21. November 2019

Gottesdienst am 20. Oktober 2019

Predigt: Ute Frühwirth

„Im Gespräch bleiben“ Lukas 18, 1-8

Es ist Donnerstagabend und meine Tochter kommt zu mir mit diesem Augenaufschlag, der mir sagt, dass sie etwas von mir möchte. „Mama, führst du mich morgen in die Schule? Biiiiiiitte!“ Ich habe in diesem Schuljahr das wunderbare Glück am Freitag nicht unterrichten zu müssen. So bin ich zu Hause und kann mir meine Zeit selbst einteilen. Und meine Tochter weiß das. Ich kontere: „Das letzte Woche war nur eine Ausnahme, und vorletzte Woche auch.“ „Biiiiitte!“  sagt sie wieder und drückt mich ganz fest. Dabei kitzelt sie mich und ich merke, wie mein Widerstand zu bröckeln beginnt. „Nein, du fährst morgen mit dem Bus, und jetzt ab ins Bett:“, sag ich ihr bestimmt. Und sobald das Licht aus ist, schreibe ich meiner Freundin ein Whats-App, dass sie ihren Sohn, der in die gleiche Schule geht wie Lena, morgen um 7.20 Uhr vorbei schicken kann, denn ich bring die beiden in die Schule. Inkonsequent? Und wie!! Die Freude in der Früh? Riesengroß! 

Eigentlich bring ich meiner Tochter mit so einer Aktion bei, quengeln lohnt sich. Sie muss nur immer wieder betteln und irgendwann wird es uns eh zu blöd, und wir geben nach. (Und dabei kann ich betteln nicht ausstehen!) So ähnlich macht das auch die Witwe, in unserem heutigen Predigttext. 

In Lukas 18 erzählt Jesus das Gleichnis vom Richter und der Witwe. Hier stoßen zwei Personengruppen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein hätten können. Auf der einen Seite steht der Richter. Im Lesungstext heißt es: „In einer Stadt lebte ein Richter, der fragte nicht nach Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht.“ Wahrscheinlich war dieser Richter gar kein Jude, sondern ein bezahlter Beamter, der von Herodes oder den Römern in sein Amt berufen worden war. Welche Aussichten hatten Menschen, die zu ihm kamen und ihr Recht einfordern wollten? Menschen, die vielleicht auch keinen gesellschaftlichen Einfluss oder kein Geld für Bestechungen hatten, um die Verurteilung des Beklagten zu erkaufen. Man war dem Wohlwollen dieses Menschen ausgesetzt. Wir würden heute sagen – dieser Mann hat eindeutig seinen Beruf verfehlt. 

Und ihm gegenüber steht die arme Witwe – eine zur damaligen Zeit sozial Deklassierte. Ihr Ehemann war gestorben und wir erfahren nicht, ob sie Kinder bzw. Söhne hatte. Mit dem Tod ihres Mannes verlor sie somit ihre wirtschaftliche, rechtliche und soziale Absicherung. Sie zählte von nun an zu den Schwachen der Gesellschaft. Aber in dieses Rollenbild möchte sich die Witwe nicht hineinpressen lassen. Sie ist nicht unbeholfen und zurückhaltend, sondern sie ist beharrlich und beständig. Sie fordert ihr Recht. Diese Witwe gibt nicht auf. Sie bittet, vielleicht bettelte sie, sie suchte immer wieder den Richter auf. Wie oft sie bei dem Richter war, und ihn bat, ihr Recht zu verschaffen, steht nicht geschrieben. Es heißt nur: „Sie kam immer wieder zu dem Richter und bat ihn: „Verhilf mir in der Auseinandersetzung mit meinem Gegner zu meinem Recht.“ Wer ihr Gegner war und ob die Witwe auch wirklich im Recht war, erfahren wir auch nicht. Aber das tut auch nichts zur Sache. Dem Richter wird das Ganze schön langsam zu blöd. Und dann lesen wir, dass der Richter ihr endlich zum Recht verhelfen will, denn sie wird ihm lästig und treibt ihn mit ihrem ständigen Kommen zur Verzweiflung. In einer anderen Übersetzung steht sogar: „…so will ich doch ihr Recht verschaffen, damit sie nicht am Ende komme und mir ins Gesicht fahre.“ Das klingt ein wenig nach Handgreiflichkeiten, vor denen sich der Richter fürchtet. Also hilft er der armen Witwe, damit er endlich seine Ruhe hat, und nicht weil das eigentlich sein Job ist.

Soweit die Geschichte. Aber welches Fazit ziehen wir daraus? Sollen wir Gott auch bitten ohne Unterlass und quengelnd vor ihm stehen, denn Jesus sagt weiter: „Wenn sogar ein kaltherziger Richter mit viel Hartnäckigkeit überredet werden kann, zu helfen, wie wird dann erst recht Gott seinen Kindern (im Text steht Auserwählten) zum Recht verhelfen, wenn sie ihn Tag und Nacht darum bitten.“ Und Jesus legt sogar noch ein Schäufchen drauf, er sagt nämlich: „Er wird dafür sorgen, dass sie schnell zu ihrem Recht kommen.“  

Das klingt doch wunderbar! Ich brauche nur unentwegt um etwas bitten, und werde es von Gott erhalten. Nein, das spielt sich leider nicht. Wir sollten uns davor hüten, daraus zu schließen, dass Gott uns alles gewährt, worum wir ihn bitten. Gott ist Vater und Mutter, und wenn wir dieses Bild in unsere Familie mit hineinnehmen, wird auch schnell klar, warum Gott uns so manche Bitte abschlagen muss. Wir als Eltern wägen auch ständig ab, welchen Wunsch wir unseren Kindern erfüllen oder welchen wir ihnen verweigern. Lena in die Schule zu bringen, ist jetzt keine weltbewegende Sache, aber bei anderen Dingen sagen wir ein striktes „Nein“ – ohne Verhandlungsbasis und kein Platz für Betteleien. Wir Eltern wissen, dass manche Dinge unseren Kindern nicht gut tun und viele Bitten schlagen wir ihnen ab. Wir glauben zu wissen, dass es unseren Kindern schaden könnte. Wir „glauben zu wissen“ – Gott jedoch weiß es! Wir haben keine Ahnung, was uns in den nächsten Stunden, Wochen oder Jahren passieren wird. Nur Gott überschaut unser ganzes Leben, und daher weiß auch nur Gott allein, was uns auf Dauer nützt und gut tut. Ob uns das passt oder nicht. 

Da stellt sich mir folgende Frage. Wie gehen wir damit um, wenn unsere, ich nenne es jetzt nicht Wünsche und Bitten, sondern unsere Pläne nicht mit den Plänen Gottes übereinstimmen. Jesus stellt die Frage, ob der Menschensohn, wenn er wiederkommt, auf der Erde solch einen Glauben finden wird. Haben wir solch einen Glauben, dass wir akzeptieren bzw. hinnehmen können, dass Gott einen anderen Weg mit uns vorhat? Können wir seinen Plan für uns einfach nehmen und darauf vertrauen, dass er es gut mit uns meint, und es so richtig ist? Ich hatte vor Jahren einen riesengroßen Wunsch, und ich habe jeden Abend darum gebetet, dass Gott mir diesen Wunsch erfüllen möge. Und er hat ihn erfüllt. Die Freude darüber war gewaltig. Und so wie er mir diesen Wunsch erfüllt hat, so hat er ihn auch wieder wie eine Seifenblase zerplatzen lassen. Und ich war zornig, und hab mit Gott geschimpft und ihn gefragt, was er sich überhaupt dabei gedacht hat, mir diese Bitte zu erfüllen. Da wäre es besser gewesen, es gar nicht zu tun. Und erst mit den Jahren habe ich gesehen und vor allem auch gelernt, dass es gut war, wie Gott damals gehandelt hat. 

Das ist grad alles ein bisschen verwirrend. Auf der einen Seite heißt uns Jesus beten und bitten ohne Unterlass. Auf der anderen Seite bitten wir, aber Gott erfüllt unsere Bitten nicht. Was jetzt? Beten was das Zeug hält oder aufhören, weil es halt eh keinen Sinn macht, denn Gott weiß eh schon im Vorhinein ganz genau, was für uns gut ist, und welchen Weg unser Leben nehmen wird. Es ist eh alles von ihm vorbestimmt. Ich denke, so einfach sollten wir uns es nicht machen. Gebete bestehen ja nicht nur aus Bitten. Beten ist reden mit Gott. Eine Beziehung lebt von Gesprächen – wie unter Menschen so auch mit Gott. Ich liebe gute Gespräche mit verschiedenen Menschen, sie tun mir gut, erweitern mein Blickfeld und bringen mich oft auch näher mit meinem Gesprächspartner oder meiner Gesprächspartnerin zusammen. Also wieso sollte es mit Gott anders sein? Gerade ihm kann ich alles mitteilen. Kein Zuhörer kann mich so urteilsfrei annehmen wie er. Ich kann ihm erzählen, wie mein Tag war, ich kann mir meinen Frust von der Seele reden, wenn bei meinen Kids in der Schule wieder die beginnende Pubertät zugeschlagen hat, ich kann ihm erzählen, wenn ich etwas Tolles erlebt habe, und ich kann ihn um Dinge bitten, die mir am Herzen liegen, die mich beschäftigen, vielleicht den Schlaf rauben. Und auch wenn sich meine Bitte nicht erfüllen sollte, ist allein das Aussprechen ein Abgeben der Sorgen an ihn. In meiner letzten Predigt habe ich den Ausspruch erwähnt, mit Gott reden ist wie die Seele in die Sonne halten. Hören wir nicht auf unsere Seelen zu erwärmen, bleiben wir im Gespräch mit Gott, bitten wir weiterhin um alles und um jeden, bleiben wir in einer lebendigen Beziehung mit Gott.

Amen