21. November 2019

Gottesdienst am 27. Oktober 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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Umgang mit dem Alten Testament     Joel 2,23-3,5

Liebe Gemeinde, als Überschrift für die heutige Predigt habe ich den Titel „Umgang mit dem Alten Testament“gewählt. Und ich möchte versuchen, einige Linien nachzuzeichnen, die beim Herbststudientag letztes Wochenende in St. Pölten für mich sichtbar geworden sind. Deshalb gliedere ich diese Predigt in einen ersten Teil, der sich mit den beiden Grundfragen des Titels des Herbststudientags befasst und einem zweiten Teil, der an Hand des heute gehörten Textes aus dem Buch Joel zwei weitere Schwerpunktthemen im Umgang mit dem Alten Testament behandelt. Damit komme ich heute ausnahmsweise auf vier statt der üblichen drei Themen und hoffe, dass alle trotzdem gut folgen können.

Der Titel des vergangenen Herbststudientages lautete: „Ist das Alte Testament blutrünstig und veraltet?“

Ist das Alte Testament blutrünstig? Blutrünstig, das bedeutet brutal oder grausam oder erbarmungslos. Auf diese Frage fand ich die Antwort der Referentin Anette Schellenberg, die als Professorin an der Universität Wien lehrt, sehr erfrischend. Sie sagte: „Ja, aber das sind andere Texte aus dieser Zeit auch.“

Ich habe das nicht als Entschuldigung gehört, sondern schlicht als Tatsachenbeschreibung. Es lässt ich nicht leugnen, dass wir äußerst brutale Geschichten im Alten Testament finden. Die allerschlimmsten Geschichten will ich jetzt nicht in Erinnerung rufen, denn sonst bleiben wir in Gedanken wahrscheinlich daran hängen aber exemplarisch greife ich nur zwei Geschichten heraus, die Geschichte von Bathseba und David und die Geschichte der Landnahme durch die Israeliten. Die Geschichte zwischen Bathseba und David führt dazu, dass David den Mann von Bathseba, Uria, hinrichten lässt. Nachdem sich der Ehebruch nicht mehr vertuschen lässt, sendet er einen Brief an seinen obersten Heerführer und befiehlt ihm, dass sich die Truppen hinter Uria zurückziehen sollen, sodass er stirbt. Ein ganz hässlicher Auftragsmord also. Und die Landnahme durch die Israeliten lässt uns aus einer heutigen Perspektive auch den Kopf schütteln. Völkermord würden wir das heute nennen oder ethnische Säuberung, wenn den Israeliten geboten wird, den Bann zu vollstrecken. Manchmal an Frauen und Kindern und dem gesamten Vieh zu vollstrecken. Das sind wirklich grausame Geschichten. 

Was ich diesem „Ja, aber“ von Anette Schellenberg zu Gute halten würde ist, dass auch moderne Geschichtsschreibung voll ist von Blut und Elend. Die Schlachten der Weltkriege mit hunderttausenden von Toten, der Völkermord an den Juden oder in Ruanda als Geschichte von Völkern und die individuellen Grausamkeiten wie das versuchte Attentat in Halle als Tat eines Einzelnen.

Gerade wenn wir uns die geschichtlichen und heutigen Grausamkeiten in Erinnerung rufen, merken wir, dass sich die Texte im Alten Testament nicht von der heute erlebbaren Wirklichkeit unterscheiden.

Und es sind beileibe ja nicht nur grausame Texte oder Beschreibungen zu finden im Alten Testament. Um wieder nur ein Beispiel aus der Fülle herauszugreifen erinnere ich an die Psalmen. Nicht alle Psalmen, aber was hier an Gotteserfahrung, Errettung und an Lobpreis zu finden ist, wirkt durch alle Zeiten und in unsere heutige Zeit hinein. Der Psalm 23 wirkt weit über die Kirchengrenzen hinaus.

Damit komme ich zum zweiten Teil des Titels: Ist das Alte Testament veraltet?

Ohne Frage gibt es Texte im Alten Testament die schon etliche Jährchen auf dem Buckel haben. Und ohne Frage haben sich die Vorstellungen von der Welt im Laufe der Geschichte geändert. Die Rechtsformen haben sich verändert, die Wissenschaft hat neue Erkenntnisse gesammelt, die Lebens- und Erfahrungswelt eines modernen Menschen besteht aus Handy, Computer, Internet und Glasfaserkabeln und ist nicht unbedingt mit dem Leben eines Schaf- und Ziegenhirten vergleichbar. Keine Frage. 

Aber sind deswegen die Fragestellungen, die im Alten Testament verhandelt werden, veraltet? 

Ich meine, nein, denn beispielsweise im 1. Buch Mose, dem Buch Genesis, werden reihenweise Fragen der menschlichen Existenz, des Zusammenlebens, der Frage nach der Herkunft des Universums oder unsere Beteiligungsmöglichkeiten hier in unserem Leben verhandelt.

Die biblischen Schöpfungsberichte entsprechen dem Wissensstand der damaligen Zeit und die Beobachtungen spiegeln die damaligen Möglichkeiten. Aber die Grundaussage der Schöpfungsberichte beinhaltet neben dem „wie“ auch ein „wer“. Wer ist für diese Welt, ihre Entstehung und Gestalt verantwortlich? War es der Mensch der die Erde erschaffen hat oder findet der Mensch die Erde vor und sinnt über ihren Ursprung nach? Wie ist das Verhältnis zwischen Gott und Mensch? Gibt es hier überhaupt eine Verbindung?

Das sind alles Fragen die im Alten Testament angesprochen werden und die uns als Menschen heute noch beschäftigen. Und zwar unabhängig von ihrem Ausgang beschäftigen. Jeder Mensch stellt sich diese Frage früher oder später in seinem Leben und jeder Mensch findet eine Antwort auf diese Frage.

Ich glaube also keineswegs, dass das Alte Testament veraltet ist. Mit der zeitlichen Distanz die wir mittlerweile haben müssen wir halt mehr Übersetzungsarbeit leisten. Wir kennen das in Wirklichkeit ja auch von Texten aus dem Neuen Testament. Auch dort ist es so, dass Jesus Gleichnisse erzählt, die der alltäglichen Lebenspraxis der Menschen entnommen sind. Heute würden wir uns natürlich wünschen, dass Jesus Gleichnisse aus unserer Lebensrealität erzählt. Ein Mann hatte einen riesigen Computerserver mit zigtausenden von RAM. Eines Tages erfuhr er, dass der Zugang zu all seinen kostbar gesammelten Daten durch einen Spam Angriff via Internet lahmgelegt war. Was sollte er tun? Und so weiter.

Diesen Gegenwartsbezug kann uns die Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament nicht bieten. Daher müssen wir ständig Übersetzungsarbeit leisten und das ist manchmal anstrengend und mühsam.

Aber wenn wir es tun, dann erhalten wir Zugang zu den existentiellen Fragen des Lebens. Also den Auseinandersetzungen, wo es um Dinge und Themen geht, die unser Leben ganz grundsätzlich angehen. Was kann ich tun, wenn ich an jemandem schuldig werde und mich das belastet aber dieser Mensch mir die Vergebung verweigert? Was kann ich tun, wenn mir so elend zumute ist, dass ich mich am Liebsten eingraben würde? Was kann ich gegen Neid und die daraus hervorgehende Unzufriedenheit tun, die mein Leben vergiftet? Sind diese Fragen veraltet?

Damit komme ich jetzt zum angekündigten Teil zwei und den Themen die ich an Hand des heute gehörten Textes aus dem Buch Joel ansprechen möchte.

Mein erstes Thema ist die Frage: Zu wem spricht der Text?

Wer aufmerksam zugehört hat, wird diese Frage beantworten können: „Und ihr werdet erkennen, dass ich in Israels Mitte bin und dass ich, der Herr, euer Gott bin und keiner sonst. Und mein Volk wird niemals mehr zuschanden werden.“ Es ist also unmißverständlich, dass hier der Gott Israels zu seinem Volk spricht. Aber unmittelbar auf diese Stelle kommt ein Text, der doch einigen von uns recht vertraut sein dürfte: „Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.“ Mit diesen Worten begründet Petrus in der Apostelgeschichte das merkwürdige Verhalten der Menschen, die soeben den Heiligen Geist empfangen haben und begonnen haben in verschiedenen Sprachen zu sprechen. Ganz selbstverständlich wird hier ein Text, der unmittelbar in Zusammenhang mit den Israeliten steht, für die Erklärung der eigenen Situation gebraucht. Als ob der Prophet Joel, der ins 4. Jahrhundert vor Christus datiert wird, eine Aussage getätigt hätte, die erst ein halbes Jahrtausend später eintreten sollte. Das kann natürlich theoretisch sein aber es ist ziemlich unwahrscheinlich. 

Das Buch Joel ist nicht lang. Es hat nur vier Kapitel und der Inhalt ist sehr schnell erzählt. Das Volk wird heimgesucht durch ein großes, gefräßiges, alles vernichtendes Heer. Ein Heer wie es heute noch zu finden ist – ein Heuschreckenschwarm. Und dieses Heer, damals wie heute, zieht eine Spur der Verwüstung nach sich und soll die angesprochenen Hörerinnen und Hörer zur Umkehr bewegen. Wörtlich heißt es: „Doch auch jetzt noch, spricht der Herr kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn eurem Gott!“ Ein wunderschönes Bild: Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider. Und unser heute gehörter Text sprich ja schon von dem Segen der dann sein wird, wenn diese Plage überwunden und die Umkehr gelungen ist. Es wäre doch äußerst merkwürdig, wenn der Trost darin bestehen würde, dass der Heilige Geist 500 Jahre später über eine Anzahl von Menschen in Jerusalem ausgegossen wird.

Was ich damit festhalten möchte ist, dass wir uns bewusst sind und werden, in welche Richtung hier eine Interpretation, also eine Deutung, passiert. Die frühen Christen deuten Erlebnisse mit Verheißungen aus dem Alten Testament. Für sie ist der geschundene Jesus am Kreuz, der leidende Gottesknecht wie ihn Jesaja beschreibt. Aber ich glaube nicht, dass Jesaja oder Joel eine Vision hatten, die ihnen so weit entfernte Geschehnisse anzeigt wie die Gabe des Heiligen Geistes oder bei Jesaja der auferstandene Christus. 

Damit komme ich zum letzten Teil oder Thema, das ich auch am Buch Joel festmachen möchte und das sich eigentlich schon gezeigt hat. Wer das Alte Testament liest oder hört wird entdecken, wo unsere Wurzeln sind. Wo alles herkommt und seinen Ursprung hat. Viele Texte des Neuen Testaments haben ihren Ursprung im Alten Testament. Teilweise sind es sogar wörtliche Zitate, wie sich das im Zusammenhang von Joel und der Apostelgeschichte schon gezeigt hat. Aber diese Durchwebung und Durchwirkung, also eine Durchdringung wie bei den Fäden eines Kleides, findet sich oft. Und zwar nicht nur innerhalb des Alten Testamentes, sondern wir finden diese Durchdringung bis in unsere heutigen Lieder und Liturgien hinein. 

Die Stelle mit „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider“ habe ich ja bereits zitiert. Unmittelbar darauf wird der Grund für die Umkehr genannt. Wieder wörtlich: „Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es reut ihn bald die Strafe.“ Diese Formulierung finden wir auch im Psalm 86, Vers 15: „Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue.“ Oder im Psalm 103, Vers 8: „Barmherzig und gnädig ist der Her, geduldig und von großer Güte.“ Und der Psalm 103 ist nicht nur ein Psalm, den wir in unserem Gesangbuch finden, sondern er ist auchTeil unsere Abendmahlsliturgie 774, die wir heute beten werden. Daran sieht man, dass wichtige Aussagen in der Bibel einen mehrstimmigen Chor bilden, deren Sängerinnen und Sänger eben auch und vielfältig im Alten Testament auftreten.

Das war heute doch recht dicht und daher versuche ich zum Abschluss noch eine kurze Zusamenfassung meines leidenschaftlichen Plädoyers für den Umgang mit und der Bedeutung des Alten Testamentes:

  • Das Alte Testament ist stellenweise blutrünstig. Nicht alles ist blutrünstig. Aber dort wo es blutrünstig  zugeht, erinnert es uns beispielsweise an die Abgründe unseres Menschseins.
  • Das Alte Testament ist nicht veraltet, denn hier werden wesentliche Fragen der menschlichen Existenz und die dazugehörenden Erklärungsversuche verhandelt.
  • Einen respektvollen Umgang hat sich das Alte Testament meines Erachtens verdient und man sollte sich der christologischen Deutungen zumindest bewusst sein.
  • Im Alten Testament und in seiner Durchdringung ins Neue Testament und in unsere Lieder und Liturgien hinein wird deutlich, welche Schätze, Verheißungen und Worte der Kraft hier vorhanden sind.

Möge alles Gesagte euch und mich ermutigen, sich wieder neu durch das Alte Testament beschenken zu lassen. Amen