13. Dezember 2019

Gottesdienst am 1. Dezember 2019 – 1. Advent

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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1. Advent       Lied „Die Nacht ist vorgedrungen…“

Liebe Gemeinde, wir feiern heute den ersten Advent. Und natürlich wird man allen Pfarrerinnen und Pfarrern, allen Pastorinnen und Pastoren, Priestern, Diakonen und sonstigen Menschen in der Verkündigung vorwerfen können, dass sie zu dieser Zeit, zu Beginn des Advents, mehr oder weniger alle das Gleiche sagen oder predigen werden. 

Das mag schon sein.

Und natürlich habe ich mich in der Vorbereitung gefragt, ob das immer so sein muss. Ob das nicht langweilig ist. Ob man nicht auch einmal etwas Neues zum Advent oder zu Weihnachten sagen könnte. Mag sein, dass man etwas Neues dazu sagen könnte. Mag sogar sein, dass sogar mir etwas Neues dazu einfallen könnte.

Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr hat sich für mich herausgestellt – zumindest für diese Adventzeit am Ende des Jahres 2019 -, dass es mir darum nicht geht.

Oder anders gesagt, dass es nicht am Wichtigsten ist, etwas Neues zu sagen oder zu betonen, sondern dass es darum geht, wie ich die Botschaft des Advent umsetze.

Es mag jedes Jahr eine Wiederholung sein, aber jedes Jahr geht es darum, wie ich den Advent erlebe und wie ich mich vorbereite auf ein ganz grundsätzliches und alles veränderndes Ereignis, das wir Weihnachten nennen. Weihnachten, ja, das ist soviel geworden in unserer heutigen Zeit, in unserer Kultur, in der Bedeutung die es für Menschen mit und ohne Beziehung zu Gott hat.

Ich möchte heute auf die Bedeutungen eingehen, die es für uns als Gott suchende, als Gott erlebende, als Gott erhoffende Menschen hat und haben kann.

Und dabei werde ich mich heute kaum am biblischen Text orientieren. Viel mehr will ich auf die poetischen und zutiefst theologischen Ausformulierungen von Jochen Klepper eingehen, der fünf bemerkenswerte Strophen eines sehr bekannten Liedes geschrieben hat. „Die Nacht ist vorgedrungen“ haben wir gerade gesungen. Für mich ist es eines der schönsten und berührensten Adventlieder und das obwohl es in Moll ist. Durch diese Tonart wirkt es immer ein wenig traurig und schwermütig aber es hat eine Kraft, Tiefe und Schönheit, die ich sehr schätze und die ich heute ausbreiten möchte.

Das erste Motiv das Klepper aufgreift ist das Ende der Nacht und das Herannahen des Tages. Auch der Römerbrief hatte das zum Thema: Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an. Damit wird zweierlei angesprochen: Einerseits die Nacht, die als Sinnbild für alles Elend, alles Leid, alles Bedrückende und Belastende steht und anderseits der Tag, der sozusagen das Licht am Ende des Tunnels symbolisiert. Was mich an dieser Liedstrophe besonders anspricht ist das Mitleid, dass hier zum Ausdruck kommt. Hier weint jemand. Das bedeutet, es ist dieser Person nicht egal wie es um diese Welt oder das Unrecht, das wir tagtäglich vor Augen haben, steht, sondern da ist echtes Mitgefühl. Das macht für mich einen großen Unterschied. Denn ich kann den Geschehnissen auf dieser Welt auch ohnmächtig gegenüberstehen. Entweder resignativ, ich kann eh nichts machen , die dort oben machen doch eh alles so wie sie wollen, Stichwort Politikverdrossenheit oder teilnahmslos, es ist mir egal wie es um die Welt steht, ich mach eh mein eigenes Ding. Soll doch jede und jeder schauen, wie sie mit dieser Welt klar kommt. Aber diese erste Strophe sagt das nicht! Sie sagt, ich leide, ich weine und ich freue mich am kommenden Tag.

Die zweite Strophe ist vedichtete Theologie: Gott selbst, denn nur ihm dienen die Engel, macht sich auf und wird ein Kind. Ein Kind, ein echter Mensch. Und dieses Kind ist nicht Mensch geworden, um zu herrschen, sondern um zu dienen. Das Kind wird ein Knecht. Hier bringen wir Christinnen und Christen etwas zum Ausdruck, das uns von vielen Religionen auf dieser Welt unterscheidet: Ein Gott, der dient und uns Menschen entgegenkommt. Sich als Mensch den Menschen ausliefert.

Wenn es weiter heißt, dass Gott erscheint zur Sühne für sein Recht, dann würde ich heute bei aller Schönheit der Strophe und Respekt vor der Gesamtkomposition des Liedes leise aber bestimmt widersprechen wollen. Nach meiner Überzeugung ist Jesus kein Sühnopfer im Sinne des Alten Testamentes, das es braucht, damit die Gemeinschaft mit Gott wieder herhestellt wird. Gott ist nicht beleidigt und fordert eine Wiedergutmachung, wie sie in der Satisfaktionslehre von Canterbury so um das Jahr 1000 nach Christus zum Ausdruck kommt. Wenn ich Sühnopfer und Rechtsanspruch höre, dann klingeln bei mir diese Glocken. Es mag zu viel der Interpretation sein und vielleicht hat es Jochen Klepper anders gemeint trotzdem meine ich leise und bestimmt, ganz leise und bestimmt, das glaube ich heute nicht mehr: Der Mensch muss versöhnt werden, nicht Gott.

Damit komme ich zur dritten Strophe und diese Strophe bringt jetzt das Wunder der Weihnacht in Zusammenhang mit dem universellen, kosmischen Heilshandeln Gottes. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott immer schon vorhatte uns Menschen in Jesus zu befreien und uns  durch Jesus wieder in die Gemeinschaft mit ihm zurück holen wollte. „Ihr sollt das Heil dort finden, dass aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.“ Und ich glaube, dass man diesen letzten Teil, entweder sehr katholisch als Erbsünde, aber auch sehr modern auslegen kann: Seit du, seit ich, seit wir das erste Mal in unserem Leben wahrgenommen haben, dass wir schuldig, also nicht nach dem Willen Gottes leben, seit diesem ersten Erkennen hat Gott schon eine Lösung vorbereitet. Gott hat jemand ausersehen, der sich mit uns verbündet hat und das ist das Kind in der Krippe, das ist Jesus.

Und die vierte Strophe spricht jetzt davon, dass ab diesem Zeitpunkt, alles anders geworden ist. Seit diesem Ereignis ist in Wirklichkeit nichts mehr wie es vorher war. Wohl wird es immer noch Leid auf dieser Welt geben: „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld“ aber mit allen Menschen und daher auch mit uns „wandert nun der Stern der Gotteshuld.“ In unseren christlichen Bekenntnissen sprechen wir davon, dass die Macht der Sünde durch Jesus gebrochen wurde. Die Sünde hat keine Macht mehr über uns, der Tod wurde besiegt, es gibt eine Hoffnung die seit Jesu Tod und Auferstehung nicht mehr wegnehmbar ist. Wir wurden gerettet und das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. 

Ich habe bisher noch niemanden getroffen, gesprochen oder von jemand gelesen, der das besser formuliert hat als Karl Rahner. Rahner schreibt: „Eure wahre Zukunft ist meine Gegenwart, die heute begonnen hat und nie mehr Vergangenheit wird. Darum ist es doch realistischer, wenn ihr euch an meinen Optimismus haltet, der nicht Utopie, sondern die Wirklichkeit Gottes ist, die ganze Wirklichkeit Gottes, die ich – das unbegreifliche Wunder meiner allmächtigen Liebe – unversehrt und ganz in dem kalten Stall eurer Welt untergebracht habe.“

Eigentlich müsste man hier sofort aufhören zu reden. Was kann man dieser Beschreibung folgen lassen?

Und doch will ich euch die fünfte Strophe nicht vorenthalten, denn hier wird nochmal die Grundhaltung des ganzen Liedes auf den Punkt gebracht: Es geht um Hoffnung.

Eine Hoffnung die in dieser Welt sichtbar wird, weil Gott sie schafft. Eine Hoffnung, die die Nacht dieser Welt durchdringt und die als helles Licht erscheint, in dessen Schein nichts mehr so ist wie bisher. Eine Hoffnung die an die Überwindung von allem Leid und allem Elend glaubt und mit dem Gericht ein Ziel dafür vor Augen hat. Was hier nochmal in der letzten Strophe des Liedes deutlich wird ist ein Gottesbild, dass wir normalerweise oder viel zu oft nicht mit dem endzeitlichen Gericht in Verbindung bringen: „Als wollte er belohen, so richtet er die Welt.“

Als wollte er belohnen, so richtet Gott die Welt, das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Oder viele, viele Male singen und hören, vielleicht kann eine solche Botschaft dann unsere Seele erreichen.

Mir scheint dieses unglaublich feinfühlige Lied und die unnachahmlichen Sätze von Rahner können dem Advent vielleicht die beste und ursprünglichste Bedeutung zurück geben, die wir so oft suchen in dieser turbulenten Zeit: Dass der Tag nicht mehr fern ist. 

Der Weihnachtstag, an dem Gott all das wahr macht, was dieses Lied beschreibt und was Rahner in Worte fasst.

Aber um das zu begreifen, um es hell werden zu lassen in uns, um dieser Botschaft eine Chance zu geben, dass sie unsere Seele erreicht – dafür braucht es Zeit.

Die Adventzeit.

Amen