28. März 2020

Gottesdienst am 1. März 2020

Predigt: SI Stefan Schröckenfuchs

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Liebe Schwestern und Brüder, 

Ich freu mich, nach längerer Zeit wieder einmal bei euch in Graz zu sein. Wir haben heute in nach dem Gottesdienst unsere jährliche Bezirksversammlung. Und in diesem Jahr sind auch – wie alle 4 Jahre – Wahlen vorzunehmen. 

Es gehört zum demokratischen Verständnis unserer Kirche, dass Aufgaben nicht einfach verteilt oder nach Lust und Laune übernommen werden, sondern dass Menschen – je nach ihren Gaben und Möglichkeiten – für bestimmte Aufgaben gewählt werden. Damit wird ihnen gegenüber auch Vertrauen zum Ausdruck gebracht. Und das ist eine entscheidende Voraussetzung, um im Sinne der Gemeinschaft Verantwortung übernehmen zu können. 

Ich habe mit Frank vereinbart, dass wir heute von der üblichen Leseordnung abweichen, und stattdessen zwei Texte in den Mittelpunkt stellen, in denen es um Menschen geht, die in der jüdisch-christlichen Geschichte zu wichtigen Führungspersönlichkeiten geworden sind. 

Die Geschichte von der Berufung des Mose aus Exodus 3, und die Geschichte der ersten Jünger nach Johannes 1. Es sind beides also Berufungsgeschichten.

Und anhand dieser Geschichten kann man reflektieren, was – aus der Sicht Gottes – wesentliche Kriterien dafür sind, damit er Menschen in seinen Dienst nimmt. 

Die beiden Geschichten beginnen zunächst sehr unterschiedlich. 

Die Geschichte von Mose beginnt schon mit seiner Kindheit. 

Ich nehme an, ihr kennt diese Geschichte. 

Sie beginnt damit, dass die Israeliten als Fremde in Ägypten lebten. 

Und weil die Israeliten sich immer stärker vermehrten, war der ägyptische Pharao in Sorge, sie könnten so viele werden, dass sie ihm die Herrschaft im Land streitig machen könnten. 

Darum legt er ihnen immer härtere Lasten auf – und als grausamste Maßnahme lässt er eines Tages alle neugeborenen Buben töten. 

Nur Mose wird auf wundersame Weise errettet und wächst schließlich gar am Hof des Pharao auf. 

Er ist sich seiner Abstammung aus einer hebräischen Familie aber wohl bewusst.

Und als er eines Tages beobachtet, wie ein Ägyptischer Vorarbeiter, einen Israeliten schlägt, da erschlägt er diesen Ägypter im Zorn. 

Und flieht in Folge in die Wüste –  wo er schließlich jene Gottesbegegnung hat, von der wir heute gehört haben. 

Gott hat Mose schon von Kindheit auserwählt und auserkoren –  so der Tenor dieser Geschichte. 

Und sein Entschluss, Mose zum Anführer der Israeliten zu machen, bleibt auch bestehen, als Mose den Ägypter erschlägt. 

Ja es scheint sogar so, als würde Gott auch diese Situation gebrauchen, um Mose dahin zu bekommen, wo er ihn haben will: in der Wüste, wo Mose herausgerissen und auf sich allein zurück geworfen ist – und damit offenbar offen für die Begegnung mit Gott. 

Denn Gott will Mose dazu gebrauchen, um die Israeliten aus der Sklaverei in die Freiheit zu führen. 

Ganz anders verläuft zunächst die Geschichte der Berufung der ersten Jünger, Andreas und Simon Petrus. 

Über sie erfahren wir bei Johannes eigentlich so gut wie gar nichts. 

Das einzige, was wir über sie erfahren ist, dass sie zunächst von sich aus aktiv werden. 

Die Geschichte schließt im Johannesevangelium unmittelbar an die Tauf Jesu durch Johannes den Täufer an. Johannes der Täufer erkennt in diesem Zusammenhang, wer dieser Jesus ist; und als er Jesus am nächsten Tag wieder begegnet, sagt er über ihn: „Seht, das Lamm Gottes“. 

Man könnte wohl eine ganze Predigt füllen mit der Frage, was diese kurze Aussage meint. 

Ich übersetze es jetzt einmal mit: „Seht, da ist derjenige, den Gott sendet, um die Beziehung zwischen Gott und Menschen wieder in Ordnung zu bringen.“ 

Und diese kurze Andeutung des Johannes – so die Darstellung unseres Evangeliums – reicht aus, um die Jünger in Bewegung zu versetzen.
Ihr Interesse ist geweckt, und sie beginnen, Jesus hinterherzugehen. 

Für uns klingt das ein wenig absonderlich – aber was hier angedeutet ist, ist das Konzept der Rabbinischen Jüngerschulen. 

Ein guter Rabbi hatte immer seine Schüler bei sich. Und deren Aufgabe war zunächst nichts anderes als mitzugehen und zu beobachten, was der Rabbi tut – um von ihm zu lernen und es ihm gleichzutun. 

Learning by observing and imitating others – lernen, indem man jemanden beobachtet und nachmacht. 

Verblüffend an dieser Darstellung ist eigentlich nur, dass die Initiative von den Jüngern selbst ausgeht. 

Ein guter Rabbi achtete streng darauf, wen er in die Nachfolge aufnimmt – und wen nicht. Man nimmt nicht jeden dahergelaufenen als Schüler auf. Das schadet dem Image. 

In dieser Nachfolgegeschichte ist es dagegen anders. 

Die erste Initiative geht von den Jüngern aus – und Jesus fragt nicht um ein Empfehlungsschreiben – sondern er fragt lediglich danach, was sie antreibt: was sucht ihr? 

Die Vorgeschichten dieser beiden Berufungsgeschichten sind also sehr unterschiedlich – einmal wird es so geschildert, dass die Initiative ganz von Gott aus geht (Mose), das andere Mal, dass sie von den Menschen ausgehen (Predigt des Johannes und Suche des Andreas bzw. des Simon). 

Dennoch gibt es dann einige Dinge, die in beiden Geschichten ab diesem Zeitpunkt ganz ähnlich verlaufen. 

1) Beide Geschichten handeln als nächstes davon, dass die künftigen Leitungspersonen erst einmal selbst Gott kennenlernen müssen. 

Bei Mose wird das sehr kurz und komprimiert dargestellt in diesem Zwiegespräch zwischen Gott und Mose am brennenden Dornbusch. 

Gott stellt sich dem Mose vor als „Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“

Und er stellt sich ebenso vor als der Gott, der die Not seines Volkes hört, sieht und das Elend erkennt (d.h. sich davon betreffen lässt). Deshalb will er sein Volk in die Freiheit führen. 

Eine sehr knappe, direktive Gottesbegegnung, in der Mose sehr rasch mit Gottes Auftrag an ihn konfrontiert wird. 

Deutlich länger ist es bei den Andreas, Simon und allen anderen Jüngern. 

Ihr „Lernprozess“ dauert viel länger, denn Jesus nimmt sie mit auf einen mehrjährigen Lernweg. 

Aber dass auch hier das „kennenlernen“ im Zentrum steht, wird gleich im ersten Gespräch zwischen Jesus und den Jüngern. 

Als Jesus sieht, dass sie ihm nachlaufen, fragt er sie: was sucht ihr?

Und ihre Antwort ist erstens die Anrede „Rabbi“ (mit anderen Worten: wir anerkennen dich als Lehrer), wo wohnst du / wo hast du deine Bleibe?“

Das ist insofern spannend, als es an einer anderen Stelle ja heißt , dass Jesus sagt: 

Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.

Jesu Heimat ist nämlich nicht in dieser Welt – sondern sie ist bei Gott, sie ist im Reich Gottes, dessen Kommen Jesus angekündigt hat. 

Die Einladung: „kommt und seht“ meint also nicht: dann kommt einmal auf einen Cafe zu mir nach Hause und schaut wie ich so lebe. 

Sondern sie meint: kommt, und lernt meine Himmlische Heimat kennen – lernt, was es heißt, sein zu Hause bei Gott zu haben. 

Und was folgt ist eine mehrjährige Lerngemeinschaft, in der die Jünger diese himmlische Heimat – dieses verwurzelt sein in Gott – kennen lernen und sich darin einüben. 

Die erste Erkenntnis für die Frage, was gute, christliche Leadership ausmacht, ist aus meiner Sicht also: 

Zunächst einmal kommt es darauf an, Gott selbst kennen zu lernen. 

Und das mag nach eine Binsenweisheit klingen. 

Aber aus meiner Sicht ist es das nämlich nicht. 

Sondern ich beobachte es sehr häufig – und kenne es auch als Gefahr bei mir selbst – dass christliche Leiter*innen und Verantwortungsträger*innen oft meinen, für alles Mögliche Zeit haben zu müssen. 

Was aber in der Betriebsamkeit auf der Strecke bleibt, ist Zeit für die eigene Beziehung mit Gott. 

Ein Mose wird im Lauf seines Weges immer wieder zurückgeworfen auf seine „Angewiesen sein auf Gott“. 

Und der Weg Jesu beginnt mit der Einladung, bei ihm zu bleiben – und seine himmlische Bleibe kennen zu lernen. 

Ohne Zeiten und Orte für die Erfahrung der Gegenwart Gottes wird es im christlichen Leitungsdienst nicht gehen. 

Ich halte es für sehr wichtig, sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen. 

Meine zweite Beobachtung ist dann die, dass sich weder Mose noch die Jünger ihren Auftrag selbst geben. 

Bei Mose geht das wie gesagt ziemlich direktiv und schnell. 

Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, 10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Zack. 

Klare Ansage, klarer Auftrag. 

Und ziemlich eindeutig wohl nicht das, was sich Mose für sein Leben vorgestellt hat. 

Ewas anders ist es wohl wieder bei den Jüngern – und bleibe jetzt hier exemplarisch bei Simon Petrus. 

Der war nämlich offensichtlich schon einer, der sich selbst gerne in der Führungsrolle gesehen hat. Dazu gibt es eine Menge Beispiele in den Evangelien. 

Und am Schluss bekommt er diese Rolle von Jesus auch zugestanden. 

Ganz am Ende des Johannesevangeliums, bei der letzten Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen Jesus. 

Da beauftragt Jesus Simon Petrus: Weide meine Schafe. Also: übernimm Verantwortung für die Gemeinschaft meiner Jünger. 

Vorher muss Petrus sich allerdings 3 x die Frage gefallen lassen, ob er Jesus tatsächlich liebt. 

Petrus bekommt also von Jesus die Rolle, die ihm immer schon selbst gefällt. 

Er kann sie aber nur erfüllen auf der Grundlage der Liebe zu Jesus – und nicht auf der Grundlage der Liebe zu sich selbst. 

Christliche Leadership beinhaltet, sich den eigenen Auftrag nicht selbst auszusuchen, sondern sich von Gott senden zu lassen. 

Es ist dabei nicht allein entscheidend, ob wir uns mit dieser Rolle eher  weniger (Mose) oder eher mehr (Petrus) identifizieren können. 

Sondern entscheidend ist, unsere Vertrauensbeziehung zu Gott, bzw. unsere Liebe zu unserem Herrn. 

3) Das führt zu einer dritten Überlegung

Wer sich für einen christlichen Dienst senden lässt ist nicht vor Situationen gefeit, in denen er sich zunächst überfordert fühlt. 

Das erfährt der  –  in der Regel immer begeisterte und enthusiastische – Petrus ebenso wie der eher zögerliche und ängstliche Mose. 

Moses vollkommen verständliche Reaktion auf Gottes Auftrag ist

Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? 

Und der begeisterte Petrus, der noch wenige Tage vor Jesu Kreuzigung verspricht, notfalls für Jesus sterben zu wollen, kriegt schon bei ein paar harmlosen Fragen kalte Füße und leugnet, zu Jesus zu gehören. 

Das Gefühl der Überforderung ist wohl allen christlichen Leiter*innen nur allzu vertraut. 

Sowohl Petrus als auch Moses ist aber jeweils etwas verheißen. 

Die Antwort Gottes an den überforderten Mose ganz einfach: 

„Ich werde mit dir sein“

Ich lass dich damit nicht allein

Und als Jesus den Simon das erste Mal sieht, sagt er ihm zu:

»Du bist Simon,

der Sohn des Johannes.

Dich wird man Kephas nennen«

– das bedeutet Fels

Jesus sieht also nicht nur, wer  Simon jetzt gerade ist. 

Sondern er sieht auch, wer er einmal sein kann und sein wird. 

Und er sagt ihm das nicht so, dass es eine Last ist: „Du sollst ein Fels in der Brandung sein – reiß dich also zusammen“ 

Sondern er sagt es ihm als Verheißung: „dich wird man einmal so nennen.“ Das ist es, was die Menschen später einmal in dir sehen. 

Auch das ist eine Ermutigung: ich muss heute noch nicht der sein, den Gott schon in mir sieht. 

Aber auf meinem Weg mit Gott – und mit seiner Hilfe – kann und  werde ich zu dem werden, den Gott in mir angelegt hat, und als den mich Gott haben will. 

Nicht weil es von mir kommt. Sondern weil es von Gott kommt. 

Und zu alledem kommt noch: Gott stellt niemanden von uns allein in den Dienst. 

Mose bekommt sehr rasch Aron an die Seite gestellt, mit dem er seinen Dienst teilt. 

Und die Schar der Jünger beläuft sich sogar auf 12. Petrus ist mit seiner Aufgabe nicht allein. 

Von niemanden von uns wird erwartet, dass wir eine christliche Führungsaufgabe allein übernehmen. 

Gott stellt uns immer Menschen an die Seite, mit denen wir unsere Berufung teilen. 

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Ich fasse meine Überlegungen also nochmals zusammen: 

Wie jemand seinen Weg zu Gott – und damit seinen Weg zu seiner Beauftragung von Gott – kommt, kann ganz verschieden sein. 

Manche fühlen sich eher von Gott überrascht (wie ein Mose), bei anderen steht stärker eine eigene Suche im dahinter (wie bei Petrus).

Entscheidend ist jedoch: wer in einer christlichen Gemeinschaft eine Führungsaufgabe übernimmt, gibt sich seinen Auftrag nicht selbst, sondern er empfängt sie von Gott. 

Darum ist es essentiell – und ich betone das nochmals – dass die eigene Frömmigkeit (also Zeit für die eigene Begegnung und Gemeinschaft mit Gott) am Anfang und im Zentrum steht. Sonst geht die Sache schief. 

Auch eine tiefe Verbundenheit schützt uns allerdings nicht vor dem Gefühl der Überforderung. 

Doch Gott sagt uns zu: ich bin mit dir und lass dich nicht allein. 

Ich sehe schon in dir, wer du einmal sein wirst, auch wenn du es jetzt noch gar nicht bist. Und du bist auch „als mein Bodenpersonal“ nicht allein, sondern wir alle teilen unsere Berufungen mit anderen, und haben Menschen die unseren Dienst mit uns tragen. 

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Und nun erlaubt mir, dass ich noch einen letzten Punkt anfüge, denn der ist mir erst beim Schreiben dieser Predigt selbst so recht bewusst geworden. 

Vor einer Woche haben sich die Laiendelegierten und Pastor*innen unserer Kirche zu einem Studientag getroffen. 

Es ist dabei unter dem Motto „What to teach“ um die Frage nach den Kernaufgaben und dem Profil unserer Kirche in Österreich gegangen. 

Wir haben uns über das Zentrum / das Herz unseres Glaubens ausgetauscht, und haben sie mit Kernelementen methodistischer Theologie verknüpft. 

Und dabei sind drei Themenkreise im Zentrum gestanden: 

Unsere Beziehung zu Gott –  denn wonach wir uns sehnen ist die Erfahrung der Liebe Gottes. 

Unsere Beziehung zum Mitmenschen – denn wozu wir uns gerufen wissen, ist ein Glaube, der sich den Mitmenschen zuwenden – ein Glaub der in der Liebe tätig ist. 

Und unsere christliche Gemeinschaft: unsere Gemeinden, in denen wir uns in beidem einüben: darin, uns für Gott zu öffnen, um Gottes nähe zu Erfahren. 

Und darin, uns senden zu lassen für unsere den Dienst in der Welt. 

Und es war für mich spannend zu sehen, wie wichtig uns allen das Element der christlichen Gemeinschaft bzw. Gemeinden war: 

Weil sie eben Orte des Lernens sind; Gemeinschaften, in denen wir uns im Glauben gegenseitig stützen. 

Und in gewisser Weise auch geschützte Räume, in denen wir lernen können Verantwortung zu übernehmen, auf andere Zuzugehen,  und uns unsren Nächsten zuzuwenden. 

Orte, an denen wir lernen können, die zu werden, als die wir uns vielleicht noch gar nicht selbst sehen. 

Aber die, die Jesus schon längst in uns sieht. 

Wenn wir heute Menschen für bestimmte Dienste wählen, legen wir ihnen nicht nur eine Last auf, gewisse Aufgaben zu erfüllen. 

Wir vertrauen sie darin auch der Leitung Gottes an. 

Und wer immer sich für einen Dienst bereiterklärt und senden lässt, darf dies unter der Zusage tun: du bist damit nicht allein. 

Gott wird mit dir sein. 

Gott wird in dir wachsen lassen, was er schon längst angelegt hat. 

Und wir sind eine Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig stärken, begleiten und tragen. 

Weil wir letztlich alle von Gott gesegnet und gesendet sind. 

Amen