18. Januar 2020

Gottesdienst am 29. Dezember 2019

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Wofür steht Jesus?       Matthäus 2, 13-23

Liebe Gemeinde, ich gebe zu, der heutige Predigttext aus dem Matthäusevangelium ist gelinde gesagt schockierend und nach Weihnachten fast wie eine kalte Dusche mitten am Tag. Während daheim noch die Weihnachtsbäckerei, das gute Essen und der Tannenbaum einen betörenden Duft verströmen, holt uns der heutige Text unsanft auf den Boden der Wirklichkeit zurück.

Die ganze Geschichte hat in mir die Frage laut werden lassen: Wofür steht eigentlich Jesus? 

Für mich wird diese Frage durch das Gehörte aufgeworfen und ich werde versuchen dies in dieser Predigt zu entwickeln.

Natürlich haben wir auch zu Weihnachten schon gehört, gewusst oder gesehen, dass Jesus nicht in reiche Verhältnisse hineingeboren wurde, sondern in einem Stall zur Welt kommt und in einer Futterkrippe seine ersten Lebensstunden verbracht hat. Aber irgendwie hatten bei Lukas die Hirten, und bei Matthäus eben die Sterndeuter, doch einen gewissen Glanz in diesen armseligen Stall gebracht. Indem die Hirten von der Verheißung der Engel erzählen und die Sterndeuter ihre Geschenke ausbreiten, scheint doch etwas Licht und Gloria in die Hütte gekommen zu sein. 

Etwas Glanz und etwas Hoffnung. Etwas Licht und etwas Friede. Etwas Weihnachtsfrieden.

Aber jetzt ist schlagartig alles anders. Ein Engel erscheint Josef im Traum und verkündet drohendes Unheil: „Herodes wird dieses Kind suchen lassen, weil er es umbringen will.“

Daraufhin steht Josef mitten in der Nacht auf und flieht. Er zögert keine Sekunde. Kaum angekommen geht es schon wieder los. Der heiligen Familie ist keine Pause vergönnt. Keine Fest- und Feiertage.

Kaum auf der Welt rennen sie um ihr Leben hinein in eine ungewisse, unbestimmte Zukunft: „Bleib dort, bis ich dir neue Anweisungen gebe.“ sagt der Engel. 

Gerade dieser Satz hat mich doch sehr an die Situation der vielen geflüchteten Menschen erinnert, die bang auf die Entscheidung in ihrem Asylverfahren warten. Keine Zeitangabe. Keine klare Aussicht. Kein: „Ich halte dich auf dem Laufenden. Ich melde mich nächste Woche.“

Ich habe versucht ein bischen zu recherchieren und von dem was ich gelessen habe kann man von ein bis drei Jahren ausgehen, die Jesus mit seiner Familie in Ägypten war. Jesus dürfte irgenwann zwischen 7 und 4 vor Christus geboren worden sein und der Tod des Herodes wird um 4 vor Christus beschrieben. 

Ein bis drei Jahre in der Warteschleife, so wie unsere Asylwerber heute auch. Kommt der Brief vom Verwaltungsgerichtshof? Wann kommt er? Wann kommt der Engel wieder?

Und während sie am Weg nach Ägypten sind, bricht über Betlehem und Umgebung die Katastrophe herein: Herodes ist außer sich vor Zorn und schickt seine Leute aus, um jeden Sohn im Alter von zwei Jahren und darunter zu töten. Kindermord. Alle diese Babys und Kleinkinder werden liquidiert.

Ich muss zugeben, dieser Teil der heutigen Lesung hat mich am stärksten getroffen.

Ich finde den Glauben des Josef auch sehr beeindruckend, wie er ohne Zweifel und ohne Zögern den Anweisungen der Engel folgt. Wie er bereit ist zu glauben und wirklich auch zu handeln, indem er Maria annimmt oder nach Ägypten aufbricht. Aber was weiß ich schon von einem Engel der einem im Traum erscheint. Ich persönlich habe hier keine Erfahrungswerte. Vielleicht ist so eine Erscheinung so unmißverständlich und klar, dass man sie nicht in Zweifel ziehen kann und handeln muss.

Deswegen bleibe ich heute lieber bei meinem Hauptthema, für was Jesus eigentlich steht. Wofür Jesus für mich steht.

Jesus steht für mich – wieder einmal und immer öfter in meinem Leben – besonders aber in dieser Geschichte, für die Überwindung von Gewalt in Form von Mord und Totschlag.

Ich habe vor wenigen Sätzen gesagt, dass mich dieser Teil, der Kindermord von Betlehem, am meisten getroffen hat. Es trifft mich, wenn ein Mensch, diesmal Herodes, unschuldige Menschen  hinrichten lässt. Einfach so, weil er selbst zornig ist. Weil er Angst hat. Vorallem aber, weil er die Macht hat. Herodes hat die Macht so einen Mord zu veranlassen.

Und was mich wirklich schon lange beschäftigt ist die Frage: Wie kann so etwas eigentlich geschehen? Herodes ist ja kein Einzelfall, das geschieht doch ständig in unserer Menschheitsgeschichte und in unserer Gegenwart, dass irgendwer irgendjemand anderen umbringt oder umbringen will. Ich frage mich, woher kommt eigentlich dieser Vernichtungsgedanke? Warum kann man nicht einfach diskutieren, anderer Meinung sein und einen Menschen als Gottes Geschöpf wahrnehmen? Ein Mensch, ein Geschöpf Gottes genauso geliebt und gewollt, wie ich selbst es bin.

Ich habe in den letzten Tagen ein Buch von Kurt Marti gelesen, „die gesellige Gottheit“ heißt es und in diesem Buch nähert sich Marti vielen dieser grundlegenden Fragen in Poesieform an. 

Ein wirklich bemerkenswerter Ansatz, denn er schreibt keine theologischen Aufsätze und keine gut begründeten, auf diesen oder jenen Theologen bezug nehmenden Kommentare, bei denen man sofort müde wird, sondern er fasst seine Gedanken kurz und präzise in einfachen Sätzen zusammen.

Passend zu meiner Frage nach dem warum, also warum Menschen zu solchen Grausamkeiten neigen schreibt Marti: „so grenzenlos grausam, wie Menschen, sind Tiere niemals.“

Das ist keine direkte Antwort, aber das ist auch nicht die Absicht von Kurt Marti. Seine Zeilen regen an, Schwieriges zu denken und in ein neues Licht zu rücken. 

Sieh an unsere Mitgeschöpfe hier auf unserem Planeten habe ich mir gedacht. Vielleicht sollten wir genauer hinschauen und vielleicht können wir etwas lernen von den Tieren. Was machen die Tiere anders, als die Menschen?

Tiere brauchen kein Geld. Tiere töten nicht für Macht. Tiere haben keine Ideologien.

Mir ist ja im Nachdenken über dieses Warum des Herodes auch gleich die Geschichte von Jesus in Nazaret eingefallen. Jesus, der in seiner Heimatstadt in die Synagoge geht, vorliest und den dortigen Synagogenbesuchern diese Zeilen auslegt. Worauf alle Leute in der Synagoge die Wut packt und sie Jesus an den Abhang des Hügels, auf den ihre Stadt gebaut ist, zerren, um ihn hinabzustürzen. Weil Jesus etwas gesagt hat. Weil er etwas gesagt hat, was den Menschen nicht in ihren Kram passt. Weil Jesus etwas gesagt hat, was den Menschen nicht in ihren Kram passt, muss er sofort umgebracht werden. Hallo?

Das ist doch nicht normal. Das darf doch bitte nicht normal sein. 

Herodes und ihr Leute aus Nazaret, fällt euch denn nichts anderes ein? Ist das eure einzigste Handlungsoption?

Dieser „Umbringreflex“ macht mir wirklich zu schaffen. Der religiöse oder ideologische Umbringreflex, der auch Jesus schlussendlich das Leben kosten wird. „Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetz muss er sterben, weil er behauptet hat, er sei Gottes Sohn.“ (Joh 19, 7)

Noch heute wird im Namen von Religionen getötet. Wenn ich heute in Afghanistan erzähle, dass ich Christ geworden bin, obwohl ich früher Muslim war, dann wird man mich töten. Wenn man aktuell in Indien sagt, dass man Muslim ist, dann kann das schwerwiegende Konsequenzen haben. Immer wieder werden Minderheiten unterdrückt. Immer wieder geht es um Macht und wer sich durchsetzt und stärker ist.

Wofür aber steht Jesus?

Jesus steht für mich im Kontext all dieser Geschichten für die Überwindung von Gewalt durch den Verzicht auf Gewalt. Jesus erduldet die Gewalt und stellt sich ihr nicht entgegen. Als der Unbewaffnete angegriffen wird und ein Jünger ihn mit dem Schwert verteidigen will, heilt Jesus den Verletzten und tadelt die Seinen: „Wer zur Waffe greift wird durch die Waffe umkommen.“ (Mat 26, 52) Angesichts einer solch grausamen Geschichte, wie dem Kindermord in Betlehem, wird man den Einsatz von Gewalt diskutieren können, aber ich glaube es nicht mehr. Ich glaube nicht mehr, dass Gewalt mit Gegengewalt zu begegnen ist.

Ich glaube vielmehr, dass die Frauen, genauer die Hebammen, Recht haben. 

Nicht ohne Grund hat Matthäus diese Geschichte in Anlehnung an die Mosesgeschichte in sein Evangelium integriert. So wie Jesus war auch Moses vom Tode bedroht, als er noch ein Baby war. Der Pharao wollte, dass die jüdischen Hebammen alle Knaben sterben lassen sollten. Aber diese fürchteten Gott und haben es einfach nicht getan. Sie haben es nicht getan, sie haben den Tötungsbefehl verweigert, sie sind nicht ausgezogen, um alle Söhne unter 2 Jahren umzubringen. Die Hebammen so heißt es: „ließen die Kinder am Leben.“ (Ex 1, 17)

Was bleibt?

Die Geschichte vom Kindermord in Betlehem ist für mich ein Weckruf.

Passt auf, schaut genau hin, überlegt wie ihr handelt. 

Zu diesem Handeln gehört auch, welches Handeln wir von Machthabenden einfordern. 

Unseren gewählten Machthabern und den Machthabern dieser Welt.

Und es geht ums Lernen.

Lernen wie man friedfertig lebt.

Lernen von guten Vorbildern.

Von den Tieren.

Von den Hebammen.

Und vor allem, von Jesus.

Amen