13. Dezember 2019

Gottesdienst am 17. November 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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Sehnsucht, Verwurzelung und Gottes Wirken – Lukas 21, 5-19

Liebe Gemeinde, wir feiern heute mit einigen Geschwistern ihre Aufnahme in die bekennende Mitgliedschaft unserer Evangelisch-methodistischen Kirche. Bei manchen müsste man eigentlich hinzufügen, ihre offizielle Aufnahme, denn so lange kennen wir uns schon.

Wie immer geht einer solchen Aufnahme ein mehrwöchiger Kurs voran, der dazu dient, sich die eigenen Standpunkte und Glaubensüberzeugungen bewusst zu machen. Woran glaube ich? Wie denke ich Gott? Wie verstehe ich die Bibel? Dazu kommt eine Einführung in die Geschichte und die Organisation unserer Kirche. All das soll dazu führen, dass Menschen Klarheit bekommen was sie öffentlich bekennen und auf was sie sich einlassen. Wir spielen hier mit offenen Karten und ich bin immer wieder sehr berührt, wie offen wir ins Gespräch dabei kommen.

Der heutige Predigttext stammt aus dem Lukasevangelium und ich möchte im Licht der Aufnahme in die bekennende Mitgliedschaft ein paar – natürlich sind es drei – Punkte hervorheben: Die Sehnsucht, die Verwurzelung in der Schrift und die Hoffnung auf Gottes Wirken.

Diese eher weichen Themen mögen auf den ersten Blick gar nicht so recht mit diesem rauhen, schroffen und vielleicht hart wirkenden Text zusammen gehen. Wo von Zerstörung, Kriegen, Seuchen und dem Tod die Rede ist.

Aber wenn ich mir den ersten Abschnitt über die Bewunderung des Tempels und Jesu Antwort anschaue, dann höre ich ein Anliegen, dass mir vertraut ist. Von dem ich meine, dass Jesus es immer wieder zum Ausdruck bringt: Die Ausrichtung und die Sehnsucht nach dem Himmelreich.

Ich könnte der prophetischen Ankündigung von Jesus vielleicht folgende Sätze zur Seite stellen, die jetzt so nicht im Text stehen, die aber das Anliegen vielleicht deutlich machen können: „Ihr bewundert diese Steine und diese prächtige Ausschmückung. Ja es ist schön aber es wurde von Menschen geschaffen und nichts was Menschen schaffen, ist ewig. Bleibt doch nicht so sehr im jetzt und hier gefangen, sondern streckt euch aus nach einer wirklich gerechten Welt. Haltet die Sehnsucht in euch wach, dass dieser Tempel, so prächtig er auch ist, nur eine Station in der Zeit ist und dass die Vollendung der Schöpfung noch bevor steht.“ 

In mir, also in Jesus, vollendet wird, könnten wir heute sagen. 

Leider hat die Christenheit diese Gegenüberstellung von Jesus und dem Tempel oft mißbraucht, um eine Überlegenheit des Christentums über das Judentum daraus zu konstruieren. Dafür gibt es in der Kunst zahlreiche Beispiele und das dürfen und wollen wir heute nicht wiederholen. Für mich bleibt dieser Ausblick von Jesus, dass die Welt so wie wir sie erleben nicht vollkommen ist, sondern dass wir diese Sehnsucht nach Vollendung und Vollkommenheit in uns wach halten sollen. Ich höre für mich, dass ich mich weder auf dem Erreichten ausruhen soll noch mich mit den Gegebenheiten wie ich sie vorfinde, zufrieden geben soll. Ich höre für mich besonders, dass ich mich nicht frustrieren lassen soll, von der Welt und ihren Grausamkeiten so wie sie ist. Meine Sehnsucht die ich in mir wachhalten möchte, ist die Sehnsucht nach der Vollendung und Überwindung, wie Jesus sie ankündigt. Wie das aussehen kann, darauf komme ich am Ende des dritten Punktes noch zu sprechen.

Was mich als zweiten Punkt angesprochen hat in dem heute gehörten Text, ist die Warnung vor Irrlehrern. Das ist ein Begriff der in der Bibel häufiger vorkommt, lasst ihn uns heute einfach so übersetzen: Die Warnung vor Menschen aber auch vor Lehren oder Versprechungen, die an die Stelle von Jesus treten wollen. Ich weiß nicht wer von euch schon einmal die Offenbarung gelesen hat. Die Offenbarung ist das letzte Buch in der Bibel und bezüglich der Deutung des kommenden Gerichts oder des Endes der Welt ist dieses Buch auch immer wieder mißbraucht oder zumindest falsch ausgelegt worden. Welche geschichtlichen Ereignisse hat man nicht alle schon mit dem endzeitlichen Herrscher in Verbindung gebracht. Und hier tut es doch einfach gut zu wissen oder heute wieder zu hören, was Jesus selbst zu diesem Thema sagt. Jesus sagt: „Es werden viele unter meinem Namen auftreten und sagen die Zeit ist da. Lauft ihnen nicht nach!“ Dieses Wissen hilft uns und macht wieder einmal deutlich wie wichtig es ist, das wir in der Schrift, also in der Bibel, verwurzelt sind. Dass wir die Zeugnisse und Aussagen, die Erfahrungsberichte, Irrungen und Wirrungen der Menschen, die Verheißungen und Zusagen kennen, die uns überliefert sind. Das heißt nicht, dass wir sie eins zu eins glauben und übernehmen sollen. Das ist manchmal garnicht so einfach möglich, weil wir biblische Geschichten erst „übersetzen“ müssen. Es ist notwendig, dass uns bewusst ist, dass diese Texte in einer ganz anderen Zeit entstanden sind und teilweise einfach den Wissensstand der damaligen Zeit mittransportieren. Vorallem aber müssen wir lernen, dass viele biblische Geschichten mehrschichtig sind und Inhalte transportieren wollen, die nicht nach dem schwarz-weiß Motiv gestaltet sind. Also entweder richtig oder falsch sind. Das fällt uns heutigen Menschen mit unserer Art zu denken schwer. Wir denken oft juristisch, also entweder-oder. Entweder ist es so oder so oder eben anders und nicht so.

Gott selbst weist uns in der Geschichte vom brennenden Dornbusch darauf hin, dass die Dinge und vorallem Gott selbst, nicht nach dem entweder-oder Prinzip gestaltet sind. Ich werde sein, der ich sein werde, so nennt sich Gott (2. Mose 3, 14) und macht deutlich, dass Gott größer und weiter ist als wir Menschen ihn uns vorstellen können. Wir brauchen diese Auseinandersetzung mit dem biblischen Wort, denn das hilft und stärkt unseren Glauben. Über viele Jahrhunderte sind die Menschen des Glaubens stets darum bemüht gewesen, aus der Bibel die Stimme Gottes herauszuhören, sodass Gottes Wort im Menschenwort hörbar wird. Das geschieht auch heute noch und daraus nährt sich unser Glaube.

Mein dritter und letzter Punkt ist die Hoffnung auf Gottes Wirken.

Wenn wir uns den letzten Abschnitt des heutigen Textes anschauen, dann kann man in der Beschreibung der Verfolgung der Jünger Jesu ein unglaubliches Schreckensscenario sehen. Die Jünger Jesu werden vor Gericht gestellt und ins Gefängnis geworfen, sie werden von den nahestehensten Menschen verraten und manche werden getötet. Vor allem werden sie von allen Menschen gehasst werden.

Und auf der anderen Seite wird von einer Gelegenheit gesprochen das Evangelium zu bezeugen, von dem Beistand durch Jesus selbst, der den Jüngern Worte der Weisheit in den Mund legen wird und von der Gewissheit, dass kein Haar von ihrem Kopf verloren gehen wird.

Wir sehen, dass auch hier eine entweder-oder Herangehensweise einem solchen Text nicht gerecht werden könnte. Aus unserer heutigen Perspektive hat Jesus hier prophetisch gesprochen, wenn es um die Verfolgung der frühen Christen durch römische Machthaber geht. Wenn man an die Missionsreisen des Paulus zurückdenkt, an die Ausbreitung des Evangeliums und die ersten Gemeinde, dann frage ich mich, was denn „alle“ Menschen werden euch hassen heißt? Alle Menschen werden euch hassen, davon müsste man zumindest diejenigen Menschen ausnehmen, die sich zu Christus bekehrt haben.

Was ich wiederum in dieser ganzen Beschreibung als wichtigste Botschaft hindurchhöre, ist die Zusage und die Gewissheit, dass Gott, dass Jesus, seine Jünger in dieser Situation nicht im Stich lässt. 

Also gehe ich davon aus, dass Gott, dass Jesus, auch uns, als Nachfolgerinnen und Nachfolger, nicht im Stich lässt. Wir dürfen also immer wieder und an den verschiedensten Stellen in unserem Leben mit Gottes Wirken rechnen. Auch und gerade wenn es um die Verkündigung des Evangeliums geht. Denn es ist schon wahr, dass wir in Europa Religionsfreiheit genießen, aber es ist ebenso wahr, dass wir in Europa in einer zunehmend säkularen Welt leben. Säkular, das bedeutet weltlich und gemeint ist eine Welt die ohne religiöse Überzeugungen und Erklärungen auskommt. Da tut diese Zusage gut, dass Jesus selbst uns zusichert, dass wir sprachfähig bleiben.

Damit komme ich zum Schluss und bin doch noch eine Erklärung schuldig, wie denn das alles ausschauen kann. Wie kann ich meine Sehnsucht wachhalten, wie bleibe ich in Verbindung mit Gottes Wort und wie lebe ich die Hoffnung auf Gottes Wirken?

Wesley würde antworten: Indem du die Gnadenmittel gebrauchst. Indem du also zu Gott betest und in der Schrift liest. Indem du die Gemeinschaft mit Gott und mit Menschen suchst, die an Gott glauben. Indem du versuchst, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Indem du also in einer lebendigen Beziehung zu Gott bleibst. Soweit es an dir liegt.

Ich glaube, dass Gott gerne, aus einem freundlichen, verständnisvollen Mitgefühl heraus, seine Verheißungen an uns erfüllen möchte. Wenn wir ihm nur ein bischen Gelegenheit dazu geben. Ich habe wirklich oft dieses Bild einer Mutter oder eines Vaters vor mir und kenne auch die Stelle in der Bibel, die darüber spricht. (Mat 7,9) Wie wenig braucht es, damit wir unsere Kinder lieben. 

Und warum bitte, sollte das bei Gott anders sein.

Amen