch der Leitspruch der Hölle. Sie sagt: „Ich gehöre mir selbst!“

Das Blatt hat sich erst gewendet, nachdem ich begonnen habe Bibel zu lesen und in die „Einzig mögliche Kirche“ – die EmK – gekommen bin. Mein erster Predigttext war Jesaja 12, das Danklied der Geretteten. Die ersten Verse lauten: »an jenem Tag wirst du sagen: Ich danke dir Herr, dass du zornig gewesen bist über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. Siehe Gott ist mein Heil, ich bin sicher und ich fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.« 

Hier habe ich Jesus Christus als meinen Herrn und Gott gefunden und seither brauche ich mich nicht mehr vor Gott zu fürchten. Wenn ich noch vor etwas Angst habe, dann vor mir selbst. Davor wozu ich eigentlich fähig wäre. Aber Gott führt mich und beschützt mich auch vor mir selbst.

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt von Furcht auf den ich erst kürzlich aufmerksam geworden bin. Es ist die Angst sich eingestehen zu müssen, dass der bisherige Weg nicht passt und korrigiert werden sollte. Der Blick in unser Herz verrät es uns. Sobald wir mit Gott, mit seinen Weisungen und mit dem Evangelium von Jesus Christus in Berührung kommen, wissen wir: „es stimmt einfach einiges im Leben nicht!“ Das Gewissen regt sich und es macht Angst!

Ein lieber Freund hat eine raffinierte Ausrede erfunden! Jemand hat ihm angeboten über den christlichen Glauben zu reden. Darauf hat der Freund gemeint, er habe jetzt gerade keine Zeit. Doch der Jemand hat nicht locker gelassen und geantwortet, er könne ja zu ihm nach Hause kommen. Worauf der Freund geantwortet hat, das ginge schon gar nicht, weil „die Katze hat Angst“.

Da ist die Angst vor dem eigenen Herzen. Und die Angst vor dem allmächtigen Gott, der weiß, was bei mir nicht stimmt. In seiner Gegenwart wird mein Herz aufgedeckt! Früher oder später! Ja das stimmt wohl, denn bei Gott bleibt nichts verborgen. Aber es ist doch überhaupt nicht wahr, dass Gott uns Angst machen will. Deshalb kam er in Jesus Christus auf unsere Erde. Und Jesus befreit von dieser Angst und schenkt stattdessen Liebe, Freude und Gerechtigkeit.
Wenn wir gerne Menschen von Jesus überzeugen möchten und es gelingt nicht, dann dürfen wir uns jetzt damit trösten, dass Jesus jedem Menschen nachgeht und nicht will, dass irgendjemand verloren geht. Unüberhörbar ruft er: „Wo bist du Adam! Wo bist du Eva!“

Das Thema über „Ehrfucht, Furcht und Angst“ wird in diesem Psalm zwar nur in den Versen 3 und 5 angesprochen. Es hat mich aber sehr beschäftigt, weil es einen Grundstock der Gotteslehre bildet. Deswegen wollte ich es so ausführlich behandeln.

Diese neue Sichtweise, das neue Gesicht Gottes, das Gesicht der Liebe, hat das Volk Israel schon lange vor uns erlebt. Gott hat ihnen die Angst genommen. Er hat sie aus der Sklaverei in die Freiheit geführt. Im Vers 6 singt der Psalmist: „Gott hat das Meer geteilt und in trockenes Land verwandelt sodass wir trockenen Fusses durchgehen konnten. Da war unsere Freude groß.“

In Vers 9 haben sie den Atem Gottes aufgenommen: „er setzte unsere Seele ins Leben!“
Nach dem Auszug aus Ägypten wanderte das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste. Gott versorgte sie mit Wasser, Manna und mit Wachteln. Sie mussten sich nicht um Nahrung und um ihre Existenz sorgen. Sie hatten 40 Jahre Zeit unmittelbar die Erfahrungen der Gegenwart Gottes zu machen. Ja, sie wurden in vielen Geschehnissen geprüft und geläutert, wie man Silber läutert. Aber nur so war es möglich sich auf diesen neuen Gott einzulassen und zu erkennen wie Gott wirklich ist. Erst wenn man die Konsequenzen des eigenen Handelns am eigenen Leib verspürt, ist man bereit sich zu korrigieren.
„Gott hat unsere Seele ins Leben gesetzt“, welch ein wunderbares Zeugnis!

Die Verse 11 und 12 scheinen wieder einen umgekehrten Weg zu beschreiben. „In die Falle hast du uns geführt“ – „schwere Last hast du uns auferlegt“ und „du hast uns wieder zu Sklaven gemacht“ – 

Hier bekommt der Psalm 66 einen Bezug zur heutigen Lesung aus dem AT, Jeremia 29(1,4-7). Der König Nebukadnezzar hat Israel besiegt und viele gefangen geführt. In der Babylonischen Gefangenschaft haben sich die Gefangenen wieder an ihre Herkunft und ihren Gott erinnert. An den Flüssen von Babylon sind sie gesessen, haben ihre Abtrünnigkeit bereut und haben Gott ihre Trauerlieder gesungen. 

Es scheint eine immer wiederkehrende Notwendigkeit zu sein, dass Menschen Gott vergessen, wenn es ihnen zu gut geht. Vielleicht sind dann gerade die „schlechten Zeiten“ „die guten Zeiten“. Weil in vielen Fällen wir unseren Blick erst zu Gott erheben, wenn es uns schlecht geht. Dann sind wir eher bereit zu rufen: „Gott hilf!“

Das ist auch in diesem Psalm die Erfahrung Israels. Darum kann der Psalmist schließen mit den dankbaren Worten: „in Feuer und Wasser sind wir geraten, doch du hast uns herausgeführt zur Labung – zur Erquickung – zur Freiheit – zur Fülle.                            

Amen