28. März 2020

Gottesdienst am 16. Februar 2020

Predigt: Frank Moritz-Jauk

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Betroffenheit     Matthäus 5, 21-37

Liebe Gemeinde, ich möchte heute auf den Text aus der Bergpredigt eingehen, den wir aus dem Matthäusevangelium gehört haben. Zunächst einmal wird man festhalten können, dass es ein recht langer Text war. Der sich aber recht einfach gliedern lässt, denn inhaltlich spricht Jesus vom Umgang mit dem Gebot „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen und du sollst kein falsches Zeugnis geben.“ Und ebenfalls sehr auffallend ist die Art, wie Jesus spricht, wie wir ihn in dieser Situation als Lehrenden wahrnehmen.

Ich möchte heute einmal grundsätzlich auf dieses Setting eingehen, welches wir in der gesamten Bergpredigt bei Matthäus vorfinden, um dann auch auf die Botschaften von Jesus eingehen zu können. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Was willst du uns sagen, Jesus? Wie können wir dich heute verstehen?

Nachdem sich die Laien mit den Pastorinnen und Pastoren nächsten Samstag in Linz treffen werden, um noch einmal über das Thema der vergangenen Jährlichen Konferenz „What to teach“ in Graz zu reflektieren, erscheint mir dieser heutige Text auch geeignet, um auf das kommende Thema der nächsten Jährlichen Konferenz „How to teach“ in Salzburg eingehen zu können. Was sollen wir lehren und wie sollen wir lehren, das sind die beiden Fragen, die sehr gut zum heutigen Text passen.

Wenn wir Texte aus dem Matthäusevangelium hören, dann empfiehlt es sich immer wieder, sich in Erinnerung zu rufen, wer Matthäus ist, beziehungsweise, was sein Anliegen ist. Der Evangelist Matthäus ist wie kein anderer Evangelist daran interessiert, eine Brücke zwischen dem Juden Jesus und seinem Volk zu schlagen. Matthäus nimmt damit eine ganz eigene Position innerhalb des Neuen Testamentes ein, für ihn tritt mit Jesus die Tora selbst inmitten Israels in Erscheinung. 

Ganz entscheidend ist hier der Satz, den wir letzten Sonntag gehört haben, unmittelbar vor unserer heutigen Lesung. Jesus sagt, er sei eben nicht gekommen, um das Gesetz außer Kraft zu setzen, sondern um es zu erfüllen. 

Das ist ein ganz anderer Standpunkt, als ihn beispielsweise Paulus einnimmt. Für Paulus ist es eher so, dass Jesus das Gesetz in der Art neu definiert, als es nach Jesu Auferstehung um den Glauben an Jesus geht. Nach Paulus zeigt das Gesetz auf, dass der Mensch nicht durch seine Taten gerecht werden kann, sondern die Erlösung durch den gekreuzigten und auferstandenen Jesus braucht.

Aber bei Matthäus ist Jesus die Erfüllung des Gesetzes und auf diesem Hintergrund wird die Sprache von Jesus verständlicher. Es wird verständlicher, warum Jesus mit These und Antithese arbeitet. „Euch ist gesagt worden“ als die These auf der einen Seite und „Ich aber sage euch“ als Antithese auf der anderen Seite.

Jesus, so wie er bei Matthäus zu Wort kommt, hat die Vollmacht, das Gesetz auszulegen. Dass Jesus hier mit großer Authorität auftritt und dass dies damals auch angekommen ist, macht der Schlusssatz zur Bergpredigt am Ende des 7. Kapitels deutlich: 

„Als Jesus seine Rede beendet hatte, war die Menge von seiner Lehre tief beeindruckt, denn er lehrte sie nicht wie ihre Schriftgelehrten, sondern mit Vollmacht.“

Und wie geht es uns heute, mit den Auslegungen, den Verschärfungen, die Jesus in Bezug auf die Gebote vornimmt?

Wer zu seinem Bruder sagt: „Du Dummkopf“ der gehört vor den Hohen Rat und wer zu seinem Bruder sagt: „Du Idiot“, oder anders übersetzt „Du gottloser Mensch“, der gehört ins Feuer der Hölle.

Oder wer eine Frau mit begehrlichem Blick ansieht hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen und es wäre besser, wenn er sich das Auge ausreißt, denn es ist besser mit einem Körperteil weniger durchs Leben zu gehen, als unversehrt in die Hölle geworfen zu werden.

Das ist schon recht extrem, was wir hier hören, oder?

Ich möchte an dieser Stelle gestehen, dass diese Bibelstelle meine Lieblingsstelle geworden ist, um auf die Schwierigkeiten einer wortwörtlichen Schriftauslegung hinzuweisen. Also dem Vorwurf von Geschwistern zu begegnen, die meinen, es steht eh alles in der Bibel, man muss nur lesen und danach handeln. Ich frage dann gerne, warum sie mit ihrem wortwörtlichen Verständnis noch beide Augen und beide Hände haben? Wollt ihr mir wirklich ernsthaft weismachen, ihr seid noch von keiner Versuchung berührt worden?

Zugegeben es ist ein wenig fies oder zynisch, aber es berührt für mich wirklich die Frage „Wie sollen wir lehren?“

Und kosequent zu Ende gedacht müsste dann ja jede sündige Handlung, egal ob vom Auge oder von der Hand ausgeführt, den unmittelbaren Selbstmord nach sich ziehen, denn die Schaltzentrale liegt ja ganz woanders. Das Gehirn befiehlt der Hand zu handeln. Und ohne das befehlsgebende Organ, sprich das Gehirn, ist es einfach schwierig mit dem Leben. Reiß dein Gehirn aus – das tun wir Menschen nur einmal.

Das bedeutet für mich in der Folge, dass bei den Reden von Jesus etwas anderes gemeint sein muss. Was könnte das sein?

Ich glaube, Jesus möchte seine Hörerinnen und Hörer darauf hinweisen, dass das Gesetz ursprünglich als lebensspendende Grundlage des Volkes gedacht war. Genau so haben wir es ja auch heute in der ersten Lesung gehört. „Siehe ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute , den Tod und das Böse.“ Haltet meine Gebote, dann wirst du leben, haltet sie nicht, dann wirst du nicht lange im Lande bleiben. Hier wird also diese besondere Verbindung zwischen erwähltem Volk und der Tora angesprochen. Ein sehr nachvollziehbares Anliegen von Matthäus.

Aber auch für uns heute, für uns Nichtjuden, könnten die Auslegungen von Jesus dahingehend gehört werden, dass wir betroffen sind und uns nicht so leicht abputzen können, wie es die angesprochenen Gebote nahelegen könnten.

Es reicht eben nicht, zu sagen, ich habe noch niemals jemanden getötet. Damit erfülle ich das Gebot. Mit dem Hinweis auf die Beschimpfung und Erniedrigung unseres Mitmenschen, unseres Bruders oder unserer Schwester, verstossen wir gegen das Doppelgebot der Liebe: „Du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst“ oder die goldene Regel „Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern.“ (Mat7,12)

Im übrigen finde ich persönlich es auch gar nicht mehr so klar und einfach, diese Aussage: „Ich habe noch niemanden getötet.“ 

Das mag richtig sein, wenn ich damit ausschließlich den Tod durch meine eigenen Hände verursacht meine, aber wie steht es um die struktuerelle Sünde, in der ich lebe? 

Wieviele Menschen sterben, weil ich mich nicht für Gerechtigkeit unter den Völkern einsetze? Wieviele Menschen leben in bitterer Not, weil meine Kleidung so billig ist? Habe ich als reicher Europäer wirklich nichts mit der Hungersnot in Afrika zu tun?

Das ist natürlich ein weites Feld und es ist schwer zu bearbeiten oder zu verändern, aber strukturelle Sünde ist durchaus etwas, das mir bewusst ist. 

Die Überlegung ist unangenehm für mich, aber das heißt ja nicht, dass sie unwahr ist.

Unabhängig davon reicht das Doppelgebot der Liebe völlig aus, um uns in unserer Gottesbedürftigkeit zu erkennen. Zu erkennen, dass wir von den Aussagen von Jesus betroffen sind. Täglich davon betroffen sind, dass wir Gott nicht mit allen unseren Sinnen lieben, dass wir unsere Nächste und unseren Nächsten nicht wie uns selbst lieben.

Wenn wir das erkennen, dann bleibt uns nur noch der Weg zu Jesus.

Das ist vielleicht eines der tiefsten Geheimnisse oder Zeugnisse christlichen Glaubens, wenn man als Mensch erkennt, dass man sich nicht selbst erlösen kann.

Damit sehe ich meinen Weg doch im Licht der Auferstehung, so entlarvend der heutige Text auch sein mag, der mir klarmacht, dass ich ein sündiger Mensch bin. 

Hölle hin oder her, darüber müsste man nochmals gesondert nachdenken, aber meiner Ansicht nach genügt die Einsicht, dass ich Jesus brauche, um vor Gott bestehen zu können.

Und so bin ich zuversichtlich in der Hoffnung, dass für die Menschen die Jesus vertrauen, also ganz konkret für mich und für dich gilt, was Jesus selbst im Johannesevangelium sagt: 

„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben.“

  Amen