26. Februar 2020

Gottesdienst am 26. Jänner 2020

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Einheit     1. Korintherbrief 1, 10-18

Liebe Gemeinde, wir haben heute in der ersten Lesung einen Text gehört, den Paulus einst den Geschwistern in Korinth geschrieben hat und der sie an die Wahrung der Einheit erinnern soll. Zugegeben, der Text enthält auch die berühmte Stelle von der Botschaft des Kreuzes, aber ich möchte heute bei der Einheit bleiben. Schließlich markiert dieser Sonntag ja das Ende der alljährlich stattfindenden Gebetswoche für die Einheit der Christen.

Während dieser Gebetswoche kommen weltweit Christen aus unterschiedlichen Konfessionen zusammen, um gemeinsam für die Einheit der Christenheit zu beten. Inhaltlich ist die diesjährige Gebetswoche dem Thema Flucht und Migration gewidmet gewesen. Das internationale Leitthema der Woche war dem Buch der Apostelgeschichte entnommen: „Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich“. (Apg 28,2) Es bezog sich darauf, wie der Apostel Paulus und seine Mitreisenden Schiffbruch auf Malta erleiden und von der einheimischen Bevölkerung gastfreundlich aufgenommen und versorgt werden. Die Texte für die Gebetswoche kamen heuer dementsprechend aus Malta. Die römisch-katholische Bischofskonferenz hat sie in Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Malta erarbeitet. Es ist tatsächlich so, dass die maltesischen Christen in dieser Geschichte die Wurzeln des christlichen Glaubens und der christlichen Gemeinde auf ihrer Insel sehen. Daran wird jedes Jahr am 10. Jänner mit einem eigenen Festtag erinnert.

Diese Texte und die dazugehörende Liturgie lagen den ökumenischen Gottesdiensten in Lieboch und Leibnitz zu Grunde, an denen wir als Evangelisch-methodistische Kirche in Graz teilgenommen haben.

Leider müssen wir feststellen, dass der Weg zur Einheit ein steiniger, schwieriger Weg ist. Ich weiß nicht, wer von euch schon die letzten Entwicklungen unserer Kirche im Internet mitverfolgt hat, aber unsere eigene Kirche, die United Methodist Church, steht auch vor einer Teilung. Nachdem die außerordentliche Generalkonferenz Anfang 2019 sich mit knapper Mehrheit gegen den Vorschlag der Bischöfe entschieden hatte, die Entscheidung über den Umgang mit Fragen der Homosexualität den nationalen Zentralkonferenzen zu überlassen, hat eine internationale Arbeitsgruppe jetzt konkrete Vorschläge für eine respektvolle Teilung der Kirche vorgelegt.

Einerseits muss ich als evangelisch-methodistischer Pastor in Österreich froh sein, dass sich die Traditionalisten jetzt abspalten und eine neue Kirche als „New traditionalist Methodist denomination“ gründen werden und anderseits bleibt die frustrierende Erfahrung des Scheiterns. Es ist nicht gelungen, die Einheit zu wahren. Warum eigentlich nicht?

Ich denke, hier lohnt es sich, nochmal die Mahnung des Paulus zu hören, wenn er schreibt: „Geschwister, im Namen von Jesus Christus, unserem Herrn, fordere ich euch alle auf, eins zu sein. Redet so, dass eure Worte euch nicht gegeneinander aufbringen und lasst es nicht zu Spaltungen unter euch kommen. Seid vielmehr ganz auf dasselbe Ziel ausgerichtet und haltet in völliger Übereinstimmung zusammen.“

Für mich sind hier zwei ganz entscheidende Hinweise enthalten, die für die Einheit unverzichtbar sind: Kommunikation und Ziel.

Paulus sagt: „Redet so, dass eure Worte euch nicht gegeneinander aufbringen.“ Das ist Kommunikation. Aber eben nicht nur in der Art, dass es auf die Wahl der Worte ankommt. Jede und jeder, der sich schon ein wenig näher mit Kommunikation auseinander gesetzt hat, kennt das 4 Ohren Modell von Friedemann Schulz von Thun. Zumindest, wenn er oder sie deutschsprachige Bildungsangebote wahrgenommen hat. Ich bin mir sicher, dass die Weisheit, die hier angesprochen wird, auch in afrikanischen oder asiatischen Kulturen bekannt ist. Diese Weisheit besagt, dass es nicht nur auf das Wort ankommt, das ausgesprochen wird, sondern auch darauf, wie dieses Wort gehört wird. Ein ganz einfacher Satz, wie zum Beispiel „Ich mag dich“, also nur drei Worte, kann ganz unterschiedlich gehört werden. Dieser einfache Satz kann eine ganze Bandbreite von Gefühlen auslösen, die vielleicht beabsichtigt, vielleicht aber auch nicht beabsichtigt waren.

Dieser einfache Satz kann Zustimmung auslösen, nach der Art „oh, das ist aber nett, dass du mir das sagst.“ Oder er kann Zweifel wecken, so wie „warum sagst du mir das jetzt, war das dumm, was ich gerade gesagt habe?“ Oder er kann Ablehnung hervorrufen „Hej, wir wollen bitte sachlich bleiben. Es geht hier gerade darum, wer von uns Einkaufen geht und wer die Wäsche aufhängt, ok?“

Was ich damit in Bezug auf die Einheit sagen will, ist, dass es schon auf die Worte ankommt, aber eben nicht nur. Es kommt auch auf die Haltung an, das heisst auf die Art, wie wir einander sehen wollen. Wenn ich jemanden nicht mag, dann kann der tausend nette Worte sagen, es wird nichts nützen. Ich denke, dies lässt sich ohne weiteres auf unser Miteinander hier in der Gemeinde umlegen, wenn es beispielsweise um Verletzungen geht. 

Verletzungen, Kränkungen, Beleidigungen – alles sehr persönliche, die jeweils eigene Person betreffende Gefühle. Gefühle, die wir manchmal garnicht bewusst wahrnehmen, sondern einfach fühlen, ohne dass wir darüber nachdenken. 

Aber für ein gelingendes Miteinander, für einen Umgang, wo wir uns „nicht gegeneinander aufbringen“ lassen, braucht es Wohlwollen.

Wohlwollen ist vielleicht ein etwas sperriges Wort in den Ohren von Menschen, die nicht mit deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, aber es bezieht sich auf eine Haltung. Jemandem wohl gesinnt zu sein, es wohl mit ihm zu wollen, bedeutet, dass man es gut mit mir meint. 

„Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich“ war die Bibelstelle, die der Gebetswoche zur Einheit der Christen zu Grunde lag. Das kann nur gelingen, wenn wir grundsätzlich davon ausgehen, dass wir es gut miteinander meinen.

Gerade was die Einheit unter uns Christen betrifft, lassen sich mit Wohlwollen viele alltägliche Situationen meistern. Letzte Woche hatte ich einen Termin in der Stadtpfarrkirche. Ich wollte mir anschauen, wie das mit den Mikrophonen funktioniert. Und wie ich so vom Pfarramt gemeinsam mit Christian Leibnitz dem Stadtpfarrprobst hinüber in die Kirche gehe, verneigt sich dieser vor jedem Altar. Bleibt stehen und verneigt sich, obwohl wir doch einen Mikrophontermin hatten. Als gestandener evangelischer Christ war ich ordentlich irritiert, heißt es nicht in der Schrift du sollst dir kein Bildnis machen? Was macht der Mann also da, das war mein Gefühl. Aber mit Wohlwollen, lässt sich dieses Gefühl der Fremdheit umwandeln in ein Gefühl der Akzeptanz. Weil dieser viel mächtigere Mann trotzdem mein Bruder ist, kann ich ihn und seine Frömmigkeit so stehen lassen und muss nicht innerlich urteilen.

Damit komme ich jetzt auch noch zu meinem zweiten Punkt, nämlich dem Ziel. 

Paulus hat geschrieben, dass wir auf dasselbe Ziel ausgerichtet sein sollen und das finde ich eben auch einen sehr guten Hinweis auf unsere christliche Einheit.

Anstatt uns zu spalten, wegen völligen Nebensächlichkeiten wie der menschlichen Sexualität, sollten wir das Ziel oder die wichtigen Ziele im Auge behalten.

Was könnte das sein, was ist eigentlich unser gemeinsames Ziel oder unsere gemeinsamen Ziele?

Für mich ist die Verkündigung des Evangeliums ein gemeinsames Ziel. Die Verbreitung der frohen Botschaft. Und was ist diese Botschaft? Das Gott uns zuerst geliebt hat und wir deswegen in der Lage sind, ihn, Gott, zu lieben.

In einer Welt, die Gottes Existenz nicht wahr haben will und in einer Zeit in der Menschen glauben, es auch alleine schaffen zu können scheint mir diese Botschaft doch im Vordergrund zu stehen. Vor den Regeln und Verhaltensweisen steht die Wahrnehmung Gottes als eines Erlösers, der eine persönliche, liebevolle Beziehung mit uns Menschen haben möchte.

Ich glaube, dass Paulus völlig recht hat, wenn er das gemeinsame Ziel in den Vordergrund stellt. Wenn wir uns eher am Ziel und nicht an den Unterschieden orientieren, dann wird uns die Einheit untereinander leichter fallen.

Warum verschwenden wir soviel Energie und Leidenschaft in solch ein Randthema wie die menschliche Sexualität? Weil wir die großen Ziele der Verkündigung schon alle erreicht haben?

Das wird niemand ernsthaft behaupten können.

Vielmehr ist es doch so, dass wir Menschen, wir Christinnen und Christen, wir methodistischen Christinnen und Christen über andere Menschen urteilen wollen, obwohl das Urteil garnicht in unserer Hand liegt. Niemand von uns wird entscheiden, ob ein Mensch von Gott angenommen wird. Das ist überhaupt nicht unsere Aufgabe. Das ist allein Gottes Sache.

Und wie reagiert Gott, in Gestalt von Jesus, als man die auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin vor ihn bringt? Schau her Jesus, hier ist es, schwarz auf weiß, Mose hat gesagt, dass wir solche Frauen steinigen sollen. Was sagst du dazu?

Was sagst du dazu, dass jemand homosexuell ist? Oder lesbisch? Oder sonst was? Los, Jesus, was sagst du dazu? Jesus sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Und nachdem alle beschämt gegangen sind und er allein mit der Frau ist, sagt Jesus: „Ich verurteile dich auch nicht; du darfst gehen. Sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,3-11)

Wir Menschen brauchen überhaupt nicht zu urteilen, es genügt völlig, einander zu lieben.

Das wünsche ich mir für die Einheit unter uns. Im kleinen Kontext der Gemeinde wie wir wohlwollend miteinander umgehen, sowie im großen Kontext der verschiedenen Konfessionen, dass wir wohlwollend und das Ziel vor Augen habend unseren Glauben leben.

Amen