26. Februar 2020

Gottesdienst am 12. Jänner 2020

Predigt: Frank Moritz-Jauk

English

Ich glaube, hilf meinem Unglauben       Markus 9, 14-26a

Liebe Gemeinde, wir haben heute den ganzen Text rund um die heurige Jahreslosung gehört. Wie ein Vater mit seinem kranken Sohn zu Jesus kommt, dem die Jünger nicht weiterhelfen konnten und wie Jesus diesen Sohn heilt. 

Jesus heilt den Sohn, aber er zeigt in ungewohnter, heftiger Form seine Gefühle. Heute würden wir vielleicht sagen, Jesus ist genervt. Oder sogar, es zipft ihn an. Was soll das heißen „wenn es dir möglich ist“ fährt er den Vater an. „Für den, der glaubt, ist alles möglich.“

Man hört fast ein „wenn du nicht glaubst, dass ich dir helfen kann, warum kommst du dann zu mir“ heraus. Und der Vater scheint das zu spüren. Er spürt, dass es eng wird und Jesus sich auch umdrehen und weggehen könnte, denn er ruft, laut und wahrscheinlich schon recht verzweifelt: „Ich glaube! Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!“

Das ist unsere Jahreslosung für 2020: „Ich glaube! Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!“

Eigentlich müsste es „ich will ja glauben, aber ich kann nicht“ heißen.

Eigentlich wird hier ein Glaube angesprochen, der nicht vollständig loslassen kann.

Ein Glaube, der nicht vertraut.

Das, liebe Gemeinde, geht aber nicht zusammen. Nicht umsonst werden Glauben und Vertrauen als zwei sehr verwandte, sehr ähnliche Worte verwendet. Ich glaube, heißt ich vertraue.

Wenn ich hier auf diesem Tisch stehe, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Ich lasse mich fallen, weil ich vertraue, dass ich aufgefangen werde oder vertraue nicht und dann lasse ich mich auch nicht fallen. In dem Moment, wo die Schwerkraft zu wirken beginnt, zieht es mich Richtung Fußboden und ohne die auffangenden Hände wird es eine sehr schmerzhafte Erfahrung für den Hinterkopf. Aber ich kann meinen Auffängerinnen und Auffängern auch trauen. Und die Erfahrung machen, dass ich aufgefangen werde. Diese Erfahrung mache ich aber nur, wenn ich mich fallen lasse. Wenn ich mich nicht fallen lasse, werde ich auch nicht die Erfahrung des Aufgefangen werdens machen. So ist es auch mit dem Glauben. Ich kann keine Gotteserfahrung machen, wenn ich Gott nicht vertraue.

Meistens jedenfalls. Natürlich gibt es auch einen Mose, dem Gott im brennenden Dornbusch begegnet. Aber in der Regel braucht es ein Einlassen auf Gottes Wirken.

Und so höre ich auch den Aufschrei des Vaters: Ich will ja glauben! Hilf mir, Gott, auch wirklich zu vertrauen.

Ganz konkret könnte das bedeuten:

Ich glaube, dass Gott mich annimmt und liebt, so wie ich bin. Das habe ich gelesen oder gehört oder beides und das möchte ich gerne glauben. 

Aber mein Unglaube mischt diese wunderbare Zusage mit menschlichen Maßstäben: Liebt Gott mich wirklich so, wie ich bin? Bin ich denn fromm genug, bete ich oft genug, gehe ich oft genug in den Gottesdienst? Wie schaut es mit meinen bösen Gedanken aus, kann Gott jemanden lieben, der auch manchmal niederträchtig ist? Niederträchtig und gemein? So jemand kann Gott doch nicht lieben oder doch?

Hilf meinem Unglauben könnte hier heißen: Ich Gott, unterscheide zwischen Sünde und Sünderin. Ich unterscheide zwischen böser Tat und dem echten Menschen. Gott sagt, ich habe dich erschaffen und liebe dich bedingungslos auch wenn du Dinge tust, die mir nicht gefallen. Aber bring diese Dinge zu mir im Gebet und lass dich befreien von ihrer zerstörerischen, meine Liebe in Frage stellenden Kraft. Denn wenn du bereust, also wenn es dir leid tut, dann vergebe ich dir.

Oder ein anderes Beispiel:

Ich glaube, dass alle unsere Gebete eine Wirkung hervorrufen. Kein Gebet ist umsonst, kein Gebet bewirkt nichts. Ich glaube, dass Gott immer etwas macht, weil er unsere Bitten hört. Bittet, so wird euch gegeben – das hat Gott zugesagt.

Hilf meinem Unglauben, könnte bedeuten, dass ich nicht nur eine, einzige Gebetserhörung sehe. Wenn ich beispielsweise um Heilung von einer bestimmten Krankheit bete. Dann ist es doch oft so, dass ich glaube, dass nur wenn derjenige Mensch, für den ich gebetet habe gesund wird, nur dann wurde mein Gebet von Gott erhört. 

Das ist aber nur eine Möglichkeit von vielen Möglichkeiten.

Kann eine Wirkung meines Gebets nicht auch sein, dass ich selbst getröstet werde? Oder dass der Mensch für den ich bete wieder Hoffnung bekommt? Oder dass er vor schlimmeren Schmerzen bewahrt wurde? Oder dass er in Frieden sterben konnte?

Warum sollte ich den Schöpfer des Universums auf eine einzige Möglichkeit reduzieren, wie er mit meinem Gebet umgeht?

Und noch ein letztes Beispiel:

Ich glaube dass es gut ist, mich mit Gott zu verbinden. Alle Aufgaben gemeinsam mit Gott zu tun. Zu beten und damit zu sagen: Gott ist da. „Wer in mir bleibt und ich in ihm der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ sagt Jesus. Einfacher gesagt: Es ist gut, mit Jesus verbunden zu sein. Dann wird man nicht so schnell böse. Oder man wird nicht so schnell ungerecht. Oder man kann anders handeln.

Hilf meinem Unglauben kann mich davor bewahren, zu denken, es ist doch wurscht, ob ich bete. Zu denken, Gott hört mich eh nicht. Zu denken, Gott ist nicht immer da, sondern nur manchmal oder nur in der Kirche. Dass wir Gott nicht immer gleich oder gleich intensiv spüren können – das, würde ich sagen, ist normal. Der Glaube an Gott ist nicht immer gleich. Aber wenn Gott uns beim Glauben hilft, dann bekommt unser Glaube mehr Sicherheit. Wir verlassen uns auf Gott, wir trauen ihm. Wir wissen, dass Gott da ist.

Wenn ich so auf unsere Jahreslosung schaue, dann ist sie wirklich sehr konkret:

Ich möchte glauben, Gott! 

Hilf mir, dir mehr und mehr zu vertrauen! 

Mich fallen lassen zu können, in deine fangenden, mich tragenden Hände.

Amen