21. November 2019

Gottesdienst am 10. November 2019

Predigt: Sonja Herler

English

Lukas, 20, 27-38

Liebe Gemeinde, als ich noch jung war, hatte ich das Glück, kaum mit dem Tod konfrontiert worden zu sein. Über ein Leben danach dachte ich fast nie nach, da das Leben mir hier und jetzt genug zum Auflösen gab und auch noch gibt. Dieser Text aus dem Lukasevangelium hat mich eigentlich, muss ich gestehen, nie angesprochen. Jetzt, wo ich älter geworden bin und einige mir auch nahe stehende Menschen in den Tod los lassen musste, lese ich diese Zeilen aus Lukas aus einer neuen Perspektive. Er hat mich erst auf den zweiten oder dritten Blick angesprochen.

In diesem Text stellen die Sadduzäer Jesus eine Frage, die sich auf die Auferstehung der Toten bezieht. Zur Information – ich habe nachgelesen – die Sadduzäer waren neben den Pharisäern eine Elitegruppe von jüdischen Priestern. Sie waren sehr konservativ, verneinten ein Leben nach dem Tod und vertraten die Ansicht, dass das Halten des Gesetzes ein gutes von Gott gesegnetes Leben verspricht. Die 5 Bücher Mose waren für ihre Glaubensauffassung ausschlaggebend. Darauf konzentrierten sie sich.

Nun kommen die Sadduzäer zu Jesus und schildern ihm die konstruierte Geschichte, in der der Ehemann einer Frau starb. Die Ehe blieb kinderlos. Dem alten Gesetz nach, sollte ein Bruder des Mannes die Frau heiraten, um den Nachwuchs zu sichern. In diesem Falle blieb die Frau nach jeder Ehe mit den sieben Brüdern des Mannes kinderlos und starb schließlich selbst. Wem sollte diese arme Frau im Himmel nun gehören, die sieben Ehen aushalten musste. Eine schreckliche Vorstellung… Mit dieser Frage, wollten die Sadduzäer Jesus provozieren und die Auferstehung ins Lächerliche ziehen. Jesus lässt sich auf keine Diskussion ein. Er antwortet sinngemäß: Heiraten ist eine Sache für die gegenwärtige Welt. In der jenseitigen Welt hat dies keine Bedeutung, da es nicht mehr notwendig ist, für Nachkommen zu sorgen. Wenn die Menschen vom Tod auferstanden sind, sind sie wie die Engel. Sie sind Söhne und Töchter Gottes. Und am Ende des Textes fügt er hinzu: „Gott ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden! Für ihn sind alle lebendig“.

Ich sehe hier zwei Themen, die mir in den Sinn kommen. Zum einen das Gottesbild, das hier von den Sadduzäern vermittelt wird, und das, das uns Jesus zeigt und zum anderen das Leben nach dem irdischen Tod. Beides hängt hier für mich zusammen.

Zum Gottesbild der Sadduzäer: 

In ihrer Art der Religiosität der Sadduzäer spielen die Gesetze des Mose eine große Rolle. Gott offenbart sich in den Geboten. Wer sich nicht daran hält, den straft Gott, wer sich daran hält, der wird mit einem gesegneten Leben belohnt. So wird Gott für die Menschen sozusagen „überschaubar“.

Ich stelle immer wieder fest, wie herrlich bequem es ist, sich auf Erklärungen und Gesetze zu stützen und ein geschriebenes Wort zum Maßstab für jeden Menschen zu machen. Erklärungen und Gesetze geben uns  Sicherheit, und wir schaffen uns Überblick. So wollen wir es oft auch mit Gott machen. Oft zwängen wir ihn ein in enge Denkschemen und glauben zu wissen, was Gott will und grenzen so nicht selten anders denkende oder anders lebende Menschen aus.  Wir grenzen die Liebe ein, das Leben. Wir versuchen, uns Gott zurechtzurücken und werden im Grunde genommen selbstgerecht. Es tut gut, einen Überblick über Gott und das Leben zu haben. Ganz schön überheblich und eigentlich lächerlich. Denn, was haben wir Menschen denn schon in der Hand? Durch ein Schicksal, kann mit einem Schlag das ganze gut zurechtgerückte Leben auseinanderfallen und alles ist anders. Das Gottesbild muss ins Wanken geraten. Der Tod wirkt dann wie eine Bedrohung, weil mein ganzes Lebensgebäude, auf das ich stolz war, zusammenbricht – was wird wohl danach kommen, wenn es ein danach überhaupt gibt – Welche Maßstäbe werden dann gesetzt werden? Unsicherheit macht sich breit.

Wie befreiend ist das Gottesbild, das Jesus vermittelt. Jesus zeigt einen Gott, der im gegenwärtigen und im zukünftigen Leben bei uns ist, der sich nicht in Grenzen pressen lässt. Durch das Leben Jesu lernen wir Gott ein stückweit kennen. Wir können Gott nicht erfassen, aber bruchstückhaft erkennen. Und Jesus zeigt uns einen Gott, der den Menschen nicht bewertet, sondern der das Herz, das Innerste eines Menschen sieht und der nichts anderes als Liebe ist. Jesus lässt uns die Gebote als weise und kluge Lebenshilfen sehen. Sie ermöglichen uns ein gutes Zusammenleben mit anderen Menschen. Alle Gebote des Alten Testamentes fasst Jesus zusammen in diesen beiden Geboten:

Liebe den Herrn, dein Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand – und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Erfüllt man diese beiden Gebote, so sind die 10 Gebote erfüllt.

In Jesus spüren wir die Weite Gottes.

Die Erfahrung zeigt, dass Gott nicht unbedingt das Halten der  Gebote  mit einem guten und gelingenden Leben belohnt, sondern dass er uns durch alle Wirren, durch alle Höhen und Tiefen des Lebens begleitet, dass er uns durch trägt durch gute und schwere Zeiten und uns begegnet in Menschen, die uns lieben, im Gebet, im Gottesdienst, in den Liedern als eine oft erfrischende Freude selbst in schweren Zeiten, wo wir am liebsten davon laufen würden. Wir können Gott nicht begrenzen und auch das Leben nicht.

Das Leben danach? Nach dem irdischen Tod?

Jesus spricht von der Auferstehung der Toten. Nach seinem Kreuzestod, wird geschrieben, begegnet er Frauen und seinen Jüngern. Wir wissen nicht, wie das Leben nach dem Tode genau aussieht. Was wir aber in diesem Leben schon jetzt wissen dürfen, ist, dass Liebe nicht vergänglich ist, dass sie weitergeht und dass wir nach unserem physischen Tod in sie zurückkehren, weil Gott uns auch durch den Tod trägt, dahin, wo uns kein Mensch begleiten kann.

Im Licht dieser Liebe werden wir erkennen, wie viele Gedanken, Taten, innere Haltungen, die wir in unserem Leben eingenommen haben, diese Liebe blockiert haben und wie viel Schuld wir dadurch auf uns geladen haben.Wie gut ist es zu wissen, dass, wenn wir erkennen und bekennen, wo wir gegen diese Liebe gehandelt haben unbewusst oder bewusst, dass Gott uns in Jesus Christus vergibt und wir in diesem Leben stets neu beginnen können.

Elisabeth Kübler-Ross, eine schweizer Ärztin und Sterbeforscherin, die 2004 verstorben ist, hat sich Jahrzehnte mit sterbenden Menschen auseinander gesetzt. Zahlreiche Interviews kann man nach lesen. Ihre Erkenntnis aus ihrer Arbeit fasst sie in einem Satz zusammen: „Sobald wir alle unsere Arbeiten auf dieser Erde erledigt haben, ist es uns erlaubt unseren Leib abzuwerfen, welcher unsere Seele, wie ein Kokon den Schmetterling, gefangen hält. Wenn die Zeit reif ist, können wir unseren Körper gehen lassen, und wir werden frei sein von Schmerzen, frei von Ängsten und Sorgen, frei wie ein wunderschöner Schmetterling, der heimkehrt zu Gott.“

Letztlich können die meisten von uns nur glauben, was sie selbst erlebt haben. Auch ich selber gehöre eher zu dieser Sorte von Mensch. Und, wie ich zu Beginn der Predigt gesagt habe, bin ich mit den Aufgaben, die es in diesem Leben gilt zu meistern, genug beschäftigt.

Und doch tut es gut, an einen Gott der Liebe zu glauben, der uns in seiner Hand hält, und dass er diese Hand niemals zurückzieht auch nicht im Tod und danach, was dann auch immer kommen mag. Er schenkt ewiges Leben, das schon jetzt im Kleinen beginnt. In der gegenseitigen Liebe, in der reinen Freude, in der Schönheit, in der Versöhnung. Wer sich in diesem Leben Gott, dieser unbeschreiblichen Liebe, die in Jesus sichtbar geworden ist, hingibt, ihr nachstrebt im Alltag, im Miteinander, der kann eine Ahnung davon bekommen, wie sich das neue Leben nach dem Tod gestaltet. Wir werden eins sein mit dieser Liebe, die die Antwort auf die Frage nach dem Sinn ist, die wir uns in diesem Leben so oft stellen.

Amen.