26. Februar 2020

Gottesdienst am 2. Februar 2020

Predigt: Esther Handschin

English

zu Micha 6,1-8

GESPRÄCH MIT DEN KINDERN

Fragen heute Erwachsene immer noch:

Was möchtest du einmal werden, wenn du groß bist?

Und, wisst ihr schon, was ihr werden wollt?

Manche wissen das schon früh: Ich will zur Feuerwehr!

Und andere haben ein Studium hinter sich und wissen es immer noch nicht.

Manche sagen auch: Ich geh AMS.

Wie ist der Weg dahin?

Wenn man ins Teenageralter kommt, dann möchte man sich abnabeln von den Eltern. Aber diese Eltern sind manchmal schwierig. Sie möchten, dass man nicht alleine fortgeht. Dass man rechtzeitig nach Hause kommt. Sie wollen immer wissen, wo man ist und mit wem.

Und wenn man nicht recht dankbar ist, dann gibt es jede Menge Vorwürfe: Was habe ich dir getan? Womit bin ich dir zur Last gefallen? Siehst du nicht, was ich für dich getan habe? Wie ich dir Gutes erwiesen habe? Hast du die Zeit vergessen, wo ich dich gefüttert, gewickelt, groß gezogen habe, wo ich dir die Hand führte, wenn du zu fallen drohtest? Wo ich dich beschützt und behütet habe, als du noch klein warst?

Die Zeit als Teenager ist nicht einfach, aber sie ist wichtig: Eure Aufgabe als Teenager ist es, euren eigenen Weg zu finden, der zu euch passt.

Und die Aufgabe der Eltern in dieser Zeit ist es, Vertrauen in euch zu haben, dass ihr euren Weg finden und machen werdet. Und euch loslassen, in Gottes Obhut loszulassen.

EINFÜHRUNG IN DIE LESUNG

Es ist eine Art Zwiegespräch zwischen Gott und seinem Volk, das hier geführt wird. Nach allem was Gott sagt, scheint er mir in dieser Elternrolle zu sein. Er macht dem Volk Vorwürfe, dass es undankbar ist und sich nicht daran erinnert, was Gott alles getan hat.

Das Volk wiederum kennt sich nicht recht aus. Was will Gott von uns? Wie sollen wir ihm die Dankbarkeit zeigen? Will er, dass wir ihm Opfer darbringen.

Und dann ist da noch der Prophet Micha. Am Schluss des Gespräch zeigt er eine Alternative auf, was Gott von uns Menschen will: Keine Opfer oder religiösen Leistungen, sondern sich an Gottes Wort orientieren, zum Wohl der Mitmenschen und zur Ehre Gottes.

ANSPRACHE

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ So hat Martin Luther die Worte des Propheten Micha übersetzt. Nicht der Kult, nicht eine überaktive Frömmigkeit, nicht Opfer und Geschenke können die Antwort auf Gottes Güte sein. Es geht vielmehr um die Lebensführung, also darum wie ich konkret im Alltag handle, was ich tue, auch anderen Menschen gegenüber. Damit können wir Gott entsprechend auf seine Güte antworten. Was bedeutet nun dieser Dreischritt „Gottes Wort halten“ (oder wörtlicher „das Recht tun“), „Liebe üben“ (oder wieder wörtlicher „die Haltung der liebevollen Zuwendung einüben“) und „demütig sein vor Gott“ (oder wörtlicher „dein Leben so führen, dass es vor Gott bestehen kann“)?

Erstens: Gottes Wort halten, so übersetzt Martin Luther. Etwas näher am Text müsste man sagen: Recht tun, d.h. so handeln, dass Gemeinschaft möglich wird und möglich bleibt. Es geht nicht um ein genaues Erfüllen aller Vorschriften, um ein peinliches darauf Achten, dass mir ja kein Fehler unterläuft, was meine Beziehung zu Gott betrifft. Recht tun, das heißt so zu handeln, dass der Friede und das Wohlergehen, die es in jeder Gemeinschaft braucht, nicht beeinträchtigt werden. Dabei darf ich mir aber immer in Erinnerung rufen, dass Gott derjenige ist, der mich in all meinem Scheitern an diesem Recht tun, gerecht spricht. Denn oft genug im Leben stecke ich beim „Recht tun“ in einem Dilemma: Weder das eine noch das andere erweist sich als richtig. Was auch immer ich tue, es wird dadurch jemand beeinträchtigt oder kommt zu Schaden. Anders gesagt: Leben wird auf Kosten von anderem Leben gelebt. Dem entkommen wir nicht. Wir werden immer wieder aneinander schuldig, auch wenn wir es möglichst versuchen zu vermeiden. Darum gehört zum „Recht tun“ auch das Wissen darum, dass ich dabei scheitern kann. Aber wo ich es mit aufrichtigem Herzen tue, da ist auch Reue möglich, wenn es schief läuft. Und wo Reue ist, da gibt es auch Versöhnung und Wiederherstellung des Friedens, des Schalom.

Zweitens: Liebe üben. Wiederum etwas näher am hebräischen Text könnte man übersetzen: „die Haltung der liebevollen Zuwendung einüben“. Lieben kann man nicht einfach. Lieben muss man üben, besonders bei den Menschen, die einem nicht sympathisch sind. „Liebe üben“, das heißt nicht, durch möglichst hohen persönlichen Einsatz Gottes Gnade und Zuwendung erlangen und ihm auf diese Weise auf seine Güte zu antworten. Liebe üben, das beginnt damit, dass ich mich selbst als ein von Gott geliebtes Wesen erkenne. Wo ich in Gottes Wohltaten seine Güte erkenne und die Dankbarkeit in mir wachsen lasse, da mache ich mir die liebevolle Zuwendung Gottes mir gegenüber bewusst. Wenn ich mich so in der Wahrnehmung von Gottes Liebe übe, dann dringt diese Liebe durch mich hindurch auch zu anderen Menschen und ich übe die Liebe an ihnen aus.

Drittens: Demütig sein vor deinem Gott, so sagt es Martin Luther. Hier fällt ein wörtliches Übersetzen schwer, denn das hebräische Wort kommt nur an dieser Stelle in der Bibel vor. Vielleicht könnte man so sagen: In Ehrfurcht den Weg mit Gott gehen. Ehrfurcht bedeutet nicht, dass ich mich vor Gott fürchten muss. Es geht mehr um meine Haltung und wie ich Gott begegne. In Ehrfurcht mit Gott unterwegs sein, eine demütige Haltung ihm gegenüber einnehmen, das heißt, dass ich angesichts von Gottes Güte ihm seine Hoheit und Größe zugestehe. Viele Menschen belügen nicht nur andere, sie belügen vor allem sich selbst. Sie reden sich ihr gutes Handeln zurecht, auch wenn sie wissen, dass es gar nicht so gut war, was sie getan haben. Sie versuchen, sich und ihr Tun in ein besseres Licht zu rücken. Aber Gott ist Gott und lässt sich nicht hinters Licht führen oder belügen. Darum bekennen wir in einer unserer Abendmahlsliturgien: „Vergib, dass wir Böses getan und es noch beschönigt haben.“ Vor Gott ergeben diese Beschönigungen und Lügenkonstrukte keinen Sinn. Er kennt uns und durchschaut uns. Er lässt sich nicht durch Opfergaben oder schöne Worte an der Nase herum führen. Das soll uns nicht einschüchtern. Zu wissen, dass ich Gott nichts vormachen kann, das birgt auch eine große Entlastung in sich. Bei ihm darf ich sein, wie ich bin. Denn er liebt mich so wie ich bin, gerade auch mit meinen Fehlern.

Der Prophet Micha zeigt uns auf, woraus die Kraft zum Tun des Guten kommt: Aus der Erinnerung an die Güte Gottes und als unsere dankbare Antwort darauf, im Tun des Rechten, in der Einübung der liebevollen Zuwendung und in einer Lebenshaltung der Demut und Ehrfurcht vor Gott. Ich möchte meine Predigt mit einem Spruch von Hannelore Frank aus dem Gesangbuch schließen. Er steht bei der Nummer 324 und lautet: „Ich möchte gern so sein, wie Gott mich haben will, weil er mich so behandelt, als wäre ich schon so.“ Im Erfahren von Gottes Güte wird dieser Spruch Wirklichkeit. Amen.