18. Januar 2020

Gottesdienst am 8. Dezember 2019

Predigt: Gerhard Weissenbrunner

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Matthäus 3, 1-12 Umkehr, Sinnesänderung, Neuorientierung

„How dare you?“ Mit Tränen in den Augen fordert ein 16-jähriges Mädchen, anlässlich der Klimakonferenz in New York, die Machthaber der Welt heraus. Wie könnt ihr es wagen, der Jugend und euren Kindern die Zukunft zu stehlen? Diese Worte gingen um die Welt und haben viele aufgewühlt. Die Protestbewegung „Fridays for future“ hat sich in allen größeren Städten dieser Welt etabliert und wird hoffentlich kein Ende nehmen, bevor sich nicht die Mächtigen bekehren und ein globales Umdenken passiert.

Johannes der Täufer ruft vor 2000 Jahren zur Umkehr. „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ Er redet den Menschen ins Gewissen. „Wenn ihr so weiterlebt, schadet ihr euch selbst und der Gesellschaft. Und ihr habt bei Gott keinen Lohn. Ihr zerstört eure Zukunft und die eurer Kinder!“

Das sind vielleicht andere Worte, als wir sie heute hören, aber es ist derselbe Ruf: „Kehrt um ! Ändert euren Sinn! Besinnt euch neu! Orientiert euch neu! So kann es nicht weitergehen!“

Und viele haben auf den Ruf des Johannes reagiert: (Mt, 3,5) »da strömten sie nur so zu ihm hinaus: Jerusalem, ganz Judäa und die aus der Umgebung vom Jordan. Sie bekannten ihre Sünden und wurden von ihm im Jordan getauft.«

Dann fragten ihn die Leute: „Was sollen wir denn tun?“ (Lk.3, 10-14) Johannes antwortete ihnen: „Wer 2 Hemden hat , der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, der tue ebenso.“ Dann kamen die Zöllner und fragten: „Was sollen denn wir tun?“ Er sprach zu ihnen: „Fordert nicht mehr als euch vorgeschrieben ist!“ Dann fragten ihn die Soldaten: „Was sollen denn wir tun?“ Und er sprach zu ihnen: „Tut niemanden Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“

Die Antworten des Johannes sind überraschend. Einerseits verlangte er von den Zollbeamten und Soldaten nicht, dass sie ihren Beruf aufgeben müßten. Andererseits verlangte er vielmehr, als etwa das Halten religiöser Forderungen. (Z.B. war es diesen Berufsgruppen unmöglich den Sabbat einzuhalten.) Johannes verlangte praktische Hilfe den Armen gegenüber, Zufriedenheit mit den Einkünften und Rücksichtnahme und Freundlichkeit bei der Bewältigung ihrer Aufgaben.

Die Antworten des Täufers sind vielen Antworten Jesu in der Bergpredigt auffallend ähnlich und aus demselben Geist der Liebe und Wahrheit.

Es sind die Grundforderungen des christlichen Glaubens. Die christliche Religion ist eine soziale Religion. Niemand kann für sich allein Christ sein. Christ oder Christin sein ist keine Privatsache.  

Wenn Johannes vom bevorstehenden Himmelreich spricht, so meint er eine Atmosphäre der Gerechtigkeit und des Friedens und der Freude in der Gegenwart Gottes. Das Hauptthema ist dabei Gerechtigkeit. Gerechtigkeit wird nicht umsonst vor Frieden und Freude genannt. Denn ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden und schon gar nicht Freude. 

Ich habe einen Richter vom Bezirksgericht Graz gefragt, bitte erkläre mir als Jurist den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Er antwortete mir: „Recht ist das womit wir als Juristen zu tun haben. Es ist das geschriebene Gesetz. Wir vertreten es und legen es aus. Das Wort »Gerechtigkeit« kommt in der Juristerei nicht vor. Das kommt von oben.“

Vor dem Parlament in Wien steht die römische Göttin Justitia als Statue. Sie hält in der rechten Hand das Schwert und in der linken eine Waage. Beide hält sie hoch. Dabei sind ihre Augen verbunden. Das meint, das Recht ist neutral und steht hoch über allem.

Bei Jesus ist »Gerechtigkeit« Teil des Bundes. Er steht auf der Seite der Armen, der Ausgegrenzten, der Unterdrückten. Er bezieht für sie Stellung, damit ihnen Gerechtigkeit zu Teil werde. 

Wunderschön wird das im Lobgesang der Maria wiedergegeben. »der Allmächtige hat Großes an mir getan. Heilig ist sein Name und seine Barmherzigkeit gilt von Geschlecht zu Geschlecht über die, die ihn fürchten. Gewalt übt er mit seinem starken Arm. Zerstreut hat er die, die in ihrem Herzen hochmütig sind. Machthaber stößt er von den Thronen, und Niedrige hebt er empor. Hungrige sättigt er mit Gütern und Reiche lässt er leer ausgehen.« (Lk.1,49-53) 

Treu steht Gott zu seinem Versprechen. Er steht nicht über den Dingen, wie die Göttin Justitia. Sondern er steht in Beziehung mit den Menschen. Und er drängt die Menschen zum Miteinander. Sie sollen die Gemeinschaft üben mit denjenigen, die sich Gerechtigkeit nicht erkaufen können durch Richter und Rechtsanwälte, sondern angewiesen sind auf die Hilfe anderer. Die Gerechtigkeit Gottes geht in den meisten Fällen nicht von den Reichen aus. Sondern sie sucht ihren Weg vom Volk aus. Sie entwickelt sich also von unten nach oben.

Soziale Religion geschieht nicht durch die Reichen und Mächtigen. Die sind ihrem Reichtum verpflichtet. Und sie kümmern sich wenig um die Bedürftigen, wenn sie nicht selber betroffen sind. Soziale Religion wird an der Basis gelebt. Dabei sind wir als Einzelpersonen und als Kirche gemeint. Eine Kirche, die sich um sich selber dreht, ist keine Kirche. Ebenso ist es mit uns als Einzelpersonen. Die Beziehung auf Gegenseitigkeit ist für unser Seelenheil unentbehrlich. In der Qualität meiner Beziehung zu anderen, eröffnet sich auch die Qualität meiner Beziehung zu Gott. Die Beziehung zu anderen ist wichtig um auch die Beziehung zu Gott zu gestalten. 

Dabei geht es nicht um die Frage, was ich für andere tue. Sondern wie ich mich auf andere beziehe. Jesus hat das eindrücklich formuliert: „was du willst das dir die anderen tun sollen, das tue du ihnen!“

Dabei geschieht etwas wunderbares. Ich verändere mich! Ich verändere mich in der Beziehung zu den Menschen. Ich verändere mich in der Beziehung zu Gott. Mein Herz wird weicher. Die Not der Anderen fängt an, mich zu berühren. Ich kann nicht mehr an ihnen achtlos vorbeigehen, wie früher. Ich suche mit den Betroffenen nach Lösungen. Und ich möchte mit ihnen die bestehenden Ursachen überwinden. Dabei kommt mir Jesus ganz nahe. »Was du für einen der Geringsten getan hast, hast du für mich getan.« Ich schaue im Gegenüber direkt in Gottes Angesicht. 

Darin ist uns der Himmel nahe, wie Johannes es ausdrückt. Das Himmelreich ist in uns. Es geht von unserem Herzen aus in die Welt. Himmelreich und Weltreich darf nicht getrennt werden. Es ist eins. Es gehört zusammen. Alles zusammen ist das Reich Gottes. Das Werk Gottes ist alles Geschaffene. Alles, Himmel und Erde, Natur, Ökonomie, Politik, Justiz, Finanzwesen, Gemeinwesen, Gemeinschaften aller Art und in jeder gerechten Weise. Ohne Limit!

Das geht weit über die konfessionellen Grenzen der Kirchen hinaus. Überall, wo sich Menschen für mehr Gerechtigkeit einsetzen ist Gott gegenwärtig. Gott hat sein Werk mit einem starken Bezug auf Gerechtigkeit aufgebaut. Sie ist wie der Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuert. Ich erinnere mich an das köstliche Brot bei unserem Mittagessen letzten Sonntag. Die Suppentöpfe waren leer, aber es war noch etwas Brot da. Und ich habe noch zwei Scheiben nachgegessen, weil es so gut geschmeckt hat. 

So ist es auch mit der Gerechtigkeit. Sie schmeckt köstlich. Wo man Miteinander umgeht, wo man einander beisteht, wo man miteinander teilt und zwar in allen Facetten des Lebens, da wird die Welt verändert. Da hat Leben Bestand. 

Ich komme zum Schluss.
Klimaaktivismus finde ich wichtig und es braucht unbedingt ein Umdenken und entsprechende Handlungsweisen, damit Gottes Schöpfung bewahrt wird. Es liegt in unserer aller natürlichen Verantwortung, dass wir unser Augenmerk auf die Vermeidung von Plastikmüll und die Reduktion des CO2-Ausstosses u.v.a.m. lenken. Allein wegen der Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder.

Der Ruf des Johannes zur Umkehr gilt aber darüber hinaus mir persönlich und meiner Einstellung zum Evangelium Jesu Christi. Und die Frage ist, auf welche Seite mich Christus stellen wird, wenn mein Leben abgeschlossen ist und ich vor ihm stehe. Ich strebe nach der Seite seiner Rechten und hoffe dass er einst sagen wird (Mt.25,34-36): “Komm’ her du gesegneter meines Vaters, ererbe das Reich, das dir bereitet ist. Denn ich bin hungrig gewesen und du hast mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und du hast mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und du hast mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und du hast mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und du hast mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und du bist zu mir gekommen.“

Amen